Kulturpolitik mit Mut

Zwei Jahrzehnte hat Andreas Kimpel die Kulturpolitik in Gütersloh geprägt: mit strategischer Planung, neuen Formaten und dem festen Glauben daran, dass Kultur mehr sein kann als Verwaltung des Bestehenden. Große Ideen brauchen Mut – und manchmal auch die Bereitschaft zu scheitern.

Herr Kimpel, Sie gehen Ende Februar in den Ruhestand. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre Zeit in Gütersloh zurück?

In Gütersloh hat sich im Kulturbereich in den vergangenen Jahren viel bewegt: Wir haben Strukturen geschaffen, die Kultur nachhaltig stärken. Besonders freut mich, dass Gütersloh als lebendiger Kulturstandort anerkannt wird. Dieses Ergebnis ist das Produkt engagierter Arbeit vieler Beteiligter. Mit diesem Wissen und mit dem Gefühl, gemeinsam etwas Tragfähiges aufgebaut zu haben, blicke ich sehr zufrieden auf meine Zeit zurück.

Hatten Sie zu Beginn eine klare Vision, die Sie angetrieben hat – vielleicht sogar im Sinne eines Dream Big?

„Dream Big“ war nie meine Devise, eher „Think big, start small“: Große Ideen Schritt für Schritt umsetzen, realistisch bleiben. Es bedeutet, Weitblick mit täglichem, konkretem Engagement vor Ort zu verbinden. Ich wollte Gütersloh kulturell attraktiver aufstellen, sowohl für die Menschen hier als auch nach außen. Von Beginn an war es mein Anspruch, Kulturarbeit nicht isoliert zu denken, sondern sie als integrierte gesellschaftspolitische Aufgabe zu verstehen, die sich aktiv in Stadtentwicklung und kommunale Zukunftsgestaltung einbringt.

Sie konnten auf diesem Weg nicht all Ihre Ideen umsetzen: eine Pop-Akademie etwa, oder das Kulturkaufhaus im alten Karstadt-gebäude. Wie wichtig ist es, große Entwürfe zu wagen, selbst wenn sie scheitern?

Das halte ich für unverzichtbar. Aus solchen Projekten entstehen oft neue Wege und wichtige Erkenntnisse. Diskussionen, Konzeptionsphasen, und Auseinandersetzungen bringen neue Ideen, Netzwerke und Perspektiven hervor, die später wieder aufgegriffen werden können. Beim Theaterneubau damals haben wir zum Beispiel bewusst alternative Ansätze diskutiert: Das ehemalige Pfleiderer-Areal sollte als neues Stadtquartier gedacht werden – mit erhaltener Industriekultur, neuen Architektur- und Wohnformen sowie Kultur- und Lebensangeboten, inklusive eines Theaters in einer Industriehalle. Grundlage war das Förderprogramm des Städtebauministeriums NRW „Neues Wohnen, Leben und Arbeiten“.

Ergänzend war eine Rock- und Popakademie als weiterer Hochschulstandort neben Mannheim geplant, die junge Kreative nach Gü-tersloh gezogen hätte. Kultur, Bildung, Gastronomie und Wohnen wären eng verzahnt worden. Das Konzept war attraktiv, scheiterte jedoch an veränderten marktwirtschaftlichen Bedingungen. Der heutige Theaterstandort ist dennoch eine gute Lösung für Gütersloh. Scheitern ist kein Endzustand, sondern ein Lernprozess. Auch gescheiterte Projekte eröffnen neue Perspektiven und Erfahrungen, die später Erfolge ermöglichen. Wie Truman Capote sagte: „Scheitern ist das Gewürz, das dem Erfolg seinen Geschmack gibt.“ Das trifft es sehr gut. Es braucht Mut, viele Versuche, manchmal auch Prototypen und Umwege, um am Ende den richtigen Weg zu finden. Scheitern und Erfolg gehören eng zusammen – und ohne das eine wird es das andere kaum geben.

Welche Ihrer Entscheidungen waren besonders mutig?

Zu den besonders komplexen und mutigen Entscheidungen gehörte der gesamte Prozess um den Neubau des Theaters. Nach einer heftig umstrittenen Vorgeschichte war es nötig, ihn sachlich neu aufzusetzen, inhaltlich zu fokussieren und zu definieren, welche kulturellen Ziele die Stadt verfolgt und welche Infrastruktur dafür angemessen ist. Nicht weniger anspruchsvoll waren die Sanierung der Stadthalle und die Entwicklung der Kultur Räume zur Stärkung der Vielfalt des städtischen Kulturbetriebs. Mutige Entscheidungen erfordern dabei immer Weitblick. Entsprechend haben wir immer auch zahlreiche kreative Nutzungen bestehender Gebäude ge-prüft – von den Panzerhallen im Mansergh Quartier für Bildende Kunst über eine Probebühne im ehemaligen Kino dort bis hin zu Open-Air-Formaten auf dem Flughafengelände Marienfeld. Die Voraussetzungen waren oft da, dennoch scheiterten einzelne Projekte etwa an Natur- oder Artenschutzauflagen. Entscheidend ist aber, Widerstände konstruktiv zu bearbeiten, Überzeugungsarbeit zu leisten, Partner zu gewinnen und flexibel alternative Lösungen zu suchen.

Was war bei der Entwicklung der neuen Kultur Räume die größte Herausforderung: Bau, Betrieb oder Haltung?

