Gütersloher Splitter
Mai 2026 | Von Heiner Wichelmann
Wo wir uns doch so gerne mit Hinterhöfen und Steinvorgärten, Gerüchen und Gerüchten, Pleiten und Schulden beschäftigen und mit verbaler Hingabe auf unsere selbstverständlich stets totalversagenden Systemverantwortungsträger in Amtsstuben und Vorstandszimmern eindreschen: hier mal kurz Luftholen. 35 Tango-Argentino-Tanzpaare aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich, gar aus England, genossen in ihren Milonga-Pausen Güterslohs Innenstadt, schlenderten entlang der Dalke, bestaunten den Botanischen Garten und lobpreisten all dies, dass unsere Stadtführer freudig erröten würden. Hört, hört: Gütersloh sei, erzählten sie, so wunderbar sauber, intakt, freundlich, lebhaft, grün, wohlhabend, architektonisch interessant! „Beneidenswert“ sei unser Leben hier. Spürte ich da ein wenig Stolz auf meine gewordene Heimatstadt?
Wo gerade von „Stadtführer“ die Rede war: Gender-Neusprech empfiehlt wohl „Stadtführende“, auch wenn’s merkwürdig klingt. Beknackter geht immer. Mein aktueller Favorit sind die „Terrorisierenden“. Macht Spaß, auf Partys nach dem größten Blödsinn zu suchen. Lachgarantie!
Mein Physiotherapeut gibt mir Grübel-Stoff: „Keiner bleibt ewig gesund, unmöglich. Ohne körperliche Probleme steigt niemand ins Grab.“ Laufdistanz von 10 auf 5 Kilometer runter? Yes.
Die armen Suchtkranken auf dem Bahnhofsgelände sind kein schönes Bild, aber sie geben Gütersloh etwas Großstädtisches. Heidedorf war mal.
Evangelikale in den USA sehen in Geldvermögen, Macht und perverser Zurschaustellung von irrem Reichtum den Beweis für Gottes Gunst. Arbeitslos? Arm? Krank? Pech gehabt, ihr Loser, die ihr nicht spenden könnt, ihr seid nicht gottesfürchtig genug, also seid ihr verdammt. Weg mit euch! Mir wird kotzübel, wenn diese Gangster mit Büro im Weißen Haus(!) sich jetzt anschicken, für die Verbreitung ihrer verbrecherischen „Religion“ erste Gemeinden in Deutschland aufzubauen. Und wenn es mein letzter Kampf ist …!
Huckel-Fahrradwege wie an der Dammstraße oder streckenweise am Brockweg entwickeln sich zum Emanzipationsbooster für Fahrradfahrer. Längst habe auch ich mir angewöhnt, auf Baumwurzel-Sprünge zu verzichten und gleich die Straßen selbst zu nutzen (wenn es nicht gerade der Stadtring ist und keine unmittelbare Gefahr droht). Beruhigend: Die Achtsamkeit der Autofahrer ist größer geworden, da hat sich was getan im Miteinander auf Gütersloher Straßen. Wir haben ja alle unsere Bioräder, Pedelecs oder E-Bikes, um die Brötchen vom nächsten Bäcker zu holen.
Die winzige Hand des Babys in meiner. Das Glück dieser Welt in einem Moment.
Artikel in den Lokalzeitungen lese ich von hinten. Also erst Headline und Vorspann und dann das spannende Ende. Und danach Absatz für Absatz zurück. So bin ich Herr des Verfahrens.
Jemand hier, der den Aufstieg des FC Gütersloh in die Liga im kommenden Jahr bezweifelt? Keine Ahnung vom Fußball? Verzeihung, vom Geschäft?
Unser Enkelkind, just in der Grundschule, klärt mit lauter Stimme übers Kindermachen auf. Es triggert das Publikum mit dem Wort „Sex“ – alle drehen sich um – und hat darüber eine klare Vorstellung: „Also, das ist wie bei einem Stecker und einer Steckdose. Die müssen beide Ja! sagen und dann kommt das zusammen.“ – „Und dann?“ – „Licht!“
Heiner Wichelmann


