Stricken ist das neue Yoga
Möchten Sie sich einfach mal umgarnen lassen? Umgeben von einem wolligen Kokon aus bestrickend schönen Farbverläufen den Alltag wegmeditieren? Dann nichts wie ran an die Nadeln, denn auf Sie warten ungeahnte Erfahrungen. Und sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie seien völlig talentlos. In Gütersloh gibt es gleich zwei Adressen, die Ihnen das nötige Rüstzeug mitgeben: „Frau Wolle“ an der Hohenzollernstraße und „Das Bobbel Bienchen“ Unter den Ulmen. Zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle, ein Ziel: möglichst vielen Menschen die wohltuende Wirkung des Strickens (und Häkelns) auf Körper und Seele nahezubringen.
Erster Eindruck im Ladengeschäft von „Frau Wolle“ an der Hohenzollernstraße: außerordentlich gemütlich. Das wandfüllende Regal gegenüber der Eingangstür präsentiert ein Kaleidoskop aus unzähligen Farbnuancen. Im Ohrensessel arbeitet Mitarbeiterin Heidrun Bultmann konzentriert an einem Musterstück, über der Armlehne bilden fertige Stücke die standesgemäße Dekoration: ein pinkfarbig-flauschiger Pullover ist darunter und ein strahlendes Etwas im satten Gelb südlichster Sonne. Stricken kann auch die Lust an der Farbexplosion sein.
Beate Unger, die Chefin – also gewissermaßen Frau Wolle höchstpersönlich – ist an diesem Tag auf dem Bessmann-Gelände in Marienfeld anzutreffen. Dort hat sie vor zwei Jahren in einem der historischen Fachwerkhäuser ein Outlet eingerichtet. Die ihr eigene Handschrift ist auch hier zu erkennen: überall offene Regale, Kisten und Körbe zum kreativen Stöbern, Material in allen Farben, Stärken und Finessen, Entdeckungen wie ein Garn namens „Popcorn“, das verstrickt genau den Effekt des süßen Snacks hat, wenn das Garn an einigen Stellen munter aufploppt. Man möchte es am liebsten gleich ausprobieren. Kann man, denn Frau Wolle bietet natürlich auch Kurse und Workshops an – zu bestimmten Themen ebenso wie für absolute Beginner: „Jeder kann stricken und häkeln,“ erklärt Beate Unger und weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung, denn sie ist im Wollgeschäft ihrer Eltern in Beckum im Beruf quasi hineingewachsen: „Ich kann es jedem beibringen, wenn er oder sie es will.“ Die Nachfrage ist groß, die Kurse sind schnell ausgebucht. Die Eröffnung des Outlets weist letztlich ebenfalls in diese Richtung: Die handarbeitliche Beschäftigung mit Wolle und Nadel liegt offensichtlich voll im Trend.
Das kann auch Ina Richter bestätigen, die Unter den Ulmen in diesem Frühjahr ihre „Wollmanufaktur“ eröffnet hat. Auch im „Bobbel-Bienchen“ – der „Bobbel“ ist ein Knäuel, das das Stricken im harmonischen Farbverlauf ermöglicht – regieren alle Farben des Regenbogens, liegt seidiges Suri Alpaka weich in der Hand, während Schafwolle schottischer Herkunft vermutlich echte Puristen entzückt. Allen gemeinsam ist, dass sie von Ina Richter und ihrem kleinen Team handgefärbt werden – „tierleidfrei, nachhaltig und klimaneutral“ sind die Grundlagen des gesamten Produktionsprozesses, den man durchs Schaufenster und natürlich auch drinnen beobachten kann. Allerdings: Ein klassisches Ladengeschäft ist das Bobbel-Bienchen nicht. Der Kontakt zur Kundschaft läuft auch auf Wollmessen, wo Ina Richter mit einem großen Stand präsent ist. Vor Ort wiederum werden Workshops für fast jeden Bedarf angeboten: vom Anfängerkurs bis zum Handspinn-Workshop reicht hier das Programm.
