Kunst und Inklusion

Gerhard Richter | Eine Retrospektive in Paris

Für die wohl einzigartig größte Ausstellung von Gerhard Richter sind wir in Köln in den Eurostar gestiegen. Fünf Stunden später Paris. Am nächsten Morgen unser Slot in der Fondation Louis Vuitton. Vorfreude. Als Mutter schreibe ich nicht nur über eine Kunstausstellung, sondern auch über einen Blick. Über den Blick meines Sohnes.

Eine „Kommunion“ hatte Hausherr Milliardär und Kunstsammler Bernard Arnault versprochen, eine alles verbindende Zusammenkunft. Und, was soll ich sagen, er hat recht behalten. Selten sah man Menschen derart entschlossen zur Kunst drängen wie jetzt in Paris, im Museum der Fondation Louis Vuitton, das von oben bis unten mit Richters Werk gefüllt ist – so großzügig, so umfassend hat man es noch nie gezeigt. Vier Etagen, 34 Säle, 275 Werke – mehr Richter geht nicht.

Während sich die wallfahrtslangen Schlangen vor dem Haupteingang zogen, durften wir als Rollstuhl-
fahrer den Seiteneingang nutzen. Ein stiller Nebeneingang. Vielleicht ist Inklusion manchmal genau das: nicht Bevorzugung, sondern ein anderer Zugang. Richters Werk, über sechzig Jahre gespannt, lässt sich nicht festhalten wie ein Etikett. Wer meint, er sei „der Maler, der Fotos abmalt“, merkt spätestens im dritten Raum: Schon 1966 fragte er weiter. Reicht das? Muss es nicht noch etwas anderes sein? Kann Malerei mehr, als Wirklichkeit zu reproduzieren? Dieses ständige Infragestellen, das Richtungwechseln, das Nicht-Klischee-Sein-Wollen – vielleicht ist das Richters größte Konsequenz.

Und während ich das denke, bleibt mein Sohn stehen.
Er bleibt nicht vor den großen, lauten Werken stehen. Er hält inne bei einem unscheinbaren Bild, betrachtet es lange, fährt mit dem Rollstuhl ein Stück zurück, wieder näher heran. Sein Körper ist eingeschränkt, ja. Aber sein Blick, sein fotografisches Auge ist es nicht. Er fotografiert aus seinem eigenen Winkel. Nicht dokumentierend, sondern suchend. Er lässt Gedanken entstehen, Gefühle.

Ich frage mich immer wieder: Wo liegt die Schnittstelle zwischen Kunst und Inklusion?
Ist es die barrierefreie Rampe? Der Aufzug? Der Seiteneingang? Oder ist es der Moment, in dem ein Mensch – unabhängig von körperlichen Voraussetzungen – in einen Dialog mit einem Werk tritt?

Als Mutter bewege ich mich ständig zwischen Vermitteln und Loslassen.
Wie erkläre ich ihm Kunst? Wie viel Kontext braucht er, wie viel Biografie, wie viel kunsthistorische Einordnung?

In Richters Werk verschmelzen Gegensätze, ohne sich aufzulösen.
Vielleicht ist das auch ein Bild für Inklusion. Nicht Gleichmacherei. Nicht das Eine wird wie das Andere. Sondern ein Nebeneinander, ein Miteinander, das Spannungen aushält.

Und dann stehen wir vor „Betty“ 1988. Ein Bild, dasstill ist – und doch voller Erwartungen.
In diesem hyperrealistischen Ölgemälde porträtiert Richter seine älteste Tochter Betty. Es ist das letzte von drei Porträts, die er von ihr malte. Vorlage war eine Fotografie aus dem Jahr 1978, aufgenommen, als sie elf Jahre alt war. Und doch ist es kein klassisches Porträt.

Wir sehen Betty von hinten.
Ihr rot gemusterter Pullover leuchtet weich im Raum. Unten rechts auf der Leinwand wird sichtbar, dass sie vor einem von Richters grauen Bildern aus den 1970er-Jahren steht – einem jener monochromen, beinahe entmaterialisierten Werke. Ihre eigene Figur wirkt dagegen fast überwirklich, greifbar, lebendig. Und doch bleibt ihr Gesicht uns verborgen.

