Zwischen Lehrerpult und Trainerbank
Als der FC Gütersloh aus wirtschaftlicher Not geboren wurde, war Heribert Bruchhagen mittendrin – erst als Spieler, dann überraschend als Trainer. Im Gespräch blickt er zurück auf eine geglückte Fusion, einen radikalen Rollenwechsel und eine Zeit, in der Überzeugung wichtiger war als pädagogische Feinfühligkeit.
Herr Bruchhagen, wie haben Sie den FC Gütersloh in Ihrer Anfangszeit als Spieler wahrgenommen – was zeichnete den Verein damals besonders aus?
Der FCG entstand aus der Fusion von SVA und DJK – aus wirtschaftlicher Not beider Vereine. Lange wollten sie nicht zusammenfinden, bis der damalige Stadtdirektor Dr. Gerd Wixforth die Vorsitzenden Pötter und Altenpohl quasi zu einem Gespräch verpflichtete und ein Machtwort sprach. Da kam Bewegung in die Sache. Das Ergebnis war dann eine gelungene Fusion. Ab dem Moment des Zusammenschlusses war die alte Rivalität wie weggeblasen, über Nacht hatte sie sich in Luft aufgelöst. Aus beiden Vereinen kamen jeweils zehn Spieler und ein Kapitän – Axel Preuß vom SVA und ich vom DJK. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Mit Axel war ich ohnehin seit Kindheitstagen befreundet. Und mit Fritz Grösche hatten wir einen Trainer, der mit großem Engagement bei der Sache war und viel Energie in diesen Neuanfang gesteckt hat.
Es hat dann nicht wirklich lange gedauert und Sie wurden Cheftrainer – 1982 war das. Wie ist es dazu gekommen?
Das kam für mich völlig überraschend. Ich war 34 Jahre alt und stand voll im Berufsleben als Lehrer. Als Fritz Grösches Nachfolger Dieter Brei den Verein am Ende der Saison 82/83 plötzlich verließ und nach Düsseldorf ging, musste schnell eine Lösung her. Während meiner Spielerzeit hatte ich ihn öfter vertreten, wenn er verhindert war. Warum gerade ich das immer übernommen habe, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Vielleicht traute man mir Durchsetzungsfähigkeit zu. Ich habe das dann natürlich mit meiner Frau besprochen. Ihre Antwort war: „Wenn du meinst, dass du das zu deinem Lebensglück brauchst, dann mach das.“ Und damit war die Entscheidung gefallen.
Wie bewusst haben Sie diesen Rollenwechsel vollzogen?
Das war nicht ganz einfach für mich. Plötzlich war ich Trainer meiner früheren Mitspieler. Autorität herzustellen fiel mir nicht schwer, Begeisterungsstürme löste meine Ernennung aber sicher nicht aus. Allerdings verloren wir 1983 kein einziges Spiel – und dann verstummen auch Kritiker.
Wie haben Sie sich dann als Trainer gegenüber ihren ehemaligen Mitspielern positioniert?
Ich war immer überzeugt von meinen Entscheidungen. Natürlich musste ich auch Spieler auf die Bank setzen, mit denen ich zuvor noch zusammengespielt hatte. Wenn mich jemand fragte, warum er nicht spiele, habe ich meist geantwortet:
„Wenn du besser spielst, setze ich dich wieder ein.“ Pädagogisch war das sicher nicht ideal. Aber ich wollte nicht unglaubwürdig werden, indem ich lange erkläre und zwei Wochen später anders entscheide und das wieder anders erkläre. Also habe ich Diskussionen gar nicht erst zugelassen. Auch wenn ich damals zu den Mannschaftssitzungen zu Roggenkamp ging, habe ich mir bewusst Mühe gegeben, Entschlossenheit auszustrahlen. In so einer Position darf man keine Zögerlichkeit zeigen, selbst wenn man sie vielleicht im Kopf hat. Die Mannschaft darf das nicht merken – das war meine Überzeugung. Ob das pädagogisch sinnvoll war, bezweifle ich heute. Man würde es heute wahrscheinlich anders angehen. Aber damals war das mein Weg.
Was unterscheidet im Rückblick ihr Trainerleben von damals von den Strukturen heute?
