Papa macht Quatsch im Fernsehen

Simon Gosejohann ist einer von hier. Er ist Schauspieler, Comedian und Wahl-Berliner. Seinen Ursprung hat er im Ortsteil Niehorst auf dem elterlichen Bauernhof – und mit ihm seine Brüder Robin und Thilo. Unserem Autor ist Simon das erste Mal um 1996 herum begegnet. Der junge Mann trat an als Praktikant bei Radio Gütersloh. Dort war Thorsten Wagner-Conert zu der Zeit leitender Redakteur. Nun war’s an der Zeit für eine aus-
führliche Plauderei zwischen beiden: Das gt!nfo wird 50. Und Simon Gosejohann feierte am 9. Januar 2026 Geburtstag. Er wurde: 50.

Fotos: Steffen Roth

Lieber Simon, alles Gute zum 50. Geburtstag. Man sagt ja: „Jugend vergeht, Hektar besteht.“ In die Fußstapfen von Vater Helmut zu treten, das war nie eine Option für dich oder deine Brüder?
Also Bauer ging nicht. Mein Vater ist, glaube ich, 2003 in Ruhestand gegangen. Man hätte in den Neunzigern anfangen müssen, sich deutlich zu vergrößern. Wir waren so ein kleinerer mittelständischer Betrieb. Damals war schon klar, lange funktioniert das nicht mehr auf der Größe, das trägt sich nicht. Ja, vielleicht in Ostdeutschland noch einen Betrieb dazunehmen – oder wie auch immer man sich vergrößert, aber: Das ist nicht passiert.

Ihr Jungs wart aber auch ein bisschen aus der Art geschlagen, oder?
Ja, das stimmt schon. Thilo und ich, wir waren beide kreative Vögel. Thilo war ab Mitte der 1990er an der FH Dortmund, und ich hab‘ zunächst eine ganz solide kaufmännische Ausbildung bei Union-Knopf gemacht. Mein Medieneinstieg war dann 1996 bei Radio Gütersloh. Mit dir habe ich spektakulär 200 Eis in der Innenstadt verteilt. Und das war nicht schlecht. Ja, was man alles so macht …
Ich sprach damals auch Aufsager, das fand ich aufregend. Am Ende der Aufsager hieß es dann: „Simon Gosejohann für Radio Gütersloh“. Das wurde gehört, spannend. Ich war für das Radio auch am Kiebitzhof, und da hat Thomas Muster einen Grundpfeiler eingeschlagen. Eine Tennislegende, muss ich aus heutiger Sicht sagen. Später habe ich mit dem auch noch ein Bierchen getrunken auf Schalke. Da hat der mitgemacht bei der Stock Car Crash Challenge.

Wann haben deine Eltern festgestellt, also der Junge, der ist komplett verrückt, der muss nach Berlin? Also mit uns wird das nichts, der muss hier raus.
Also, sie haben mich einfach ziehen lassen. Ich dachte, wenn ich zuhause niemandem auf der Tasche liege, kann ich machen, was ich will. Das war mein Selbstverständnis. Und in dem Moment, als ich eine abgeschlossene Ausbildung hatte, dachte ich, jetzt muss ich ein bisschen rumprobieren. Wenn manche mich fragten, was hast du denn damals in der Ausbildung gemacht, dann habe ich immer wahrheitsgemäß geantwortet: Ich habe Knöpfe verkauft. Das war oft ein Lacher, dabei hat OWL davon gut gut leben können. Wir waren Marktführer in den Neunzigern. Aber diesen Industriezweig gibt es gar nicht mehr.

Die Sache mit den Knöpfen war dir aber auch irgendwann zu spießig, oder?
Ein bisschen ja, das stimmt. Ich wollte eigentlich immer auch Kreativität dabeihaben. Aber die hatte damals kaum Platz im Beruf, war eigentlich fast nirgends vorfindbar. Das ist heute anders durch die ganzen Online- und Social Media-Ge-
schichten. Ich glaube, heute muss man nicht mehr so dringend in die Metropole gehen, wie ich es damals gefühlt habe.

