Nachruf auf ein kulturelles Juwel

Warum das Ende der Weberei uns alle angeht.

von Tim Bönig

Nun ist es also wieder mal soweit: Die Weberei ist zu. „Oha“, schreibt der virtuell engagierte Bürger auf Facebook. „Typisch Weberei!“, raunt es durch die Kommentarspalten. Doch nach mehr als zehn Jahren Distanz zu meiner Heimatstadt ist es für mich an der Zeit, aus der Versenkung zu klettern und zu entgegnen: Nein, das ist nicht typisch Weberei. Das ist typisch Gütersloh.

Ich war dabei, als das heutige Kapitel 2013 aufgeschlagen wurde. Ich saß im Büro der damaligen Bürgermeisterin, um ein Haus zu retten, das bereits zweimal insolvent war. Wir unterschrieben den Übernahmevertrag trotz einer horrenden Ablösesumme für das marode Inventar, um das Projekt „Bürgerkiez“ seinen Lauf nehmen zu lassen. Für mich wurde es ein kurzes Kapitel von nur 13 Monaten. Dem Druck aus unbezahltem Workload und anonymen Anfeindungen hielt ich nur ein Jahr lang stand, bevor ich ausgebrannt aufgeben musste und dieses Himmelfahrtskommando den anderen überließ.

Der Kultur bin ich seither treu geblieben. Heute blicke ich als Konzertveranstalter, der die Clublandschaft und Soziokultur in ganz Deutschland kennt, auf das, was mein Bruder Steffen und sein Team in den vergangenen zehn Jahren geleistet haben. Ich sehe täglich, wie hart bundesweit um kulturelle Freiräume gekämpft wird und was in Kommunen passiert, wenn diese Orte wegfallen.

Was in Gütersloh oft als „typisch Weberei“ abgetan wurde, war in Wahrheit ein Modellbeispiel für lebendige Soziokultur, um das andere Städte Gütersloh beneidet haben. Doch statt dieses Juwel zu schützen, wurde es politisch zu oft als Störfeuer gesehen und behandelt. Die notwendige öffentliche Debatte glitt zudem vom ersten Tag an auf die Ebene von Pöbeleien über Pizza-Temperaturen oder die fachliche Eignung der neuen Betreiber ab. Dass nun ein banaler „Planungsfehler“ der Stadt das endgültige Aus besiegelt hat – ein achselzuckendes „Ups, sorry“, nachdem das Team bereits einen Notbetrieb organisiert hatte – ist die bittere Pointe dieser Geschichte. Die lokale Presse hat recht: „Die Weberei wird schließen. Um das Angebot zu erhalten, fehlen Millionen.“

Claudia Roth sagte einmal: „Kultur ist systemrelevant, weil sie demokratierelevant ist. Sie ist der Kitt, der uns zusammenhält. Wo sie unter Druck gerät, verstummt die Musik, und die Bühnen bleiben leer.“

In der Weberei ist die Musik nun verstummt. Neben den städtischen Verantwortlichen sollte sich aber auch jeder Einzelne fragen: Bin ich mir meiner Verantwortung für den Wegfall dieser Säule unserer Demokratie bewusst? Was passierte, ist kein lokales Betriebsunglück. Es ist das Ergebnis einer schleichenden Zermürbung und fehlendem gesellschaftlichen Zusammenhalt für einen so wichtigen Ort.

Kulturstätten sind kein Luxusgut. Sie sind der Raum, in dem wir als Gesellschaft auf Augenhöhe zusammenkommen, kontrovers diskutieren und unsere Art zu leben gemeinschaftlich aushandeln. Wenn dieser Raum stirbt, verliert Gütersloh mehr als nur einen Veranstaltungsort – es verliert ein Stück seiner Seele.

Diese Worte sind weder eine Abrechnung noch wird Dank erwartet. Was ich mir einzig wünsche, ist das Erkennen der Relevanz solcher Orte abseits von Hochkultur und Champagnergeklimper und die Übernahme individueller Verantwortung, um einen geeinten Start für kommende Betreibende zu ermöglichen.

Foto: Tim Böning

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