Veras gute Seiten
Sechs Autorinnen und Autoren, die einige der wohl spannendsten Neuerscheinungen des Frühjahrs geschrieben haben, gilt es zu entdecken.

Max Küng
Supertoskana
Sommerurlaub mit den besten Freunden in der Toskana – eigentlich eine super Idee. Wären da nicht die diversen Probleme, die sich nicht in heimischen Gefilden zurücklassen lassen und in der italienischen Sommerhitze immer weiter hochkochen. Nachdem Max Küng in seinem letzten Roman „Fremde Freun-de“ die Idylle in Frankreich hat bröckeln lassen, beweist er erneut sein Können im flirrenden Kammerspiel. Drei Paare, ein bisschen am Pool liegen, ein bisschen dolce far niente genießen. Wären da nicht das dauerschreiende Kleinkind, der mit dem ausbleibenden Ruhm ha-dernde Schauspieler und all die anderen kleinen Konflikte. Offen ausgetragen werden davon die wenigsten, vielmehr gibt Max Küng den Lesenden Einblick in die Gedankenwelt seiner Figuren. Sympathisch sind dabei die wenigsten und trotzdem fühlt man sich während der Lektüre bestens unterhalten.
Kein & Aber
496 Seiten | 27 Euro

Carl-Johan Vallgren
Deine Zeit wird kommen
Zehn Jahre nachdem sein letztes Buch in Deutschland erschienen ist, kehrt Carl-Johan Vallgren mit einem fein komponierten Kriminalroman zurück. 1993 verschwindet die Tochter des Kommissars Björling während eines Campingausflugs mit ihrem Freund. Währenddessen ermitteln ihr Vater und seine Kollegin in der endlosen schwedischen Waldlandschaft in einem brutalen Mordfall an einer jungen Frau. Während die beiden auch mit ihren eigenen Schatten zu kämpfen haben, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Vallgren kreiert dichte Spannung, getragen von einer so nüchternen wie poetischen Sprache. So verbindet er Ermittlungsplot, Atmosphäre und psychologische Tiefe zu einer Auseinandersetzung mit Trauer, Verlust und dunkler Familiengeschichte, die zurecht mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichnet wurde.
Suhrkamp aus dem Schwedischen von Hanna Granz
352 Seiten | 18 Euro

Jennifer E. Smith
Ein Riesenspaß für
die ganze Familie
Als Kinder waren die vier Endicott-Geschwister unzertrennlich, eine Einheit, in der sie all die schrägen Ideen ihrer häufig abwesenden Mutter, die nicht nur die familiären Sommerurlaube äußerst sprunghaft gestaltete, gemeinsam bestehen. Als Erwachsene hingegen haben die vier keinerlei Kontakt, bis Jude, inzwischen erfolgreiche Schauspielerin, zu einem Familientreffen nach North Dakota einlädt. Auch wenn alle mit ihren eigenen Herausforderungen zu kämpfen haben und der Zeitpunkt denkbar ungünstig ist, reisen sie an, um diese Familientradition wieder aufleben zu lassen. Jennifer E. Smith eröffnet nach und nach ehrliche Einblicke in das Leben der Geschwister, die dadurch sehr nahbar werden. Sie erzählt davon, was Mitglieder einer Familie auseinanderbringen kann – und was nötig ist, um wieder zusammenzufinden.
Lübbe aus dem Amerikanischen von Ute Leibmann
448 Seiten | 22 Euro

Debra Curtis
Die Gesetze von Liebe und Logik
Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter wachsen die beiden Schwestern Lily und Jane bei ihrem Vater an dem Jungeninternat auf, an dem er als Lehrer arbeitet. Als Lily an ihrem ersten Tag auf der Highschool „den Jungen“ kennenlernt, beginnt die große Geschichte ihres Lebens. Jahre später lebt sie in einer stabilen Beziehung und doch lässt eine Begegnung sie die Gesetze eines „richtigen“ Lebens und Liebens hinterfragen. Währenddessen treibt ihre Schwester Jane nach dem Tod der Mutter haltlos durch ihr Leben, für die Beziehung der Schwestern eine lebenslange Belastung. Debra Curtis erzählt diese Geschichte über 40 Jahre einfühlsam, ohne dabei je ins Rührselige zu kippen. Und zugleich von Lilys Leben, in dem sie immer wieder zwischen dem christlichen Glauben, der Naturwissenschaft und moralischen Grundsätzen abwägen muss.
Ullstein aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
352 Seiten | 24 Euro

Emma Stonex
Sunshine Man
18 Jahre nachdem der Mann, der ihre Schwester ermordet hat, verurteilt wur-de, verlässt Birdie Keller ihre Familie. Ihr Ziel: Rache an dem Menschen zu nehmen, der ihr das Wichtigste im Leben genommen hat. James Maguire hingegen will abschließen mit den Erinnerungen, die ihn während der Haft immer wieder bedrohlich nahegekommen sind. Dafür bricht er auf gen Devon, Birdie immer auf seinen Fersen. Vor der unwirtlichen Landschaft sehen sich beide mit ihrer traumatischen Jugend konfrontiert und der Erkenntnis, dass Zeit niemals alle Wunden heilen kann. Emma Stonex baut eine atmosphärische Spannung auf, die die Lesenden immer tiefer in diese ab-gründige Geschichte hineinzieht, in der Schwarz und Weiß nie trennscharf zu erkennen sind. Wechselnd erleben wir die Geschehnisse aus Birdies und James’ Perspektive, die sich bis zum Schluss immer weiter auf einander zubewegen.
S. Fischer aus dem Englischen von Eva Kemper
400 Seiten | 24 Euro

Pauline Hatscher
Über Vier Leben
Patrick Radden Keefe zählt zu den renommiertesten Investigativjournalisten der Gegenwart. Nun begibt er sich in die Londoner High Society und beweist sich als Chronist von Macht, Geld und Korruption. Als sich 2019 ein junger Mann vom Balkon eines Londoner Hochhauses stürzt, ist es das verzweifelte Ende eines gefährlichen Doppellebens. Zac Brettler verfällt während seiner Schulzeit immer stärker den Verlockungen von Luxus und Reichtum. Um in der Welt von Superreichen und Privatclubs mithalten zu können, erfindet er eine Identität als Sohn eines Hannchen, Lisa, Sabine, Maribell – vier Namen, vier Generationen einer Familie, in der Frauen immer wieder mit strukturellen und persönlichen Benachteiligungen konfrontiert werden. Die Urgroßmutter gebiert unverheiratet ein Kind und verschwindet. Dieses Kind, die Großmutter, zerbricht an ihren psychischen Problemen. Die Mutter lebt in einer missbräuchlichen Beziehung und nie wird über das Geschehene gesprochen. Bis Maribell, die Tochter, versucht, das Schweigen zu brechen und ihren Vorfahrinnen ihre jeweilige Geschichte zu geben. Pauline Hatscher erzählt aus vier Perspektiven in vier Zeiten, räumt jeder Figur ihren Raum ein und macht so unmittelbar, fast schmerzvoll erfahrbar, wie verzweifelt Sprachlosigkeit und Unwissenheit machen kann. Dabei ist das Buch kein klassischer Generationenroman, sondern arbeitet vielmehr mit der Frage der Narrative.Oligarchen. Sein Tod ist bis heute nicht final aufgeklärt, seine Eltern kämpfen weiter für die Ermittlungen. Radden Keefe setzt mit seinen packenden und präzisen Recherchen genau dort an: bei den Leerstellen und blinden Flecken, die London zu einem Tummelplatz für die organisierte Kriminalität machen.
Eichborn
352 Seiten | 24 Euro