Aber du bist in der Hauptstadt angekommen, wohnst da…
Und andere Gütersloher auch: Gerade war ich noch beim Sport mit Jan-Hendrik Meyer und Steffen Wilmking. Wir halten natürlich an den alten Seilschaften fest. Das ist ja was total Schönes, die ewigen Freundschaften. In Berlin wohne ich in diesem Jahr im November dann seit zehn Jahren.
Vorher war ich 17 Jahre in Köln.

Wikipedia führt dich als Schauspieler, Moderator und Komiker. Was sagst du eigentlich selbst, wenn du irgendwem erklären sollst, womit du deine Brötchen verdienst?
Oh, das ist eine gute Frage … Fernsehen und Social Media würde ich sagen. Ich würde gar nicht mehr so sehr auf meine Berufsbezeichnung eingehen. Es gab so eine Zeit, da hatten sich irgendwie alle mit ganz vielen Berufen geschmückt. Irgendwie kann man das nicht mehr am Kopf haben. Schauspiel, das hätte ich gerne mehr gemacht. Aber da hätte ich dann auch mehr dafür tun müssen.

Du sprichst gerade sehr in der Vergangenheit. Ist „50“ so eine Wendemarke, wo man festgelegt ist und das nun so bleibt?
Man muss schon eine wirkliche Chance kriegen, und da müssen dann schon Leute auf einen zukommen, die das wirklich wollen. Das passiert eben selten.

Auch die längste Pubertät geht ja irgendwann mal zu Ende. Wann endete deine?
Die ist so jetzt in den letzten Zügen vielleicht. Aber ganz überwunden habe ich sie noch nicht. Der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy beschäftigt mich immer mal wieder: Kabarett ist oft intellektuell recht aufgepustet, da musst du mitdenken, und dann gehst du aus so einer Veranstaltung und hast dir nichts merken können. Du bist dagegen der, der nicht gerade den hyperintellektuellen Anspruch hat, sondern der, der andere Formen der Grenzüberschreitungen wagt. Viel zu enge, grelle Klamotten und Distanzlosigkeiten gegenüber Publikum zum Beispiel. Wie lange geht das noch gut?
Wie lange das noch gut geht, das weiß ich auch nicht. Ich freue mich darüber, wenn es noch weiterläuft. Es ist dann am Ende auch ein Gefühl. Der Comedian, der immer lustig sein will und jetzt vielleicht das ernsthaft Politische kategorisch auslässt, tut sich auch keinen Gefallen. Man muss da seinem Gefühl folgen. Und am Ende, wenn du lachst, dann lachst du halt. Das ist was Schönes. Ich lache mal über einen dummen Witz. Ich lach auch mal über einen schlauen Witz. Hauptsache ist doch, man lacht.

Bist du mit „professionell übergriffig“ gut beschrieben?
Das funktioniert heute nicht mehr so gut. Ich will nicht ausschließen, dass es viele solcher Momente gab in meinem Format „Comedystreet“. Aber heute, in dem Moment, wo es übergriffig wirkt, muss ich es sein lassen.

Weil du dich verändert hast oder weil sich auch Gesellschaft verändert hat und die Grenzen anders gezogen werden?
Weil sich da die Gesellschaft verändert hat, die Grenzen anders gezogen werden und ich das aber auch befürworte. Ich kann das nachvollziehen, dass ein anderer Respekt und eine andere Sensibilität wichtig geworden sind. Und beides beanspruche ich auch für mich. Es ist ja mein Beruf, trotzdem Sachen zu finden, die lustig sind. Grenzen gab es immer.

