Veras gute Seiten
Sechs Autorinnen und Autoren, die einige der wohl spannendsten Neuerscheinungen des Frühjahrs geschrieben haben, gilt es zu entdecken.

Ethel Wilson
Liebe und Salzwasser
Als Kind wächst Ellen Guppy in dem Wissen auf, dass die großen Frachter, die vor ihrer Haustür herziehen, ihren Vater aus Vancouver in die Welt bringen. Einen Vater, zu dem sie nie eine enge Bindung hat aufbauen können und die endgültig zerbricht, als Ellen ihn, nach dem plötzlichen Tod ihrer geliebten Mutter, auf eine Reise über den Atlantik begleiten muss. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Nora sträubt sie sich gegen die Konventionen ihrer Zeit und bleibt eine alleinstehende Frau, die selbstbestimmt ihren eigenen Weg verfolgt. Die beiden titelgebenden Themen prägen das Leben der Protagonistin, die nicht ohne das eine oder final auch nicht ohne das das andere kann, allem Schmerz zum Trotz. Eine atmosphärische Wiederentdeckung, die ins British Columbia der 1930er-Jahre führt und zu einer, auch in Kanada fast vergessenen Autorin.
mare aus dem Kanadischen von Klaus Bonn | 244 Seiten | 28 €

Mechthild Lanfermann
Wahnsinnszeit
Als 1989 in Berlin die Mauer fällt, steht für fünf Freunde aus einer nordfriesischen Studentenstadt fest, da müssen wir hin. Eliza, Ava, Maria, Jo und Thies brechen auf und werden eine Einheit, für manche von ihnen ist es das erste Mal als Teil von etwas. Doch schnell bekommt die Dynamik Risse, als Ungewissheiten, Wünsche, Beziehungen und Ängste auf die Aufbruchsstimmung treffen. Als Ava, immer Mittelpunkt der Gruppe, immer größere mentale Probleme bekommt, droht die „Wahnsinnszeit“ schneller zu enden als gehofft. Mechthild Lanfermann erzählt in ihrem posthum erschienen Roman von den Wirren des Erwachsenwerdens, den politischen Umbrüchen und dem Versprechen neuer Freiheiten, auf einfühlsame Art und Weise. Sodass, egal ob miterlebt oder nicht, man sich in das Lebensgefühl zur Zeit der Wende unmittelbar einfühlen kann.
Frankfurter Verlagsanstalt | 256 Seiten | 24 €

Nadine Schneider
Das gute Leben
„An Quelle führt kein Weg vorbei!“ – Für Christinas Familie gilt dieser Slogan. Zwar wird dort nicht bestellt, aber Großmutter Anni arbeitet für das Versandhaus, seit sie Ende der 1960er Jahre aus Rumänien nach Deutschland geflohen ist. Mit Überzeugung packt sie Pakete, engagiert sich (zu viel) und zieht ihre Tochter und später ihre Enkelin allein groß. Diese Enkelin, Christina, steht nun inmitten zahlloser Erinnerungen in deren Haus in einer fränkischen Kleinstadt und muss entscheiden, was nach dem Tod ihrer Großmutter damit geschehen soll. Atmosphärisch zeichnet Nadine Schneider das feinfühlige Porträt einer Familie zwischen dem kommunistischen Rumänien und dem Wirtschaftswunder-Deutschland. In poetische Sprache nähert sie sich der Frage wie man – oder vielmehr: wie Frau – sich ein eigenes Leben schaffen kann und wie sehr das Umfeld uns prägt.
S. Fischer | 304 Seiten | 25 €

Louise Hegarty
Fair Play
Eine Freundesgruppe feiert gemeinsam Silvester und zugleich den 33. Geburtstag von Benjamin in einem irischen Landhaus. Wie in den vergangenen Jahren plant dessen Schwester ein aufwendiges Krimispiel für alle Beteiligten, doch in diesem Jahr wird es tragisch enden. Benjamin wird am nächsten Morgen tot aufgefunden und damit beginnt das eigentliche Rätsel. Louise Hegarty bedient sich der Klaviatur klassische Kriminalromane, zitiert die goldenen Regeln und schickt in einer historischen Erzählebene einen Ermittler samt Sidekick ins Rennen, der Sherlock Holmes in nichts nachsteht. Nach und nach setzt sich hier und in der Gegenwart ein Puzzle aus Geheimnissen, Intrigen und Abhängigkeiten zusammen, zur großen Freude der Lesenden. Parallel beschäftigt sich das Buch aber auch mit der Frage nach dem Umgang mit Trauer, der eigenen und der von anderen.
dtv aus den Englischen von Eva Bonné | 352 Seiten | 25 €

Regina Denk
Der Fährmann
Im Süden Bayerns verläuft die Salzach zwischen Österreich und Deutschland, kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs lässt sich diese Wassergrenze nur mithilfe eines Fährmanns überqueren. Eine Lebensaufgabe, die seit Generationen innerhalb einer Familie weitergegeben wird und das Verbindungsglied für beide Dörfer ist. Untrennbar verbunden mit dem aktuellen Fährmann Hannes sind auch drei andere junge Menschen auf beiden Seiten des Flusses: Josef, Elisabeth und Annemarie. Zwischen Gefühlen, familiären Bindungen, Abhängigkeiten und Traditionen versuchen die vier ihre Leben zu machen, bis zum unausweichlichen Eklat. Regina Denk erzählt in atmosphärisch historischem Setting von so universellen Fragen wie Schuld, Gewalt und der Suche nach Empathie und Zusammengehörigkeit. Düster geht es in vermeintlich längst vergangen Zeiten um Fragen der Gegenwart.
Droemer | 384 Seiten | 24 €

Gianrico Carofiglio
Der Horizont der Nacht
Mord oder Notwehr? Als Avvocato Guido Guerrieri von einem Bekannten um juristischen Beistand in einem Tötungsdelikt gebeten wird, ist diesem schnell klar, es wird kein einfacherer Prozess. Die Angeklagte soll den Partner ihrer Zwillingsschwester getötet haben, gibt dieses auch zu. Für die Verteidigung ist klar: Vorsatz bedeutet lebenslängliche Haft. Während seinen Ermittlungen entwickelt Guerrier die Argumentation, es handele sich um eine Tat aus Notwehr, auch wenn ihm seine Klientin weiterhin Grund für Zweifel liefert. Das Motiv des Zweifels zieht sich auch durch sein Leben: Was ist Gerechtigkeit? Ist der Anwaltsberuf meine Zukunft? Auf der Suche nach Antworten konsultiert er einen Psychoanalytiker, streift durch das nächtliche Bari.
Folio Verlag aus dem Italienischen von Verena von Koskull | 272 Seiten | 25 €


