,,Eine Einheit und ein bisschen verrückt“

Willi Landgraf über Zusammenhalt, Malocher-Mentalität und seine besondere Zeit beim FC Gütersloh

Herr Landgraf, wenn Sie an Ihre Zeit beim FC Gütersloh zurückdenken: Welches Bild kommt Ihnen zuerst in den Kopf?
Für mich steht ganz klar der Zusammenhalt im Vordergrund – und die Emotionen in alle Richtungen. Wir waren einmal ganz nah dran am Aufstieg, am Ende hat nur ein Punkt gefehlt. Und dann kam dieser Abstieg, das war schon eine Achterbahnfahrt. Was aber bleibt, ist diese besondere Atmosphäre: eine kleine, gemütliche Stadt mit kurzen Wegen, alles lag nah beieinander. Nach dem Training sind wir oft noch zusammengekommen, die Kneipe um die Ecke war unser Treffpunkt – das war ehrlich und nahbar, genau wie die Mannschaft selbst.

Sie haben alle drei Zweitliga-Jahre miterlebt. Was hat dieses Team so besonders gemacht?
Wir waren eine echte Einheit – und auch ein bisschen verrückt (lacht). Da kamen völlig unterschiedliche Typen zusammen, mit verschiedenen Charakteren und Hintergründen. Aber genau das hat funktioniert. Wir haben unglaublich viel zusammen gemacht, auch außerhalb des Platzes. So einen Zusammenhalt habe ich danach selten noch einmal erlebt. Natürlich lief nicht immer alles glatt, das gehört dazu. Aber wir haben Dinge intern geregelt und uns zusammengerauft. Am Ende konntest du dich auf jeden verlassen.

Die Fans haben Sie als „Malocher“ gefeiert. Wie fanden Sie diesen Titel?
Das ist für mich ein Kompliment. Ich habe immer versucht, alles zu geben – für den Verein, für die Mannschaft. Wenn die Leute sagen: „Der Landgraf, das war einer, der hat gearbeitet“, dann zeigt das, dass sie genau das gesehen haben.

Gütersloh war kein glamouröser Fußballstandort. War genau das vielleicht ein Vorteil?
Auf jeden Fall. Diese Bodenständigkeit hat uns gutgetan. Die Wege waren kurz, viele haben nah beieinander gewohnt. In einer Großstadt verlierst du dich schneller – in Gütersloh bist du mit dem Fahrrad überall hingekommen. Das hat automatisch für mehr Nähe gesorgt.

Sie galten als Publikumsliebling. Woran lag das?
Ich glaube, die Leute haben gespürt, dass ich es ernst meine, dass ich mit Herz gespielt habe. Und ich war auch neben dem Platz keiner, der sich verstellt. Ich bin so geblieben, wie ich bin. Vielleicht hat auch der Name „Willi“ geholfen (lacht). Aber am Ende zählt: Einsatz, Leidenschaft und Ehrlichkeit.

Gibt es einen Moment aus Ihrer Zeit, den Sie nie vergessen werden?
Ja, da gibt es eine Geschichte, die werde ich nie vergessen. Halbzeitpause, wir sitzen in der Kabine – und plötzlich klopft es. Da steht der große Boss von Miele, unser Hauptsponsor damals, und fragt, ob er kurz auf die Toilette darf. Das musst du dir vorstellen: Der kommt einfach rein, mitten in diese Kabine. Und jeder weiß, wie es da riecht (lacht). Aber genau das war Gütersloh: kurze Wege, keine Distanz, besondere Menschen.

Heute arbeiten Sie mit jungen Spielern. Was geben Sie ihnen mit?
Vor allem Werte. Ehrlichkeit und Menschlichkeit, das ist für mich die Basis. Ich finde es spannend zu sehen, wie sich junge Spieler entwickeln, gerade die, die nicht aus großen Nachwuchsleistungszentren kommen. Wenn du sie über Jahre begleitest und sie Fortschritte machen, ist das ein gutes Gefühl. Respekt, Teamgeist, Verlässlichkeit – das sind Dinge, die du brauchst. Nicht nur im Fußball, sondern generell.

Foto: Schalke 04

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