Der Zulauf ist bei Beate Unger ebenso wie bei Ina Richter groß. Die Altersspanne, so bestätigen beide, reicht von ganz jungen Kundinnen bis zu den älteren, die „Handarbeiten“ oder „Textiles Gestalten“ noch sehr intensiv in der Schule gelernt haben. Auch viele werdende Mütter entdecken das Stricken und Häkeln für sich – als kontemplative Tätigkeit zur Geburtsvorbereitung. Corona mit den eingeschränkten Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung habe möglicherweise auch einen Anteil an der neuen Liebe zum alten Handwerk, glaubt Beate Unger. Sie hat genau in dieser Zeit ihr Geschäft an der Hohenzollernstraße eröffnet: „Die Kunden von damals sind Stammkunden geblieben.“
Auch heute noch ist die Kundschaft vorrangig weiblich, aber auch Jungen und Männer registrieren beide Anbieterinnen. Die Faszination für den Umgang mit der Nadel ist in der Tat unabhängig vom Geschlecht: mit den Händen arbeiten, runterkommen, entspannen, abschalten sind die Attribute, die unisono von Beate Unger und Ina Richter genannt werden, wenn es um die Wirkung geht. Die beruhigende Regelmäßigkeit der Abläufe, der nachvollziehbare Entstehungsprozess eines unverwechselbaren Produkts, die Koordination der Bewegungen – all das ist mehr als ein bloßer Herstellungsprozess. Kurzum: Stricken ist das neue Yoga – eine Tätigkeit, die Körper und Geist gleichermaßen ins Gleichgewicht bringt.
Aber auch im allerhöchsten Maße kommunikativ kann der Umgang mit der Wolle sein. Wer mit dem Strick- oder Häkel-Virus infiziert ist, wird sich bald nach Austausch sehnen – nach Anleitung und Anregungen für neue Muster, nach Tricks und Tipps für noch überzeugendere Ergebnisse. Aber es muss gar nicht der handwerkliche Ehrgeiz sein für ein strickendes Gruppenerlebnis. „Frau Wolle“ zum Beispiel bietet seit gut einem Jahr zusammen mit dem Gütersloher „Filmwerk“ Kinoabende zu aktuellen Filmen an, flankiert mit einem Sektempfang und Wollverkauf. Und selbstredend bleibt das Licht an im Kinosaal. Ein weiteres Gruppenangebot ist der Stricktreff am Freitag, wo alle an ihrem ganz persönlichen Stück arbeiten und sich bei Bedarf Tipps und Hilfe von Beate Unger einholen.
Ein besonderes Angebot machen Ina Richter und ihre Mitarbeiterin Yvonne Schelenz am Stand des „Bobbel Bienchens“ auf den Wollmessen. Das „Strickcafé“ bietet die Möglichkeit, einfach an einem unfertigen Teil weiterzustricken. Auf diese Weise seien zum Beispiel nach einem NDR-Aufruf Mützen für Fischer entstanden, erzählt Yvonne Schelenz. Auch dieser Gedanke des „Weiterstrickens“ kommt direkt dem Kern dieser alten Kulturtechnik auf die Spur, die sich immer wieder neu erfunden hat. Vielleicht ist es gar nicht so wesentlich, was man am Ende strickt (oder auch häkelt), sondern dass man es tut. Wenn dann das Ergebnis ein sehr langes Wollstück ist, deklariert man es halt zum Schal, legt es sich dreimal um den Hals und freut sich, denn der nächste Winter kommt bestimmt. Und auch der bietet schöne lange Abende von bestrickender Entspanntheit.






Frau Wolle
Hohenzollernstraße 7, Gütersloh.
Aktuelles Programm, Öffnungszeiten,
Aktionen und Angebote auf Instagram
unter frau_wolleguetersloh
und frau-wolle-Outlet
Das Bobbel-Bienchen
Unter den Ulmen 33,
33330 Gütersloh.
Hier wird gestrickt, gehäkelt,
beraten, gecoacht und verkauft.
Alle Angebote und Workshops unter
www.das-Bobbel-bienchen.de
Fotos: Susanne Zimmermann









