Vom Recht des Zweifelns
,,Ich weiß es doch auch nicht!“
Ich zage und zweifle. Zum Beispiel zage ich beim Versuch, meinen drei erwachsenen, kirchenkritischen Kindern, meiner Frau und dem Freund, einem theologisch neugierigen Mathematiker, plausibel zu erklären, was im Mai mit zwei Festtagen gefeiert werden soll: „Fest des Heiligen Geistes“ oder auch „Pfingsten“ genannt. Oje. Ich merke: Es fällt mir zunehmend schwer. Unser gegenwärtiges Kirchenwesen strengt an. Diese unaufhaltsamen Kirchenaustritte! Tausende sind es. Gleichzeitig ringe ich um Worte, wenn ich erklären soll, was genau zu glauben ist. Diese Wichtigtuereien … Und dann diese schrecklichen sexuellen Missbrauchsfälle! Also, ich weiß es doch auch nicht.
Wäre es nicht vielleicht ehrlicher, es einfach zu lassen? Statt trotzig zu sagen „Wir sind doch auch noch da“, einen anderen Weg zu suchen – einen, der sich stärker am Sichtbaren orientiert. Mich reizt die Vorstellung einer offenen, liberalen, aufgeklärten Haltung, verbunden mit einem Sinn für das Soziale. Gibt es dort nicht weniger Widersprüche, mehr Plausibilität, vielleicht sogar die klareren Formen von Weisheit und Moral?
Und doch bleibe ich dabei. Wobei? Bei der Kirche, beim Glauben. Doch allein geht es nicht. Die Zweifel und das Zagen lassen sich allein nicht eingrenzen. Nicht ohne die „Schwestern und Brüder“, wie sie sich in der Kirche nennen. Denn offenbar ist es gerade das Gemeinsame, das das Weggehen noch schwerer macht als das Dabeibleiben – rätselhafter Weise! Wir stehen uns selbst wie einem Rätsel gegenüber. Es vergeht einem, von der eigenen Beständigkeit, von bedeutsamen Glaubensentscheidungen und unserem Bekennermut zu reden. Wir sehen uns eher wie an eine Wand gedrängt, so dass wir nicht umfallen können. Wir fangen an, beschämt zu staunen über die Ausdauer, die uns – trotz aller Zweifel – bei der Wahrheit des Jesus Christus festhält, „beim einzigen Trost im Leben und im Sterben“, wie es eine alte Fibel aus der Reformationszeit nennt.
So bleibt es auch bei „Mutter Kirche“. Bei „Unsere(r) Kirche“, wie es gern heißt. Wir dürfen wieder und wieder wahrnehmen, dass es hier Räume der Hoffnung gibt: einer über die werte Christenheit hinausweisenden Hoffnung für uns, ja für diese Welt. Deswegen hiergeblieben! Und dass wir bleiben, ist das pfingstliche Werk des Heiligen Geistes, des Geistes des auferstandenen Jesus Christus. Die Kraft des Geistes hat mütterliche Macht und zieht ins Leben, das ewig ist, durch den Tod. Hoffentlich spüre ich das schon jetzt, indem meine Niedergeschlagenheiten gemildert (oder gar überwunden) werden. Und einst erst recht – unwidersprechlich: Wir werden den Christus Gottes sehen „von Angesicht zu Angesicht“. Wir werden ihn „ganz erkennen, wie auch wir schon jetzt von ihm ganz erkannt worden sind“ (1. Korintherbrief 13, 12). Nicht wir sind beharrlich in unserer Kirche. Sein Geist unter uns beharrt. Und eben hier sind wir einbezogen: Menschen, denen der Glaube nie Besitz wird und die trotz seiner Rätselhaftigkeit an ihren Zweifeln nicht verzagen und verzweifeln.
Die Schriftstellerin Nora Bossong (* 1982) studierte in Potsdam und veröffentlichte einen Gedichtband „Kreuzzug mit Hund“. Es kann ihr nachgeheißen werden: „Der Geist erweckt mit Graubrot“. Drei pfingstlich geistvolle Sätze habe ich bei ihr abgeschrieben: 1. „Ich kenne den Zweifel als etwas, das immer wieder auftaucht, aber manchmal auch eine neue Ebene des Glaubens ermöglicht.“ 2. „Mir scheint, dass Zweifeln etwas ist, das für den Glauben notwendig ist.“ 3. „Wenn man nicht zweifelt, wird der Glaube zu sehr zur Gewohnheit, wird zu selbstverständlich und verlangt einem keine Fragen mehr ab.“*
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