Mängel Melder
Ist die Stadt denn noch zu retten ?
In den vergangenen Jahren hat sich viel geändert in Gütersloh – aus verschiedenen Ursachen heraus: Ständige Krisen haben unsere Stadt ähnlich intensiv gebeutelt wie andere auch. Allen voran sind da die kriselnde Wirtschaft und die Corona-Jahre zu nennen. Was nun, damit Gütersloh wieder besser dasteht? Dabei stellt sich immer wieder die Frage: Ist die Stadt denn noch zu retten ?
Um nicht in irgendwelche Untergangsgesänge mit einzustimmen, eines vorweg: Ex-Bürgermeister Henning Schulz hatte mal bei einem Neujahrsempfang formuliert: „Gütersloh ist viel besser als gar nicht so schlecht.“ Und er hätte damit vermutlich auch heute noch recht. Allerdings müsste Gütersloh etwas stärker herausstellen, was wirklich gut läuft. Beispiel gefällig?
Im Rahmen von „Gütersloh digital – smarter leben“ wurde ein Mängelmelder entwickelt, mit dem man die Stadt über Dinge im öffentlichen Raum informieren kann, die nicht in Ordnung oder auch schlicht kaputt sind. Seit Juni 2022 dachte man über das Tool nach. Im November 2023 ging der Helfer live. Der kleine Schönheitsfehler: In der Breite wissen die Gütersloher noch immer nicht davon. Dabei eignet sich das Tool, wirkliche Bürgernähe zu zeigen. Dem Mängelmelder sei also mehr Präsenz gegönnt. Abgesehen davon könnte die Funktionalität noch ein wenig runder sein – und der Melder anstelle der Webversion besser als App angeboten werden. Die gibt es mittlerweile im Ruhrgebiet. Dort ist das Tool verbunden mit wesentlich mehr Transparenz. Jede Meldung wird – anonymisiert – im Netz angezeigt. Sie ist versehen mit dem Status der Bearbeitung. Übrigens, bei solchen digitalen Innovationen stellt sich oft die Frage: Ist die Stadt denn noch zu retten ?
Eine Parallelentwicklung, die übrigens zeigt, wo noch Entwicklungspotenzial liegt: Wer macht eigentlich was gut? Und was kann man von guten Lösungen für andere Städte adaptieren? Mit diesen und anderen vermeintlich simplen Fragen beschäftigen sich „die Stadtretter“ in Hanau. Sie verstehen sich als Berater für Kommunen und Wirtschaftsförderungen. 2020 wurden sie gegründet, und innerhalb von acht Monaten waren sie bereits mit 1.000 Kommunen vernetzt. Die Überzeugung dahinter: Man wollte den Städten nicht länger beim Untergang zusehen. Man wollte neue Ideen und kreative Lösungen finden und über Netzwerke das Know-how weitertragen.
Lisanne Klee von den Stadtrettern berichtet von mittlerweile 1.400 Städten, Gemeinden, Unternehmen, Vereinen, Hochschulen und Instituten, die dem Stadtretter-Netzwerk beigetreten sind. Die Stadtretter treten nicht als barmherzige Samariter auf – natürlich kostet deren Consulting Geld. Allerdings: Allen Mitgliedern des Netzwerks steht der gesamte Best-practice-Content aller Mitmacher kostenlos zur Verfügung. Schwarmintelligenz nennen sie das bei den Stadtrettern, mit denen Gütersloh Marketing wohl mal Kontakt hatte. Die Stadt selbst ließ sich aber als Mitglied nicht ausfindig machen. Doch angesichts der aktuellen Herausforderungen fragen sich viele: Ist die Stadt denn noch zu retten ?
Ansonsten gäbe es vielleicht schon bei uns die Nahversorgung rund um die Uhr wie in Backnang. Oder den Wunstorfer Innenstadt-Strand oder die Ladenleerstände als Rätselspaß, wie in Lünen oder eben eine Lego-Oma, wie in Hanau. Kurzum: Jede Stadt hat ihre eigenen großen Themen, die sie individuell lösen muss. Aber bei vielen Alltagsthemen gibt es schon jemanden, der sich einen Kopf drum gemacht und eine Lösung entwickelt hat. „Best practice“ in seiner schönsten Form: Was funktioniert woanders und könnte auch Gütersloh auf die Sprünge helfen? Vielleicht ließe sich so auch mit der sprichwörtlichen Gütersloher Drei-vor-zwei-zurück-Mentalität bei Neuentwicklungen brechen?
Und künftig könnte man über die Stadt sagen: „Gütersloh hat das Beste aus unterschiedlichsten Welten.“ Im Endeffekt bleibt die zentrale Frage bestehen: Ist die Stadt denn noch zu retten ?
Illustraion: Magnifi c_mspoint, _freepik, KI-generiert









