Herzenssprechstunde gegen Einsamkeit

Einsamkeit kann krank machen. Das ist keine Binsenweisheit, sondern lässt sich wissenschaftlich belegen. Die Symptome sind vielfältig, die Medizin liegt auf der Hand: soziale Kontakte. In Isselhorst gibt es dazu jetzt einen Überweisungsschein. Die Arbeiterwohlfahrt und die Isselhorster Hausärzte laden ein zur „Herzenssprechstunde“.

„Alles kann, nichts muss“, bringt Julia Kelp es auf den Punkt, wenn sie in einem Satz darstellen soll, was in der wöchentlichen „Herzenssprechstunde“ passiert. „Wer zu uns kommt, ist Herr oder Herrin des Verfahrens.“

Julia Kelp, Fachberaterin für die Senioren- und Ehrenamtsarbeit bei der AWO im Kreis Gütersloh, hat die Idee vor einiger Zeit von einer Fachtagung mitgebracht und ist in Isselhorst damit auf große Offenheit gestoßen: ein Angebot gezielt für ältere Menschen zu entwickeln, die sich mehr Austausch, Gemeinschaft und Gespräch wünschen, die aber möglicherweise einen Anstoß brauchen, um den Weg zu einem Gegenüber zu finden.

Weil der Kreis vertrauter Menschen mit dem Alter vielleicht immer kleiner geworden ist. Weil Kinder und Enkel weit weg wohnen und ihr eigenes Leben führen. Weil sie sich fremd fühlen an einem Ort, an dem sie noch nicht so lange wohnen. Gründe für den unfreiwilligen Rückzug auf sich selbst gibt es genug, und nicht wenigen fällt es schwer, selbst die Initiative zurück ins soziale Leben zu ergreifen.

Genau hier setzt die „Herzenssprechstunde“ an. Seit Juli bietet Julia Kelp mit Doris Bökenshans und Christel Seichter als ehrenamtlichen AWO-Mitarbeiterinnen jeden Mittwoch zwischen 15 und 17 Uhr einen festen Termin im Haus am Kirchplatz an. Ziel ist es, Menschen zu erreichen, die bisher nirgendwo ein Rezept gegen ihre Einsamkeit gefunden haben.

Kein „Kaffeekränzchen“, wenngleich auch kleine Snacks und Getränke bereitstehen, sondern gegenseitiges Kennenlernen, Vertrauen aufbauen, auf Augenhöhe Bedürfnisse ausloten und eventuelle Hemmschwellen abbauen. „Denn es kostet durchaus Mut, den ersten Schritt zu machen“, wissen auch die Mitarbeiterinnen, die mit ihrer persönlichen Erfahrung in der Seniorenarbeit ins Projekt eingestiegen sind.

Deshalb haben sich Julia Kelp und ihre Mitstreiterinnen die Zusammenarbeit mit den beiden Isselhorster Hausarztpraxen gesichert. „Hausärzte sind Vertrauenspersonen ihrer Patienten und wissen, wie sich zum Beispiel veränderte Lebenssituationen auf die Gesundheit auswirken können“, beschreibt Julia Kelp den Ansatz.

Die Isselhorster Internisten Alexander Morre und Gregor Zimmermann sowie ihre Kollegen Bernfried Unkell und Philipp Bruns haben sofort ihre Unterstützung zugesagt, als Julia Kelp und die Isselhorster AWO-Vorsitzende Maria Vornholt-Schröder ihnen das Projekt vorgestellt haben. „Als Hausärzte erleben wir täglich, dass medizinische und soziale Probleme eng miteinander verbunden sind“, bestätigt Gregor Zimmermann. „Gerade ältere Menschen leiden nicht selten unter Einsamkeit. Das ist auch in einem guten sozialen Dorfleben wie in Isselhorst nicht ausgeschlossen. Die Herzenssprechstunde kann die medizinische Versorgung sinnvoll ergänzen, indem sie einen Ort der Begegnung für die Menschen schafft.“

Besonders schön finden er und sein Kollege Morre es, dass dieses Projekt direkt hier vor Ort in Isselhorst entstanden sei: „Ein gutes Beispiel dafür, wie sich soziales Engagement und medizinische Versorgung ergänzen können.“

Auch Bernhard Unkell und Philipp Bruns weisen darauf hin, dass Medizin sich nicht allein auf den Körper bezieht, sondern auch psychosoziale Fragen umfasse. „Der gelbe Rezeptblock der Herzenssprechstunde auf meinem Schreibtisch ist eine Erinnerung, das immer mitzudenken“, bekräftigt Bernhard Unkell.

Dass dieses Projekt Zeit zur Entwicklung braucht, war allen Beteiligten von vornherein klar, auch der Sparkassenstiftung, die ebenfalls überzeugt vom Projekt war und mit einer Anschubfinanzierung eingestiegen ist. Beide Arztpraxen haben bereits einige der Überweisungsscheine weitergegeben. Die erste „Sprechstunde“ im Juli hat Julia Kelp und dem Team der Ehrenamtlichen durchaus Mut gemacht.

Auf ihre „Herzenssprechstunden“ sind die drei gut vorbereitet. Neben klassischen Elementen wie der Vorstellungsrunde und dem Austausch über Erwartungen sollen vor allem biografische Anknüpfungspunkte alle miteinander ins Gespräch bringen. Wo nötig, spielt die „Herzenskiste“ den Eisbrecher – eine Sammlung unterschiedlichster Gegenstände, die Assoziationen hervorrufen, etwa das Poesiealbum, das mitten hineinführt in Schul- und Lebensgeschichten.

Aber auch Sinneseindrücke wie das „Hörmemory“ mit erinnerungsträchtigen Geräuschen, Fühl- oder Duftproben können Einstieg ins Gespräch sein, ebenso wie thematische Schwerpunkte. In welche Richtung die zwei Stunden am Nachmittag gehen, entscheiden die Teilnehmenden; vom Team kommen die Anregungen.

„Niemand steht hier unter Druck, irgendetwas leisten zu müssen“, betont Julia Kelp. Wichtig sei, „dass hier jeden Mittwoch ein geschützter Raum entsteht, in dem Erinnerungen geteilt, neue Kontakte geknüpft und einfach eine gute Zeit miteinander verbracht wird“. Vertraulichkeit ist das A und O.

Im umfassenden Programm der AWO hat die Herzenssprechstunde am Mittwoch nun ihren festen Platz. „Mein Ziel war und ist es, die AWO zu einer Begegnungsstätte in Isselhorst zu machen“, erklärt dazu Maria Vornholt-Schröder, „und dieses Angebot passt genau hierhin.“

Fotos: Susanne Zimmermann

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