Damals war ich alleiniger Trainer. Ich habe wirklich alles selbst gemacht. Heute arbeiten auf vergleichbarer Ebene fünf Experten, in der Bundesliga sind es 30 oder mehr Spezialisten in unterschiedlichen Funktionen. Ich habe mich bis zur ersten Aufstiegsrunde teilweise noch selbst eingewechselt. Körperlich war ich fit, weil ich sämtliche Lauftrainings selbst mit absolviert habe. Ich habe das bis zu meinem 39. Lebensjahr durchgezogen. Das war eine ganz andere Zeit – deutlich weniger arbeitsteilig, aber vielleicht auch unmittelbarer.
1984 gewann der FCG unter Ihrer Führung dann die Meisterschaft in der Oberliga Westfalen. War das ein Ergebnis langfristiger Planung oder eher das Zusammenfallen mehrerer günstiger Faktoren?
Das war einfach die Eigendynamik des Erfolges.
Und haben Sie es dann bereut, es in der Aufstiegsrunde anschließend nicht in die 2. Bundesliga geschafft zu haben?
Einerseits ja. Andererseits war ja immer klar: Wenn wir tatsächlich aufsteigen, kommt vermutlich ein anderer Trainer.
Ich war damals noch nicht bereit, alles auf die Karte Fußball zu setzen. Mein Hauptberuf war Lehrer. Wären wir früher aufgestiegen, hätte ich das nicht weiterführen können. Aber so kam es, wie es
kam.
Kurze Zeit später haben Sie aber doch ganz auf die Karte Fußball, wie Sie sagen, gesetzt…
Ja. Nach meiner Zeit beim FCG war ich kurz in Verl, dann kam die Anfrage aus Schalke. Ich musste meine Beamtenstelle kündigen – das war eine echte Zäsur in meinem Leben.
Das war eine echte Zäsur in
meinem Leben.
Haben Sie das auch wieder mit Ihrer Frau besprochen?
Natürlich. Und sie war einverstanden. Ich habe ihr versprochen, dass ich im Notfall eine Lösung finden würde – dass unsere Kinder nicht verhungern müssen und ich mir im Zweifel eben wieder etwas anderes suche. Meine Frau war selbst Lehrerin, wir hatten also eine gewisse Absicherung. Irgendwie hätte es funktioniert.
Wie war dann dieser Schritt in den Bundesligafußball?
Groß! Die Bild-Zeitung titelte damals sinngemäß: „Heribert wer? Der sieht den ersten Schnee nicht.“ Man fragte sich, was Schalke 04 mit einem Trainer aus Gütersloh, dazu einem Lehrer, wolle. Aber Skepsis kannte ich ja schon. Damit hatte ich in Gütersloh gelernt umzugehen. Es fiel mir deshalb relativ leicht, dagegenzuarbeiten. Mit Müller-Milch fand ich einen starken Sponsor – nicht allein durch mich, aber es wurde mir zugeschrieben, und ich habe das so stehen lassen. Später kam Strothmann hinzu. Auf Schalke war dann der wirtschaftliche Erfolg das, was in Gütersloh zuvor der sportliche Erfolg gewesen war. Beides hat mich geprägt.
Dann saßen Sie fest im Sattel und der Weg ging weiter durch die großen Vereine.
Ja, wenn man einmal auf diesem Karussell sitzt, fährt man mit. Man bleibt im System. Bei mir folgten der HSV, Arminia, Frankfurt. Eine intensive Zeit.
Noch einmal zurück nach Gütersloh: War diese Zeit eher sportliches Sprungbrett oder prägende Lebensphase?
In dieser Phase habe ich mir die Grundlagen erarbeitet. Ich habe gelernt, die Bundesliga zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und mir ein dickes Fell gegenüber Kritikern zuzulegen. Die Erwartungshaltung ist schließlich fast immer höher als die Realität. Jeder Verein strebt nach oben – außer dem Tabellenführer, der einfach oben bleiben will. Aber es kann nicht jeder ganz oben stehen. Am Ende erreichen zwölf Vereine ihre Ziele nicht, und sechs Vereine trennen sich vom Trainer. So ist das Geschäft. Im Fußball gilt: Der Erfolg des einen bedingt den Misserfolg eines anderen Clubs.
Foto: Wolfgang Sauer






