Farbenfroh zu sein bedarf es wenig
Im Januar war sie entwidmet worden, anschließend ging die bis dahin evangelische Johanneskirche am Pavenstädter Weg in den Besitz der Stiftung Bethel über. Anstelle der Kirche soll ein besonderes Wohnprojekt entstehen. Doch bevor im August Abrissbagger Fakten schaffen, hat das bisherige Gotteshaus ein letztes Mal und auf ungewöhnliche Weise für Freude und Gesprächsstoff gesorgt.
Pastorin Wiebke Heine und Vertreter der Stiftung Bethel hatten die Idee entwickelt, dass sich Sprayer künstlerisch mit der Kirche auseinandersetzen könnten. Aus dem Fachbereich Kultur der Stadt Gütersloh gab es auf Nachfrage auch schnell den Namen eines Kenners der Sprayer-Szene: Der Gütersloher Philipp Kowalski sprayt selbst. Und er verfügt über gute Kontakte, die er nicht lange bitten musste, sich an einer Sprayer-Aktion in und an der Johanneskirche zu beteiligen.
Vorzugsweise sind es junge Männer, die in der Szene unterwegs sind, die einander kennen – und die gerne ihre Bilder wirken lassen, sich selbst aber ungern in den Mittelpunkt stellen.
Eine Ausnahme bilden zum Beispiel die Künstler Philipp Uthmann aus Lippstadt oder Andi von Smoenova aus Warendorf. Beide haben ihre Kunst so weit entwickelt, dass sie international gefragt sind, auch Auftragsarbeiten erledigen und die Vermarktung ihrer Kunst beherrschen.
Trotzdem waren sie bei der Johanneskirche gern kostenlos dabei: Sie haben erst gar nicht glauben wollen, dass es möglich sei, das bis dahin reinweiße Gotteshaus in ihre Farbkompositionen zu tauchen. Und sie erkannten dann schnell den Gesprächswert, den ihre Verewigung dort haben würde. Wobei das Ewige in diesem Fall digital im Internet, auf YouTube zum Beispiel, stattfindet – aus Gründen, siehe oben.
Pastorin Wiebke Heine war von zweierlei beeindruckt: „Es hat nicht eine Gegenstimme, keine Kritik gegen das Projekt gegeben“, sagt sie. Zudem seien da einige Werke in sehr hoher Qualität entstanden.
Abgerundet wurde die Aktion durch ein Begegnungsfest: Zahlreiche Besucher hatten Spaß an den entstandenen Werken (oder zumindest aber an den meisten), die Sprayer Freude an einem so ganz anderen Zugang zur Kirche.
So gesehen war die Aktion an der Johanneskirche deutlich mehr als nur das Besprühen freier Fläche mit Farbe. Sie war auch geeignet, herauszufinden, wie junge Leute ticken und wie ihre Szene funktioniert.
Am Pavenstädter Weg gibt es die Werke nun temporär aus Abrissgründen – und weil es in der Szene auch nicht unüblich wäre, wenn andere Sprayer kommen und vorhandene Bilder „übermalen“, wie sie sagen.
Bei der evangelischen Kirche selbst überlegt man, ob der Aktion noch eine kleine Fotoausstellung folgen soll. Weil Sprayen nicht nur legal geht, sondern auch bildschön.










Fotos: Thorsten Wagner-Conert




