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Gütersloh-Châteauroux
Die Braut, die sich nicht traut

Vor 50 Jahren, begann die Erfolgsgeschichte von gt!nfo. Grund genug, das Jahr 1976 mal näher in Augenschein zu nehmen. Was hat Gütersloh damals bewegt, was war neu, und was war so, als wäre es heute gewesen? In loser Folge präsentiert das gt!nfo in diesem Jahr Fundstücke aus ´76.

Oh là là, was war denn das? Ein Blick in die Rats- und Ausschussprotokolle der Stadtverwaltung aus dem Jahr 1976 bringt keine ungeteilte Freude ans Tageslicht, wenn es um die Gründung einer Städtepartnerschaft mit Châteauroux geht. Und auch die lokale Presse bemerkt in den Diskussionen ein Zödern und Zaudern. Was heute als gelungene Städtefreundschaft gelten darf, hatte aus kommunalpolitischer Perspektive offensichtlich eine etwas holprige Vorgeschichte. Aber vielleicht war es auch nur ein Gütersloh-typischer Verlauf: Erst mal gucken … nichts überstürzen.

Städtepartnerschaften, insbesondere deutsch-französische, sind nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden – aus dem Wunsch, durch Austausch und Begegnung der Menschen in ihrem Alltag Verständnis und Aussöhnung zu fördern. Besonders nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags von 1963 zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle gewann die Gründung von Städtepartnerschaften Dynamik, nicht zuletzt auch im Kontext der Entwicklung einer Europäischen Gemeinschaft.

Im Januar 1977 reiste eine Gütersloher Delegation nach Châteauroux, danach ging alles ganz zügig mit der Städtepartnerschaft.

In Gütersloh waren es ehemalige Kriegsteilnehmer, die erste Kontakte ins französische Châteauroux küpften. Fritz Jakobtoweihen aus Spexard und Henri Pasquet aus Châteauroux gehörten zu den Protagonisten, die aus ihren Kriegserfahrungen vor allem einen Schluss zogen: „Nie wieder.“ – Das war der Motor, der all ihre Aktivitäten bestimmte und der letztlich ihre Freundschaft begründete. Von den so genannten „Kriegsheimkehrern“ kam auch die Anregung an Rat und Verwaltung, eine Städtepartnerschaft mit der rund 1.000 Kilometer entfernten zentralfranzösischen Stadt in Erwägung zu ziehen.

Öffentlich diskutiert wurde die Frage einer Städtepartnerschaft zwischen Gütersloh und der Stadt eines anderen Landes unter anderem im Februar 1976 im Hauptausschuss. Dabei stand allerdings Frankreich, respektive Châteauroux, nicht ganz oben auf der Liste. Eine „englische Stadt“ müsste es wohl vorrangig sein, wenn Gütersloh sich auf Partnersuche begebe, war die Meinung verschiedener Ausschussmitglieder. Auch der damalige Kreisheimatpfleger Werner Lenz hatte sich in einem Brief an Bürgermeister Heinz Kollmeyer gewandt und darauf hingewiesen, dass wohl nur eine englische Stadt infrage komme, weil alles andere „wie ein Affront“ gegen die hier stationierten britischen Streitkräfte aussehen würde. Und auch sprachliche Argumente wurden angeführt.

Vor allem aber hatten sich Politiker und Verwaltung Sorgfalt bei der Partnersuche verordnet, denn, so titelte die Tageszeitung DIE GLOCKE, es solle kein „Kommunaltourismus“ entstehen. Vielmehr müsse eine Städtepartnerschaft durch bürgerschaftlichen Austausch, durch Schulen und Vereine leben, brachte es Dr. Paul Lakämper auf den Punkt.

Historisch und modern: So präsentiert sich Châteauroux heute als Zentrum der Region. 2024 war zudem Olympia-Stadt, denn hier fanden die Schießwettbewerbe statt.

Auch die Junge Union hatte das Thema „Städtepartnerschaften“ mit nach vorn gebracht. In einer Umfrage unter 600 Bürgern hatte die JU nämlich festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit eine Partnerschaft befürworten würde. Der Hauptausschuss wiederum war sich schließlich einig, dass die Voraussetzungen für Städtepartnerschaften gründlich sondiert werden sollten.

