Kühler wird’s nicht von allein

Gütersloh, die schöne Stadt im Grünen – so lautete einst der Stadtslogan. Auch wenn er heute nicht mehr offiziell verwendet wird, verfügt die Stadt mit rund 100.000 Einwohnern weiterhin über einen vergleichsweise hohen Grünanteil. Dazu tragen unter anderem zwei größere Parkanlagen, zahlreiche Privatgärten, weitläufige Freiräume am Stadtrand, die Grün- und Gewässerachsen entlang der Dalke sowie die Kaltluftzufuhr aus dem Umland bei. Gleichzeitig bestehen insbesondere in der Innenstadt typische städtische Wärmebelastungen, wie sie in verdichteten Siedlungsräumen üblich sind. Ursachen hierfür sind unter anderem ein hoher Versiegelungsgrad, großflächige Pflasterund Asphaltbereiche, geringe Verdunstungsleistung sowie wärmespeichernde Gebäude.

Vor diesem Hintergrund wird das Stadtentwicklungs- und Klimaanpassungsprojekt „Grüne Innenstadt“ umgesetzt. Ziel des Projekts ist es, durch Entsiegelung, zusätzliche Begrünung sowie die Schaffung von Verschattungs- und Aufenthaltsbereichen die klimatische Situation in der Innenstadt zu verbessern.

Das Projekt wurde 2022 vorgestellt und wird auf der städtischen Website als visionäre Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels beschrieben. gt!info hat bei der Stadt nachgefragt, wie weit die Um-setzung inzwischen ist. Dirk Buddenberg, Leiter des Fachbereichs Grünflächen, und Dr. Ulrich Zumkier, Leiter des Fachbereichs Umweltschutz, geben Antworten.

Rathausvorplatz

Liegen Messdaten zur Hitzebelastung nach der Umgestaltung des Rathausvorplatzes vor?

Für den umgestalteten Rathausvorplatz liegen keine systematischen Vorher-Nachher-Messungen zur Hitzebelastung vor. Dirk Buddenberg verweist darauf, dass entsprechende Vergleichsdaten schon vor dem Umbau hätten erfasst werden müssen. Er betont aber die grundsätzliche Wirkung der Maßnahmen: „Der Rathausvorplatz ist heute deutlich klimaresilienter gestaltet als zu Zeiten des Parkplatzes“, auch wenn sich der konkrete Kühleffekt derzeit nicht beziffern lasse. Entsiegelung, Baumpflanzungen und Wasserelemente gelten als wissenschaftlich belegt wirksam – entscheidend sei jedoch immer der jeweilige Standort und Umfang der Maßnahmen.

Berliner Platz

Wird eine Wiederbepflanzung früherer Baumstandorte zum Beispiel im Bereich Königstraße/Berliner Platz geprüft?

Eine Neubepflanzung früherer Baumstandorte hält die Stadt grundsätzlich für sinnvoll. Buddenberg verweist jedoch erneut auf die Nutzungskonkurrenz des Berliner Platzes: „Aufgrund dieser Nutzung bestehen derzeit keine konkreten Planungen für größere Baumpflanzungen oder eine grundlegende Umgestaltung des Platzbereichs.“

Kolbeplatz

Was bringen mobile Pflanzkübel wie auf dem Kolbeplatz?

Mobile Pflanzkübel verbessern vor allem das Mikroklima in ihrem unmittelbaren Umfeld. Zumkier beschreibt die Wirkung als vor allem lokal: „Mobile Pflanzkübel entfalten vor allem einen mikroklimatischen Effekt im unmittelbaren Umfeld.“ Gleichzeitig verbesserten sie Biodiversität und Aufenthaltsqualität, auch wenn ihre stadtweite Wirkung begrenzt bleibt.

Berliner Platz

Gibt es Pläne für eine klimatische Aufwertung des Berliner Platzes?

Eine grundlegende Umgestaltung des Berliner Platzes ist derzeit nicht geplant. Der Berliner Platz ist aus Sicht der Stadt ein klassischer Zielkonflikt: hohe Versiegelung trifft auf intensive Nutzung als Markt- und Veranstaltungsfläche. Buddenberg sieht grundsätzlich Potenzial für mehr Grün und Entsiegelung, relativiert jedoch: „Derzeit bestehen keine konkreten Pläne für eine grundlegende Neugestaltung.“ Die multifunktionale Nutzung erschwere tiefgreifende Eingriffe.

Wie die Stadt gegen Hitze vorgeht

Grundlage für Planungen

Welche Rolle spielen identifizierte Hitze-Hotspots?

