Veras gute Seiten
Sechs Autorinnen und Autoren, die einige der wohl spannendsten Neuerscheinungen des Frühjahrs geschrieben haben, gilt es zu entdecken.

Matt Haig
Die Mitternachtsreise
Nach außen hatte Wilbur Budd alles: eine erfolgreiche Buchhandelskette, Fernsehauftritte, Respekt von allen Seiten. Innerlich fühlt er sich seit Jahren wie ein Versager ohne Familie und enge Bindungen. Doch statt des dunklen Nichts wartet am Ende seines Lebens ein Zug auf ihn. Ein Zug, der ihn mitnimmt zu den verschiedenen Stationen seines Lebens. An seiner Seite Agnes, die ältere Dame, deren Buchhandlung in Wilburs Kindheit der einzige Zufluchtsort war. Gemeinsam reisen sie durch glückliche Momente, große Verluste und all die Entscheidungen, die sein Leben geprägt haben. Ebenfalls an Bord, die Frage, was hätte sein können, wenn man eine andere Abzweigung genommen hätte. Matt Haig erzählt wie schon in der „Mitternachtsbibliothek“ mit großer Empathie für seine Figuren und deren Menschlichkeit – und schafft so Denkanstöße für die Lesenden.
Droemer aus dem Englischen von Sabine Hübner
336 Seiten | 24 Euro

Colin Barrett
Wilde Häuser
In dem kleinen irischen Dorf Ballina kennt jeder jeden, auch die hiesigen Kleinkriminellen. Nichtsdestotrotz ist es besser sich nicht mit den Drogenbossen anzulegen. Doch es ist zu spät für Cilian English. Oder vielmehr seinen jüngeren Bruder Doll, der zur Erpressung entführt wird und sich im Keller eines abgelegenen Hauses wiederfindet. Keller sind wie Dachböden in Irland eigentlich eine Seltenheit, was zeigt wie wichtig besagte Häuser für den Debütroman Colin Barretts sind. Hier tummeln sich Kriminelle und Drogenabhängige, hier bekommen Einsamkeit und Härte des Lebens ein Gesicht. Seine Milieuschilderungen und Figurenzeichnungen bleiben lebendig und lebensnah, Sprachbilder sind außergewöhnlich und authentisch. Die Tristesse und Aussichtlosigkeit der irischen Provinz kommentiert er subtil schwarzhumorig ohne seine Charaktere lächerlich zu machen.,
Steidl Verlag aus dem Irischen von Hans-Christian Oeser, Claudia Glenewinkel
256 Seiten | 25 Euro

Lena Kupke
Pause
Mit Mitte 30 zurück zu den Eltern, für die wenigsten eine Wunschvorstellung. Hannah hat nach einem Zusammenbruch keine andere Wahl als Berlin hinter sich zu lassen und wieder nach Lüneburg zu kommen. Dorthin, wo ihre Eltern aneinander vorbeizuleben scheinen, ihre Schwester so selbstverständlich ein und aus geht und Hannah ihren Platz suchen muss. Aus einer kurzen Pause werden Wochen und die Erkenntnis, dass einigen Unwägbarkeiten und Hürden zum Trotz, Zurückkommen nicht unbedingt Versagen bedeutet. So sehr man während der Lektüre an Hannahs Seite ist und die Absurditäten ihren Lauf nehmen, so oft findet man sich doch auch selbst in Gedanken, Situationen und Gefühlen wieder. Lena Kupkes Debütroman ist so humorvoll wie hintergründig und schafft es so, eine ganz besondere Intensität der Szenen und der Protagonisten zu schaffen.
DTV
320 Seiten | 23 Euro

Daria Lavelle
Aftertaste
Kostya arbeitet als Tellerwäscher, doch hinter seinem unscheinbaren Alltag verbirgt sich eine besondere Gabe: Er kann Verstorbene über den Geschmack ihrer Lieblingsgerichte noch einmal nahbar machen. Doch als er ein „Geisterrestaurant“ eröffnet, stellt sich schnell die Frage wie weit man dabei gehen soll und wo ein Abschied heilender sein kann. Was zunächst wie eine originelle Prämisse klingt, entwickelt sich bei Daria Lavelle zu einem Roman über Trauer, Sehnsucht und die Frage, wie man loslässt, ohne zu vergessen. Zwischen der New Yorker Restaurantszene, dunklem Humor und viel Sinnlichkeit entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen ungewöhnlich wie berührend ist. Lavelle erzählt mit feinem Gespür für Emotionen und kulinarische Details, sodass Geschmack hier fast zu einer Sprache für Erinnerung wird.
S. Fischer aus dem Englischen von Eva Kempe
432 Seiten | 18 Euro

Timothy Paul
Eine Liebe ohne Sommer
Was, wenn die große Liebe endet bevor sie ganz groß werden konnte? Als Nicolas am Neujahrsmorgen bei einem tragischen Unfall stirbt, weiß Rosa nicht wohin. Darf sie trauern, auch wenn sie Nicolas erst drei Monate kannte, auch es die wohl intensivsten ersten drei Monate waren? Warum kannte sie außer seiner Mutter niemanden, der ihm wichtig war? Auf der Suche nach Antworten trifft sie auf Kindheitsfreunde, Expartnerinnen und ein überraschend schlagfertiges Kind, die ihr nicht nur zeigen, wer Nicolas noch war, sondern auch, was es bedeutet, zu leben. In seinem literarischen Debüt schafft es der Branchenprofi Timothy Paul einen hintergründigen, intensiven Roman über Abschied, Schmerz und Geheimnisse zu erzählen, voller Liebe für seine Figuren und ohne jegliches Pathos. Eine warmherzige, lebensnahe Geschichte über Toleranz und zweite Chancen.
Rowohlt
303 Seiten | 20 Euro

Patrick Radden Keefe
Der Sohn des Oligarchen
Patrick Radden Keefe zählt zu den renommiertesten Investigativjournalisten der Gegenwart. Nun begibt er sich in die Londoner High Society und beweist sich als Chronist von Macht, Geld und Korruption. Als sich 2019 ein junger Mann vom Balkon eines Londoner Hochhauses stürzt, ist es das verzweifelte Ende eines gefährlichen Doppellebens. Zac Brettler verfällt während seiner Schulzeit immer stärker den Verlockungen von Luxus und Reichtum. Um in der Welt von Superreichen und Privatclubs mithalten zu können, erfindet er eine Identität als Sohn eines Oligarchen. Sein Tod ist bis heute nicht final aufgeklärt, seine Eltern kämpfen weiter für die Ermittlungen. Radden Keefe setzt mit seinen packenden und präzisen Recherchen genau dort an: bei den Leerstellen und blinden Flecken, die London zu einem Tummelplatz für die organisierte Kriminalität machen.
Hanserblau aus dem Englischen von Hannes Meyer
448 Seiten | 29 Euro