Warum wendet sie sich ab?
Richter schafft hier ein rätselhaftes Nicht-Porträt. Ein Bild einer Person – ohne Zugriff auf ihre Persönlichkeit. Das Bild zeigt Präsenz und verweigert sie zugleich. Betty ist da. Und sie ist es nicht. Sichtbar und unsichtbar zugleich. Die Spannung in ihrer Haltung lässt vermuten, sie könne sich im nächsten Moment umdrehen. Als stünde sie an einer Schwelle. Vielleicht ist diese angedeutete Bewegung ein Sinnbild für Übergang – von der Kindheit ins Erwachsenwerden, von Vergangenheit in Zukunft.

Richter selbst sagte:
„Dann gibt es das Bild der Tochter, das auch eine Idealisierung ist, denn sein Wesen ist eine Sehnsucht nach Kultur, nach der Schönheit in der Kunst, die wir nicht mehr haben – weshalb sie sich abwendet.“ Diese Abwendung ist keine Verweigerung. Sie ist Sehnsucht.

Und plötzlich verstehe ich dieses Bild noch einmal anders – durch meinen Sohn.
Auch er wird oft betrachtet, bevor er selbst schauen darf. Menschen sehen zuerst den Rollstuhl. Die körperliche Einschränkung. Sie glauben, ein Bild von ihm zu haben. Aber wie bei Betty bleibt das Wesentliche unsichtbar, wenn wir nur auf das Offensichtliche blicken.

„Betty“ konfrontiert uns mit einer Zumutung:
Wir bekommen kein Gesicht. Keine unmittelbare Lesbarkeit. Keine einfache Identität. Wir müssen aushalten, dass uns etwas entzogen bleibt.

„Betty“ ist ein Bild über das Wegdrehen. Aber es ist auch ein Bild über Würde.
In diesem Moment wird mir klar: Inklusion bedeutet nicht, jemanden ins Zentrum zu stellen und auszuleuchten. Sondern anzuerkennen, dass jeder Mensch das Recht hat, sich zu zeigen – oder eben nicht.

Gerhard Richter „Betty“ 1988, Fondation Louis Vuitton.

Ist das nicht auch ein Kern von Inklusion?
Mein Sohn bleibt lange vor diesem Bild. Er fährt näher heran. Vielleicht erkennt er intuitiv, was Richter hier verhandelt: Dass Identität mehr ist als das, was frontal gezeigt wird. Dass ein Mensch zu- gleich präsent und abwesend sein kann – körperlich eingeschränkt und geistig weit. Sichtbar und doch nicht vollständig erfassbar.

Richter, der Ungerichtete

Gerhard Richters Gemälde erzielen auf Auktionen zweistellige Millionenbeträge. Er ist einer der großen Stars der Gegenwartskunst. Doch in den Sälen dieser umfassenden Werkschau chronologisch gehängt, von 1962 bis in die jüngste Zeit – geht es plötzlich nicht um Marktwert, sondern um Entwicklung. Um das Ringen eines Künstlers mit Wirklichkeit, Erinnerung, deutscher Geschichte, mit Tizian, mit Farbe selbst. Um das immer neue Suchen.

Viele halten Richter für streng, konzeptuell, fast kühl. Ich sehe eine ungeheure Spielfreude. Ein Ausprobieren. Ein Sich-treiben-Lassen. Im Atelier entstehen Dinge, die vorher niemand kannte. Und manchmal steht plötzlich etwas da, das nicht geplant war. Genau darin liegt Größe.

Mein Sohn versteht diese Freiheit intuitiv. Er verweilt, wo andere weitergehen. Er ignoriert, was als „bedeutend“ gilt, und entdeckt sein eigenes Bedeutendes. In seiner Langsamkeit liegt eine Form von Widerstand gegen die Hast des Kunstbetriebs. Gegen das schnelle Konsumieren von Bildern.

Vielleicht ist Inklusion in der Kunst genau das: Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Wahrnehmung nicht korrigiert, sondern ernst genommen wird. Wo ein Rollstuhl kein Hindernis, sondern eine Perspektive ist. Wo Langsamkeit kein Defizit, sondern Intensität bedeutet.

2017 hat Richter die Malerei beendet, neue Wege in der Zeichnung gesucht – selbst im hohen Alter noch. Dieses Weitergehen, dieses Nicht-Stehenbleiben beeindruckt mich. Es ist ein lebenslanges Lernen. Ein Offenbleiben.

Fotos: Fondation Louis Vuitton, Gerhard Richter „Betty 1988”, Hello Heroes

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