Gütersloher Splitter
Mai 2026 | Von Heiner Wichelmann
Das kommt davon, wenn man auf Reisen geht, offen und hungrig ist nach dem Besonderen, dem Entrücktsein aus der Normalität, dem starken Bild und der Freude, Emotion mit anderen zu teilen. Wir erleben über Pfingsten den kostenfreien Openair-Auftritt des Berliner Staatsoper-Orchesters auf dem Bebelplatz nebenan und träumen wieder einmal von einem sommerlichen Klassikkonzert mit Decken, Klappstühlen und Picknick in Gütersloh: Dreiecksplatz! Unmöglich? Wer sagt das denn?
Weinrunde am Genießertisch. „Aus der Traube hätte man mehr machen können“, sagt da einer, und ich pruste los vor so viel Sinnfrei-Quark. Gottseidank: Er grinst übers ganze Gesicht. Das nächste Glas!
Apropos: Sprach-Gehabe, wenn’s um Wein (oder gerne: Kaffee) geht, kann nerven. Ich bin für verbale Abrüstung, wer ist schon Sommelier? Also sagt’s doch, wenn euch der Schluck wie Rock’n’Roll vorkommt, wild, ungestüm und voller Leben. Oder gebt’s der Runde poesiekitschig: wie Barfußlaufen über eine Blumenwiese im Morgentau, oder so. Der Wein kann auch nach nix schmecken, ist
einfach nur flüssig. Dankeschön. Aber damit immer noch besser als Hotdog-Würstchenwasser. Geschmacks-
synapsen können steil gehen.
Die gnadenlose Prosa des MRT-Berichts verbietet jede Hoffnungs-Phantasie: Ich habe altersgerecht Rücken. Walking statt Jogging, sagen Doktor, Physiotherapeut, Orthopäde, KI und der sportliche Nachbar. Meine Liebste reagiert sofort und schenkt mir umgehend zum Geburtstag Laufstöcke. Da stehen sie jetzt wie ein endgültiges Schicksal in der Zimmerecke, unübersehbar und mahnend. Ich habe verstanden und gleich auch eine Idee: 2027 laufe ich den „Hermann“ mit Wander-Rucksack!
Die Bertelsmann-Rentnerrunde diskutiert beim Mittagessen in der Hauptverwaltung mit Hingabe die Fußball-WM. Die Männer kennen sich aus, waren selbst aktiv, spielen sich heute aber nur noch lautfröhlich Dönekes zu. Einer erinnert sich an ein Spiel anno Tobak im Raum Gütersloh: Elfmeter, Schuss, Ball daneben, aber Schuh des Spielers drin! Der Schiedsrichter gibt das Tor unter großem Protest mit irrer Begründung: „Leder ist Leder.“ Ich verschluck mich nebenan fast am Brokkoli.
Phantastisch, die Hilfen durch KI. Entfesselung. Befreiung. Aber auch der traurige Gedanke, dass der explosive Fortschritt der Technologie nicht automatisch den Fortschritt des Guten bedeutet. Dafür muss man arbeiten.
Parkinson, Demenz, Depression: Es mehren sich Krankheitserzählungen über Menschen, die ich kenne, wenn auch meistens nur flüchtig. Im Moment der Erzählung sind sie mir plötzlich nahe. Ihre Gesichter, ihre Bewegungen: sie sind auch Heimat.
Kennen Sie das bespannte Baugerüst Ecke Berliner Straße, Münsterstraße? Dahinter versteckt sich ein bemerkenswerter, neuer HiFi-Laden. Besuch empfohlen. Ich hoffe, dass das seit Monaten zur Unsichtbarkeit verdammte Geschäft nicht den stillen Tod hinterm Vorhang erleiden muss. Tageslicht wird ihm guttun – also schnell, schnell!
Seitdem meine Frau mich ins Fitnessstudio begleitet, ist Ordnung im Ablauf. Ausreden werden peinlich, gemeinsam sind wir stark.
Eine Freundin erzählt von ihren Enkelkindern in Münster, die sie aus der Kita abholen wollte. Die Erzieherin kannte sie noch nicht und fragte sie augenzwinkernd: „Sind Sie die verrückte Oma oder die mit dem Knie?“ Es war das Knie.
Heiner Wichelmann