Insbesondere die Innenstadt weist laut Gutachten bereits heute eine erhöhte nächtliche Wärmebelastung auf. Hitze-Hotspots entstehen vor allem in dicht bebauten und stark versiegelten Bereichen und sind daher in vielen Städten zu finden. „Die Erkenntnisse des Klima-Gutachtens fließen in Planungs- und Abwägungsprozesse ein“, sagt Dr. Ulrich Zumkier. Ob daraus konkrete Maßnahmen entstehen, hängt jedoch auch von den örtlichen Gegebenheiten ab.

Verschattung im Einzelhandel

Welche Rolle spielen Markisen und Baldachine?

Klassische Verschattungselemente können nach Einschätzung der Stadt einen sinnvollen Beitrag leisten. Buddenberg sieht in Markisen und Baldachinen eine grundsätzlich sinnvolle Ergänzung der Klimaanpassung. Die Umsetzung liege jedoch nicht bei der Stadt, sondern bei Immobilien-Eigentümerinnen, -Eigentümern und Gewerbetreibenden.

Klimaanpassung mit kleinem Budget

Sind Baumpatenschaften wie am Dalkezug auch in der Innenstadt denkbar?

Grundsätzlich hält die Stadt das Modell auch in der Innenstadt für übertragbar. Zumkier ergänzt jedoch: „Aufgrund der besonderen Anforderungen und Rahmenbedingungen im Innenstadtbereich wäre jedoch gegebenenfalls eine angepasste altung erforderlich.“

Fassaden und Dächer

Sind in der Innenstadt Dach- oder Fassadenbegrünungen geplant?

Dachbegrünungen sind in Gütersloh bereits etabliert, Fassadenbegrünungen hängen dagegen meist von privaten Investitionen ab. Ein bekanntes Beispiel für vertikale Begrünung liefert der Kö-Bogen II in Düsseldorf, der als europaweites Referenzprojekt gilt. Buddenberg verweist jedoch auf hohe Kosten solcher Vorhaben. Zumkier ergänzt, dass Dachbegrünungen in Gütersloh bereits etabliert und in neuen Gewerbegebieten teilweise sogar verpflichtend sind. Fassadenbegrünung bleibe hingegen stark abhängig von privaten Bauherren. Ein gelungenes städtisches Beispiel findet sich etwa beim Rolandbau am Städtischen Gymnasium.

Stimmen aus der Stadtgesellschaft

Wie werden besonders betroffene Bevölkerungsgruppen wie Ältere, Familien, Personen ohne klimatisierte Wohnräume einbezogen?

Die Beteiligung erfolgt vor allem über formalisierte Verfahren. Buddenberg verweist auf öffentliche Auslegungen und Informationsveranstaltungen sowie Senioren- und Behindertenbeirat. „Die Erfahrungen und Hinweise fließen in die Planungen ein“, sagt er. Bei privaten Projekten bleibt die Steuerung allerdings begrenzt.

Tempo der Anpassung

Reicht das Umsetzungstempo aus?

„Ganz klar: nein.“ Zumkier formuliert deutlich, dass die Geschwindigkeit der Maßnahmen nicht ausreicht. Klimafolgen schritten schneller voran als Planung und Umsetzung. Gleichzeitig sei die Kommune durch begrenzte Mittel eingeschränkt, was den Handlungsspielraum strukturell begrenze.

Ressourcen und Prioritäten

Gab es in der Vergangenheit Projekte, bei denen geplante Klimafolgenanpassungsmaßnahmen zurückgestellt oder angepasst wurden?

Nicht jedes Vorhaben kann sofort umgesetzt werden. Buddenberg beschreibt Klimaanpassung als Teil eines ständigen Priorisierungsprozesses innerhalb begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen. „Vor diesem Hintergrund werden Projekte regelmäßig hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit und Dringlichkeit bewertet.“

Wirkung in fünf Jahren

Woran sollen Bürgerinnen und Bürger Fortschritte erkennen?

Sichtbar werden soll der Fortschritt vor allem durch eine höhere Aufenthaltsqualität in der Innenstadt. Die Stadt erwartet spürbare Verbesserungen im Mikroklima einzelner Bereiche, ohne eine durchgängige stadtweite Abkühlung zusagen zu können. Zumkier ordnet ein, dass kommunale Maßnahmen vor allem Schadensbegrenzung leisten: „Die eigentliche Begrenzung des Klimawandels erfordert umfassende Anstrengungen auf nationaler und internationaler Ebene.“

Fotos: Tina Belke

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