Veras gute Seiten
Sechs Autorinnen und Autoren, die einige der wohl spannendsten Neuerscheinungen des Frühjahrs geschrieben haben, gilt es zu entdecken.

Annika Büsing
Magisch
Nicht nur Marie lebt wieder in der Ruhrgebietsstadt, auch Paul Magisch ist zurück. Die beiden, einst das „Punkerpärchen“ des Ortes, kommen einander wieder näher, als sei es nie anders gewesen. So hätte Annika Büsing in ihrem vierten Roman einfach eine schöne Liebesgeschichte zwischen zwei erwachsenen Menschen erzählen können. Doch in ihrem unverkennbaren Ton zeichnet sie vielmehr ein Gesellschaftsbild, wie es kaum gegenwärtiger sein könnte: Statt als Lehrerin in einer Großstadt zu arbeiten, betreibt Marie eine Hundepension in ihrer Heimat. Magisches Job ist halblegal, und Maries Bruder ist inzwischen noch nationalistischer und gefährlicher als früher. Während die Sommerhitze immer brutaler wird, erzählt Büsing in unvergleichlichen Dialogen atmosphärisch von echten Menschen, Widersprüchen und zweiten Chancen.
S. Fischer
288 Seiten | 24 Euro

Jenny Jackson
Liebe unter Freunden
Ihr New Yorker Großstadtleben tauscht die Journalistin Caroline Lash gegen ein Schreibstipendium im beschaulichen Küstenort Greenhead und schnell auch gegen eine neue Freundesgruppe:
Van, der attraktive, sanftmütige Mann, Bailey; eine ehemalige High-School-Schönheit; Augusta, die aus einer an-
gesehenen Familie stammt und Pferde liebt; und Fran, die von mehr Brüdern umgeben ist, als ihr lieb ist. Gemeinsam verbringen sie einen schier endlosen Sommer, bis das Idyll zu bröckeln beginnt und alte und neue Beziehungen aufeinandertreffen. Jenny Jackson macht aus diesem bekannten Sujet einen klugen, unterhaltsamen (Spät-)Sommerroman über Liebe, Freundschaft und Loyalität. Sie schreibt pointiert, dialogstark und mit trockenem Witz. Ihr Stil ist leger und beobachtungsscharf, mit feinen Details, die Region und Menschen erlebbar machen.
btb, aus dem Englischen von Judith Schwaab
416 Seiten | 24 Euro

Liz Nugent
Die Wahrheit
über Ruby Cooper
Eine perfekte Familie: erfolgreich, an-gesehen, mit zwei Töchtern: Ruby und ihre ältere Schwester Erin wachsen in Boston in einer streng religiösen und scheinbar idyllischen Umgebung auf. Bis zu einem schwerwiegenden Vorfall, der nicht nur die Familie in ihren Grundfesten erschüttert. Viel mehr lässt sich über den Inhalt des neuen Romans der irischen Autorin Liz Nugent kaum verraten, wieder einmal schafft sie es, so tief in Abgründe des menschlichen Miteinanders zu blicken, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag. Über fünfundzwanzig Jahre hinweg bewegen sich ihre Figuren zwischen den USA und Irland in einem Netz aus Lügen, Fehlannahmen und unausgesprochenen Vorwürfen, die ganze Leben zerstören werden. Dabei scheut die Autorin auch kontroverse Themen nicht.
Gutkind aus dem Englischen von Astrid Gravert
400 Seiten | 24 Euro

Alexandra Stahl
Tschikago
Wie über das Älterwerden der eigenen Familie oder, noch komplexer, das Älterwerden Dritter schreiben? Alexandra Stahl erzählt von ihren Großeltern, einem ungleichen Paar, dessen Beziehung weit über 50 Jahre hielt. Von ihrem Großvater, dem fluchenden Elektriker mit Hang zu den USA, von ihrer katzenaffinen Großmutter und dem Aufwachsen bei ihnen im unterfränkischen Dorf. Diese Beziehung ist von tiefer Verbundenheit getragen und wird mit einer so liebevollen wie unverstellten Aufmerksamkeit für Details und Marotten erzählt. Nach dem Tod des Großvaters beginnt die Erzählerin, ehrenamtlich in einem Berliner Seniorenheim zu arbeiten, und gibt den Menschen, die ihr dort begegnen, im zweiten Teil des Buchs großen Raum. Es sind kleine Episoden, häufig dialogisch erzählt, in denen die gelebten Leben aller durchblitzen. Ein hochkomisches wie tieftrauriges Buch über Vergänglichkeit und Altern.
Claassen
272 Seiten | 25 Euro

Rebecca Fallon
Was wir von ihr wissen
Kinder, die einen Elternteil früh verlieren, sind angewiesen auf das, was Dritte ihnen über ihn erzählen. So auch die Zwillinge Viola und Sebastian, deren Mutter viel zu früh stirbt. Beide kennen sie fast nur aus den Erzählungen ihres Vaters Al, der ihnen allerdings nur die halbe Wahrheit offenbart. Alle Beweise für ihr schauspielerisches Talent und die Hauptrolle in einer Erfolgsserie hat er verschwinden lassen. Sein Plan scheint aufzugehen – bis die Kinder zu Teenagern werden und gerade Sebastian beginnt, die Spuren seiner Mutter zu verfolgen. Während Sebastians Beziehung zu seiner Mutter die innigere war, ist Violas Verbindung zu ihrer Vergangenheit die brisantere. Zwischen 1983 und 2012 springt die Handlung dieses fein beobachteten Romans, der Fans von Anne Tyler oder Ann Napolitano gefallen dürfte.
mare aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer
384 Seiten | 25 Euro

Ruth-Maria Thomas
Die zweitgrößte Liebe
Mit Anfang 30 noch einmal von vorne anfangen müssen, weil der große Traum geplatzt ist. Was sich für die meisten wie eine der schlimmsten Niederlagen anfühlt, ist für Michelle nur eine weitere Episode in ihrem von Schicksalsschlägen durchzogenen Leben. Also ein Neubeginn in Hamburg, hinter der Rezeption eines Luxushotels, wo sie auf Henry trifft. Dessen Leben könnte nicht konträrer sein: Statt jeden Cent umdrehen zu müssen, geht es in seiner Welt um Anlageformen, Designermöbel und Familienbande. Kann diese Beziehung überhaupt funktionieren? Darf Michelle sich fallen lassen? In zarter, poetischer und präziser Sprache erzählt Ruth-Maria Thomas in ihrem zweiten Roman die Geschichte einer Beziehung, wie es sie wohl häufig gibt, die aber bisher selten so in ihren Hoffnungen, Emotionen und Ängsten erzählt wurden. Ein ehrliches, intensives Buch, das Perspektiven verschiebt.
DTV
352 Seiten | 24 Euro

