Abi 1976 am ,,Städtischen“
Alles Mädchen, oder was ?
Vor 50 Jahren begann die Erfolgsgeschichte von gt!nfo. Grund genug, das Jahr 1976 mal näher in Augenschein zu nehmen. Was hat Gütersloh damals bewegt, was war neu, und was war so, als wäre es heute gewesen? In loser Folge präsentiert das gt!nfo in diesem Jahr Fundstücke aus ’76, Historisches, Kurioses, Überraschendes. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise.
Die Kulisse: der (damalige) Eingang zum Städtischen Gymnasium. Zehn adrette 18-Jährige und ein Lehrer. Klasse 13a – oder Oberprima, wie manche Eltern noch sagen – hat gerade in der Aula ihre Abiturzeugnisse erhalten, in die noch alle je erteilten Fächer in die Durchschnittsnote eingegangen sind. Nicht unbedingt hilfreich, wenn man Medizin oder ein anderes Numerus-Clausus-Fach studieren möchte, von denen es eine ganze Menge gibt. Dagegen ist ein Studium der Geisteswissenschaften – Geschichte zum Beispiel oder auch Germanistik – für einen relativ erschwinglichen Kurs zu haben. Vor Lehramtsstudiengängen wird im Übrigen gewarnt: Lehrer-Überhang droht bei zurückgehenden Geburtenraten.
So lässt sich grob die Situation beschreiben, in der die zehn jungen Frauen im Juni 1976 ihre Schule verlassen. Die Schülerinnenzahl hat sich im Klassenverband über die Jahre stetig reduziert, je nach Wahl der Unterrichtsschwerpunkte wurde mehrmals geteilt und neu zusammengestellt. Unter den drei Abiturklassen gibt es zwei ausschließliche Mädchenklassen, in der dritten finden sich auch einige wenige Jungen. Die – gefühlt – meisten der männlichen Mitstreiter haben den Durchmarsch von der fünften bis zur 13. Klasse nicht ohne Umwege geschafft. Dafür sind einige von der Realschule in die Oberstufe gekommen. Im Kopf der meisten Gütersloher ist das Städtische Gymnasium damals ohnehin noch das „Mädchengymnasium“ und wird es noch lange bleiben.

Aber Tatsache ist auch: Im Jahr 1976 verabschiedet sich der erste „koedukative“ Jahrgang aus dem Städtischen. 1967 war er mit einer von drei Klassen in den gemeinsamen Unterricht von Mädchen und Jungen gestartet. Erst zwei Jahre vor der Entscheidung zur Koedukation war der Neubau des „Neusprachlichen Mädchengymnasiums Gütersloh mit Frauenoberschule“ auf dem Gelände des ehemaligen Marktplatzes zwischen Moltke- und Berliner Straße seiner Bestimmung übergeben worden. Mit seinen hellen Räumen, einer modernen Sporthalle, gut ausgestatteten Trakten für naturwissenschaftliche und musische Fächer trug er seinerzeit allen Anforderungen an eine zeitgemäße Pädagogik Rechnung. Auch die Aula war eher stylischer Konzertraum als respektgebietender Versammlungsort (die Stadt nutzte ihn lange für ihre Veranstaltungsreihen). Alles in allem also ein großer Schritt in die Zukunft, der nicht zuletzt wachsenden Anmeldezahlen für die Gymnasien Rechnung trug.
Was in vielen Gütersloher Köpfen blieb, war die traditionelle „Mädchenbildung“, wie sie Gütersloh mit der Gründung eines Lyceums immerhin schon seit dem Jahr 1887 pflegte. Der Platzhirsch in der Gütersloher Schullandschaft war und blieb auch nach 1967 noch lange das Evangelisch Stiftische Gymnasium: traditionsbewusst mit seinem protestantischen Kern, seinem altsprachlichen Zweig, in dem Griechisch und Latein als erste Sprache gelernt werden konnten, gerühmt für das Hervorbringen bekannter Persönlichkeiten (zu denen in der Zeit des Nationalsozialismus allerdings auch der Vorstand der linientreuen „Deutschen Christen“, der sogenannte Reichsbischof Müller gehörte). Im Pool dieser Legenden begegnete man trotz Jungenquote ab 1967 noch lange hartnäckig der Meinung, das Abitur am Städtischen sei leichter zu haben, zumal in der „Frauenoberschule“ Pädagogik und hauswirtschaftliche Bildung zum Fächerkanon gehörten. Gern mal verbreitet wurden solche Ansichten mit dem süffisantherabwertenden Titel „Puddingabitur“. Gegen solche Vorurteile half auch die Tatsache wenig, dass mit Lehrpersonal wie beispielsweise dem Ehepaar Kremeyer Anforderungen auf höchstem Unterrichtsniveau gestellt wurden, die mindestens einigen später noch im Studium hilfreich waren.
1975 wurde das „Mädchengymnasium“ in Städtisches Neusprachliches Gymnasium und Gymnasium für Frauenbildung umgetauft. Der Anteil männlicher Schüler hatte kontinuierlich zugenommen und lag damals immerhin bei rund 25 Prozent der Gesamtschülerzahl. Der Abi-Jahrgang 1976 war allerdings noch auf eine andere Weise historisch: Die Abiturprüfungen erfolgten – im Gegensatz zu vielen anderen Schulen – hier noch komplett im Klassenverband. Für die Durchschnittsnote zählten so gut wie alle Fächer. Bei den mündlichen Prüfungen gruppierte sich das komplette Lehrer-Kollegium im Halbrund um die Probanden – eine nicht unerhebliche Herausforderung für alle diejenigen, denen Prüfungsängste schon im Schulalltag nicht fremd waren.
Besondere Belobigungen oder Buchgeschenke für Top-Abiturienten waren anno 1976 – zumindest am Städtischen Gymnasium – nicht üblich. Möglicherweise galt damals eher das Prinzip der kollektiven Leistung. Aber das ist Spekulation. Nach glamourösen Abibällen mit Abendkleid, Anzug und umfangreichem Programm sehnte sich ebenfalls niemand. Immerhin hatte sich der Jahrgang 1976 für eine Zeugnisübergabe im Rahmen einer Feier in der Aula entschieden, was unter einigen (?) Vorgänger-Jahrgängen im Sog der 68er-Proteste als Zugeständnis ans Establishment verpönt gewesen war.
Heftig gefeiert wurde allerdings allemal: auf unzähligen Partys, zu denen immer irgendwer aus dem Jahrgang einlud. Und danach begann ein langer Sommer mit Jobs, Interrail und dem guten Gefühl, dass sich der „Ernst des Lebens“ vielleicht noch ein wenig aufschieben ließe.

wurde 1965 eingeweiht.

wurde 1965 eingeweiht.
Fotos : Privat, Archiv