Du veränderst dich – und jetzt willst du auch noch tanzen bei „Let‘s Dance“ von RTL. Was ist denn bitte da passiert?
Das habe ich immer als große Show wahrgenommen. Und ich dachte mir immer schon, wenn sie dich mal fragen, dann kannst du nicht Nein sagen. Das ist halt einfach eine Sendung, die so viel Charme hat – eine, die einfach viele gucken. Aber ich war natürlich auch jedes Jahr froh, wenn ich nicht gefragt wurde, weil es einfach so eine harte Arbeit ist. Ich habe oft gedacht: Was haben die da für ein ungeheures Trainingspensum an den Hacken? „Viele Grüße an die Füße“, würde Helga Weißenberg sagen.

Hast du etwa bei Helga einen Kurs gemacht?
Habe ich nicht, nee. Ich habe mich drumherum gedrückt. Irgendwann habe ich vielleicht zwei, drei Standardtänze nachgeholt.

Aber ohne die „Helga-Ausbildung“, was wirst du da abliefern bei „Let‘s Dance“? Was kannst denn du?
Es ist vielleicht schon ein bisschen wie Pokern. Also man kann Glück haben, sag ich mal. Vielleicht habe ich Glück. Aktuell mache ich ein bisschen Basistraining, damit mich die Muskeln nicht im Stich lassen. Und dann kommen ein paar Grundschritte dazu, die Tanzpartnerin und Musik und Rhythmus und Publikum. Was dann am Ende dabei rauskommt, das weiß ich einfach jetzt auch noch nicht.

Die erste Lebenshälfte ist knapp rum. Und seit sechs Jahren hast du einen Sohn. Was sagt denn so ein Sechsjähriger über seinen Papa, wenn der Papa Simon Gosejohann heißt und sich wie Simon Gosejohann benimmt?
Letztens war ich bei „Schlag den Star“. Und das war eigentlich eine ganz schöne Show mit schönen Spielen, das hat ihm sehr gut gefallen. Er findet es immer gut, wenn ich gewinne.

Was sagt der Kurze über dich? Papa ist so ein bisschen durch den Wind, oder der ist ein bisschen anders als die anderen? Was vertritt der gegenüber Dritten, wie sein Papa ist?
„Papa macht Quatsch im Fernsehen“, glaube ich. Ja. Aber ehrlich, Thorsten, ich weiß gar nicht, was er in der Schule darüber erzählt. Wenn der Papa im Fernsehen ist, dann ist das aber was Besonderes, das findet er schon gut. Und er freut sich auch immer, wenn ich mal Fotos machen muss.

Bei der zweiten Lebenshälfte waren wir stehengeblieben – was muss da passieren für dich?
Gute Frage. Mit
44 dachte ich ja, 48 ist sicher ein cooles Alter. Aber als ich dann 49 wurde, merkte ich, ich habe überhaupt keinen Lebensentwurf, kein Irgendwas für die Jahre danach. Ich bin hier, ich habe hier eine glückliche Familie. Das ist eine super Basis. Und eigentlich bin ich auch froh, es ohne Lebensentwurf zu probieren. Ich hatte gute Jahre, konnte mir den einen oder anderen Traum leisten. Die Freiheiten, die ich in meinem Leben genieße, sind eigentlich so, dass ich mir denke, ich muss eigentlich nie aufhören zu arbeiten. Weil ich da schon im Einklang bin.

Du bist so alt, wie das gt!nfo, in dem du erscheinst. Was kannst du denn diesem 50-jährigen Blatt als Tipp fürs Älterwerden mit auf den Weg geben?
Du, gt!nfo, bleib, wie du bist, mach dich nicht verrückt durch irgendwelche Trends. Als du gestartet bist, war die Welt noch eine komplett andere. Trotzdem: Du bist immer noch da. Irgendwann hatten wir zu den Printmedien rüber geschaut und gedacht: Oh, Print geht es aber nicht gut. Insofern ist das gt!nfo ein wunderbarer Anachronismus und hat allein durch sein Bestehen am heutigen Tag schon gewonnen für mich.

Avatar-Foto

About Author /

Start typing and press Enter to search