Derweil entwickelte sich aber auch das Interesse in Châteauroux offensichtlich in Richtung Gütersloh, denn im November 1976 wurde eine Delegation aus der französischen Stadt – an der Spitze ihr Bürgermeister Daniel Bernadet – im Rathaus empfangen. Einen historischen Moment gab es da bereits: Monsieur Bernadet verfolgte eine Ratssitzung von der „Regierungsbank“ aus – an der Seite von Bürgermeister Heinz Kollmeyer und Stadtdirektor Dr. Gerd Wixforth warb er für eine Städtepartnerschaft. Der Gegenbesuch einer Gütersloher Delegation in Châteauroux im Januar 1977 wurde vereinbart.

Aber die Braut aus Gütersloh zeigte sich weiterhin zögerlich, wie der Bericht aus der letzten Ratssitzung des Jahres nahelegt: Dort brachte nämlich die FDP einen Antrag ein, Verbindung zu europäischen Städten – neben Frankreich mindestens auch zu Großbritannien und Belgien (!) – aufzunehmen. Karl Ernst Strothmann, der einige Jahre später Gütersloher Bürgermeister werden sollte, beeilte sich zudem, den geplanten Gegenbesuch in Frankreich als Anstandspflicht nach Besuch der Franzosen einzuordnen.

Die Städtepartnerschaft ist ihnen ein Herzensanliegen: Marc und Colette Pasquet mit Brigitte Dion beim Gourmetmarkt 2025 auf dem Kolbeplatz.

So ging es hin und her in der guten Absicht, nichts falsch zu machen, alle Möglichkeiten auszuloten, den Eindruck zu vermeiden, dass sich die Gütersloher Politik ein paar schöne Tage in Frankreich auf Steuerkosten macht. Und auch die Frage, inwieweit nicht eine britische Stadt den Vorrang haben sollte, blieb offensichtlich auf der Agenda.
Der Besuch im Januar in Châteauroux wurde allerdings wie geplant im Januar 1977 durchgeführt – mit Dr. Gerd Wixforth und Bürgermeister Heinz Kollmeyer an der Spitze. Offensichtlich haben die Franzosen dabei auf ganzer Linie gepunktet, denn im Herbst 1977 wurde die Städtepartnerschaft zwischen Gütersloh und Châteauroux unterzeichnet: zunächst in Frankreich und im Oktober dann in Gütersloh – ein Erfolg auch für die Freunde Fritz Jakobtorweihen und Henri Pasquet.
Doch auch die Sorge, dass eine Städtepartnerschaft nicht beim Politikeraus-tausch enden dürfe, war unberechtigt:
Mit dem damaligen Deutschlehrer Jean-Yves Hugon aus Châteauroux und dem Ehepaar Kremeyer, beide Lehrende am Städtichen Gymnasium Gütersloh, begann der Austausch zwischen jungen Menschen beider Städte, der dazu führte, dass noch heute viele ehemalige Schüler und Schülerinnen von ihrem Aufenthalt in Châteauroux berichten können. Der SC Blankenhagen, aber auch die Gütersloher Postler sind weitere Beispiele für einen vielfältigen Austausch, der auch heute noch Bestand hat und seit einigen Jahren mit dem länderübergreifenden C-City-Kulturprojekt einen Frischebooster bekommen hat.

uch eine traurige Geschichte hält der Blick auf die Anfänge bereit: Henri Pasquet, der seinen großen Anteil an der ersten Gütersloher Städtepartnerschaft hatte, verstarb 1980 plötzlich bei einem Aufenthalt in Gütersloh. Für seinen Sohn Marc blieb es eine Herzensangelegenheit, das Engagement seines Vaters fortzuführen. Mit Ehefrau Colette, einem Stand auf der GÜWA und später in vielen Jahren auf dem Schinkenmarkt wurde er zur Anlaufstelle für zarte Linsen, Rillettes, Wein, Ziegenkäse und andere Spezialitäten aus der Region.

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