Die größte Herausforderung lag weniger im Bau oder Betrieb als in der Haltung: eine gemeinsame Vision zu entwickeln und beide Häuser betriebswirtschaftlich, organisatorisch und inhaltlich zu verzahnen: Overhead-Bereiche wurden zusammengelegt, eine neue Corporate Identity entwickelt, die Dateninfrastruktur modernisiert und neue Veranstaltungsformate etabliert. Heute sind die Kultur Räume Gütersloh effizient, attraktiv und eine der Top-Adressen in Ostwestfalen-Lippe.

Warum braucht Kultur Strategie – und nicht nur Engagement?

Engagement ist wichtig, aber ohne Strategie bleibt es punktuell. Kulturentwicklungsplanung ist ein gemeinsamer Orientierungsprozess, der Ziele definiert und Prioritäten setzt. Sie berücksichtigt finanzielle Grenzen und eröffnet mit Allianzen, Kooperationen und innovativen Finanzierungsmodellen das größtmögliche Potenzial für den Standort. Sie macht Kulturpolitik langfristig verlässlich und wirksam.

Die Weberei ist auch so ein komplexes Thema. Was macht für Sie ein soziokulturelles Zentrum dauerhaft tragfähig?

Das sind mehrere Säulen. Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie von Initiativen, die gemeinsam Inhalte entwickeln und lebendig halten. Zugleich sind sie ein „dritter Ort“ jenseits von Arbeit und Privatleben, ein niedrigschwelliger Raum für Begegnung, Austausch und Kulturerleben für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensrealitäten. Es sind Orte der Mitgestaltung, die Themen aus der Stadtgesellschaft aufgreifen und kulturelle Bildung, Debatten und künstlerische Praxis verbinden. Diese Kombination aus Beteiligung, Vielfalt, gesellschaftlicher Relevanz und einer soliden finanziellen Grundausstattung – soziokulturelle Zentren sind primär nicht kommerziell geprägt – macht sie dauerhaft tragfähig. Und unverzichtbar für eine lebendige Stadtgesellschaft.

Kulturpolitik ist also ein Spagat zwischen Politik, Verwaltung und Szene. Wie haben Sie ihn gemeistert?

Kulturpolitik in einer Stadt ist vor allem Kommunikations- und Gestaltungspolitik. Sie lebt vom kontinuierlichen Dialog und davon, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen – innerhalb der Stadt und darüber hinaus. Über viele Jahre war ich Mitglied im Kulturausschuss des Deutschen Städtetages sowie stellvertretender Vorsitzender im Kulturausschuss des Städtetages NRW; auch dort zeigt sich, wie wichtig es ist, Erfahrungen zu teilen und kulturpolitische Themen gemeinsam weiterzuent-wickeln. Dazu gehören auch Offenheit, Ehrlichkeit, Direktheit und Zuhören. Grenzen setzen dann Ressourcen, politische Mehrheiten und Erwartungen. Entscheidend ist, diese Spannungen auszuhalten, handlungsfähig zu bleiben, neue Horizonte zu eröffnen und Partner zu gewinnen.

Mit C-City und Urban Diplomacy haben Sie Kultur dann auch international gedacht …

Das Leitmotiv von C-City lautet: „Europa liegt nebenan.“ Städte wie Gütersloh sind Teil eines europäischen Kontexts, in dem rund 70 Prozent der Menschen in urbanen Räumen leben. Umso wichtiger ist es, Europa vor Ort erlebbar zu machen, seine Bedeutung für das Zusammenleben zu verdeutlichen und ein gemeinsames „Wir“ für Europa zu stärken. Hier setzt Urban Diplomacy an: Städte übernehmen eine aktive Rolle in der internationalen Verständigung, schlagen Brücken, ermöglichen Dialog und leben europäische Werte wie Demokratie, Offenheit und Frieden im Alltag. Mit C-City beginnen wir bei unseren Partnerstädten in Polen, Schweden, Frankreich und Großbritannien, die seit fast fünf Jahren vernetzt zusammenarbeiten. C-City verbindet Städte, ermöglicht dadurch kulturelle Projekte und ein C-City-Europa-Jugendparlament. Gütersloh wird damit zu einem Botschafter für Frieden und europäische Werte.

Welche Formate stehen noch für den kulturellen Aufbruch in Gütersloh?

Neue Formate nutzen den öffentlichen Raum, wie das Paste-up-Projekt des Künstlerduos Vill/Mannstein beim Stadtjubiläum, C-City-Projekte, Ehrenamtsinitiativen und flexible Formate. Das Kinder- und Kulturfest Donnerlütken, Weltstadtmusik, Bluesfestival, Jazz in Gütersloh, Swinging Sky, das Kabarettfestival SchlaDo und die Galerie im Forum zeigen die Vielfalt. Die Stadtbibliothek und Weberei eröffnen neue Impulse. Experimente, Beteiligung und öffentlicher Raum machen Kultur öffentlich sichtbar.

Bibliothek und Archiv bezeichnen Sie als „Herzstücke“ der Stadt. Warum sind diese Einrichtungen so zentral?

Das Archiv sichert Geschichte und ermöglicht gesellschaftliches Verständnis. Die Bibliothek ist ein offener Ort für Lernen, Austausch und Kulturzugang. Beide zusammen schaffen Infrastruktur für historische Tiefe und Gegenwartsorientierung – unverzichtbar für eine lebendige Kulturstadt.

Welche Rolle spielen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene für die Zukunft der Kulturstadt?

Sie sind aktive Mitgestalter, nicht nur Nutzer. Kulturelle Bildung eröffnet Teilhabe, fördert Kreativität, Selbstbewusstsein und
soziale Kompetenz. Angebote in Musikschulen, sowie Kulturstrolche und Kulturrucksack ermöglichen aktives Mitwirken. Wer in die kulturelle Bildung junger Menschen investiert, legt das Fundament für eine offene, kreative und resiliente Kulturstadt.

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