Kleines Budget, große Strahlkraft

Jubiläum 200 Jahre Stadt Gütersloh: Am Ende steht Nachhaltigkeit

Was hätte man für 150.000 Euro umsetzen können im Gütersloher Jubiläumsjahr 2025? Zehn Baumpflanzungen in der Innenstadt vielleicht. Oder ein Stadtfest-Wochenende mit Promiauftritt: vielleicht Sarah Connor, Max Giesinger und was die Agenturen da noch so hergeben. Für einen Roland Kaiser wäre das Budget schon nach höchstens 30 Minuten verpulvert gewesen. Gütersloh hat es cleverer gemacht und mit dem Hunger-Budget ein Jahr lang für kulturelles Grundrauschen in der Stadt gesorgt. Tusch! möchte man rufen, denn viele Ideen und Aktivitäten mit dem Festjahr-Notgroschen enden keineswegs am bevorstehenden Jahresende, sondern strahlen in die Zukunft aus. Im Gespräch mit gt!nfo bilanzieren Lena Jeckel, Leiterin Fachbereich Kultur der Stadt Gütersloh, und Christina Junkerkalefeld, Geschäftsführerin Gütersloh Marketing (gtm), ein anstrengendes, noch mehr lohnendes, ereignisreiches und vor allem nachhaltiges Jubiläumsjahr 2025.

Dass man „nicht einfach Gelder ausgibt, kurz feiert und dann wieder weg ist“ (Lena Jeckel), das war der Anspruch des Fachbereichs Kultur, der in Zusammenarbeit mit Gütersloh Marketing die Linie für 2025 festlegte: Ein Stadtjubiläumsjahr, so verlautete sie im Vorfeld, müsse breit aufgestellt sein, die Bevölkerung mit ihren Facetten mitnehmen, alle Generationen und Kulturen integrieren und bedienen und ein nachhaltiges Bewusstsein für Geschichte und Selbstverständnis der Stadt entwickeln. Im Kern, sagen Jeckel und Junkerkalefeld, ist es geglückt: Das Jubiläumsjahr verlief weitgehend reibungslos; es gab viel Unterstützung in der Bevölkerung, schöne Erfolge, viel Lob und neuen Zusammenhalt. Freuen darf man sich über Projekte, die nachhaltig bleiben. Sie sollen auch in Zukunft zum Kanon der Kulturaktivitäten in Gütersloh gehören.

Die wichtigsten Erfahrungen aus dem Jubiläumsjahr und was sie so wertvoll machen für die Zukunft

→ Es braucht kein Riesen-Budget, um die Gütersloher mitzunehmen und sie zu begeistern. 200 Ideen (von rund 300!) aus allen Teilen der Bevölkerung wurden eingefangen. Gütersloh ist stark in der Teilnahme, formuliert Lena Jeckel, und lebt von seinen „engagierten Vereinen, die großartige Arbeit leisten“, wenn es um die Gestaltung von Gemeinschaftserlebnissen geht. Dass den Teams von Stadt und gtm nur wenig Zeit zur Vorbereitung und Koordination des Jubiläumsjahres blieb: geschenkt. Allerdings bleibt festzuhalten, dass der Ressourceneinsatz „obendrauf“ kam, das normale Tagesgeschäft lief schließlich weiter. Da brauchte es viel „Liebe und Leidenschaft“ (Lena Jeckel) für all die Hintergrundarbeit mit den typischen Themen des Eventmanagements: Stichworte Telefonate, Versicherungsfragen, Netzwerk-Pflege, vor Ort sein, Gelder sammeln, Strom und Wasser, Durchfahrten sichern, Sicherheitskonzepte, gute Worte, Teambuilding, Kalkulationen, Projektbegleitung und vieles mehr. Und wenn die Fahnen in der Fußgängerzone sich wieder einmal verheddert hatten, rückte man gleich mit dem Dienstleister und seinem Hubwagen raus.
→ Die Kontakte zwischen Stadt, den Vereinen und den vielen Ehrenamtlichen ist durch diese Zusammenarbeit im Jubiläumsjahr noch intensiver geworden, auch wenn es vorher schon ein sehr starkes Netzwerk gab. Christina Junkerkalefeld: „Wir sind sehr dankbar, dass in den Vereinen so engagiert gearbeitet wird. Wir brauchten bis auf ein paar Stellschrauben nicht viel einzugreifen.“ Lena Jeckel ergänzt: „Wir wussten auch, dass es speziell in Gütersloh sehr viele Ehrenamtliche gibt, die sich professionell engagieren wollen. Andere Städte haben das so nicht. Diese Leidenschaft ist wirklich schützenswert, denn wir leben bei allen Herausforderungen immer noch in einer lebhaften Stadt mit hoher Lebensqualität und es gibt diese vielen Menschen, die sagen: Ich will etwas zurückgeben. Das ist großartig.“

Unterm Strich

Die Stadt kann sich auf die Gütersloher verlassen, der Wille zum Engagement muss nur gehoben werden. Zusammenarbeit ist selbstverständlich, Synergien werden schnell geschaffen bei Projekten, die alle ansprechen. Nachhaltigkeit ist ein Grundthema. Da war es dann auch nicht so schlimm, so Jeckel und Junkerkalefeld, dass das ganz große Stadtfest-Feuerwerk ausbleiben musste. Aber dafür hat Gütersloh ja auch den Dreiecksplatz. Umsonst und draußen und immer proppenvoll. Und der Gütersloher Sommer sei auch noch erwähnt – unter anderem.

Was bleiben wird vom Stadtjubiläum

Sunset-Markt
Der erstmalig veranstaltete Feierabend-Markt auf dem Rathaus-Vorplatz stieß auf Anhieb auf große Resonanz. Schon der Opener im Frühsommer, das „Lagerfeuer“ um die Feuertonne, war ein Erfolg. Das galt auch für die Karaoke-Veranstaltung auf dem Konrad-Adenauer-Platz und ganz besonders für das abschließende Reggae-Event: Der Platz war voll mit Menschen, das gastronomische Angebot zog Jung und Alt an – Wiederholung ist fest vorgenommen. Hier bahnt sich eine neue Tradition in Gütersloh an.

Paste-ups
Kostete viel und war sehr arbeitsintensiv, was die beiden Cheforganisatorinnen mit ihren Teams in diesem Ausmaß unterschätzt hatten. Aber das Ergebnis lohnte die Mühen, die Gütersloher äußerten sich durchweg begeistert. Lena Jeckel: „Das kann man sicherlich immer mal wieder in die Stadt holen. Kunst im öffentlichen Raum ist ja ein Thema in unserem Fachbereich, aber so etwas Großes ist natürlich nur über Sponsorengelder zu finanzieren.“ Einige Eigentümer haben auch bereits ihr Interesse bekundet, bei einer Neuauflage wieder dabei zu sein. Auch eine abgespeckte Variante wäre denkbar, so Lena Jeckel: zum Beispiel die Nutzung der Fensterfronten bei Leerständen in der Innenstadt.

RadKulTour
Ein Konzept, das sofort zündete. Lena Jeckel plant bereits eine Neuauflage im kommenden Jahr, denn das Angebot – mit dem Rad wird eine Kulturroute rund um Gütersloh abgefahren, auf der viele Darbietungen von Musik über Theater und Kunst zu Zwischenstopps einladen – gibt vielen Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit zum Auftritt und ist für die Radfahrer spannend und unterhaltsam.

Kultur-Messe
Sie könnte vielleicht im Zweijahres-Rhythmus stattfinden. Der Fachbereich Kultur entwickeln dafür ein Konzept. Jeckel: „Ein jährliches Angebot ist organisatorisch und auch finanziell leider nicht möglich.“

Weitere Formate
Keineswegs in der Schublade verschwinden soll das große Thema Erinnerungskultur mit Beiträgen zur Oral History, wo Zeitzeugen zu bestimmten Themen vor der Kamera ihre Erinnerungen schildern oder in den Erzählcafés auftreten. Christina Junkerkalefeld nennt auch das erfolgreiche Picknick-Konzert in Isselhorst in der Krullsbach-Aue mit den Dizzy Dudes und die starke Nachfrage bei der erstmalig angebotenen Städteführer-Kneipentour. Auch die Kinder- und Schülerrallye durch die Stadt gehört zu den Projekten, die wiederholt werden sollen.

Foto: Heiner Wichelmann

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Heiner Wichelmann ist Vollblutjournalist mit Bodenhaftung – vernetzt in der Stadt, erfahren in der Recherche, ausgestattet mit der nötigen Distanz zum Thema. Das wird schon, sagt der heutige Rentner, der als Freier Mitarbeiter der Lokalwerkstatt Gütersloh eine journalistische Instanz ist.

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