Kirchen gehören zur kulturellen Identität

Die Nachricht von den wirtschaftlichen Problemen der katholischen und der evangelischen Kirche in Gütersloh mit ihren Kirchgebäuden beschäftigt die Gläubigen in den Gemeinden, aber auch die interessierte Öffentlichkeit.

Einer von ihnen ist der Gütersloher Architekt Reinhard Michel, der sich unlängst schriftlich an die evangelische Kirche wandte und seine Kritik an der Bereitschaft der Kirche zum Verkauf einiger Gebäude äußerte. Im Stadtgespräch äußert Michel seine Sorge über den Verlust an kultureller Identität der Stadt, sollte es im äußersten Fall zum Abriss von Kirchen kommen.

Herr Michel, Sie sind Architekt, wie nähern Sie sich einer Stadt, die Sie neu kennenlernen möchten und welche Rolle spielen da die Kirchen?

Wenn ich in eine Stadt komme, die ich kennenlernen will, schaue ich zunächst nach dem Kirchturm, denn dort befindet sich das Zentrum. In der Nähe der Kirche gibt es in der Regel einen Marktplatz. Dort findet der Handel statt. Nicht selten sind sich diese beiden Pole, das Weltliche und das Kirchliche, zwar nah, aber irgendwie auch in Opposition oder einem Spannungsverhältnis zueinander. In manchen Städten beschützte ein Roland – die Ritterfigur gilt als Sinnbild der Marktrechte und der städtischen Freiheit – die weltliche Macht vor der Einflussnahme der Kirche. Man kann diese Figur hier und da noch sehen, die wohl bekannteste ist ein UNESCO-Kulturerbe und steht in Bremen. Diese Geschichte der beiden Pole Kirche und Stadt ist lange vorbei, trotzdem ist es schön, dass sie durch Architektur und Kunst erhalten geblieben ist. Und da spielen eben Kirchen auch aufgrund ihrer imposanten Architekturen eine ganz wesentliche Rolle, wenn ich eine Stadt auf mich wirken lasse.

Wie erleben Sie persönlich Ihre Heimatstadt Gütersloh?

Die Geschichte meiner Heimatstadt bietet vielleicht weniger Spektakuläres, aber sie ist deshalb nicht weniger wichtig. Oft gehe ich durch die Stadt und obwohl ich sie zu kennen glaube wie meine Westentasche, entdecke ich dabei immer wieder Details, die mir unbekannt waren und die mich neugierig machen. Ich bin fasziniert von Orten, die Geschichten erzählen, einfach durch die Art, wie sie gestaltet sind. Ich gehe durch die Stadt wie durch ein aufgeschlagenes Buch, sehe Architekturen als Zeitzeugen, das gilt vor allem für unsere Kirchen. Einen Teil der Geschichte habe ich selbst miterlebt, einen anderen Teil kenne ich aus Erzählungen oder stelle ich mir einfach vor.

Das ist die geschichtliche Seite. Wie sehen Sie die Stadt aus architektonischer Sicht?

Zugegeben, nicht alles, was mir in meiner Stadt begegnet, macht mich glücklich: vor allem Bauwerke, die dokumentieren, dass allein das Motiv der Grundstücksausnutzung und der Renditemaximierung zählt. Bauen ist Geschäft, Sache von Investoren, Bankern, Maklern. Es werden sogenannte 6er, 8er oder 10er gebaut, damit sind Wohnhäuser mit entsprechender Anzahl von Wohnungen gemeint. Es entstehen standardisierte Wohnblöcke, Hauptsache, die Zahlen stimmen. Die Qualität oder Gestaltung spielt oft eine untergeordnete Rolle.

Welche Rolle spielen die Kirchen in diesem Spannungsfeld?

In dieser Atmosphäre des „Sich-rechnen-müssens“ wundert es nicht, dass sich auch die beiden großen christlichen Kirchen Sorgen über ihre Zukunft machen. Sie verwalten einen Immobilienbestand, der zwar viel bietet von dem, was mich fasziniert: Geschichte, Gestaltung, Kunst, Architektur, aber unter Kosten- Nutzen-Aspekten außerhalb jeder betriebswirtschaftlichen Logik steht.

Reinhard Michel, Foto: Heiner Wichelmann

Das zwingt die Kirchen zum Handeln …

Auch die Kirchen stehen unter Druck. Sie besitzen viele Gebäude, die kulturell und architektonisch wertvoll sind, aber wirtschaftlich schwer zu rechtfertigen. Deshalb wird überlegt, Kirchen aufzugeben oder anders zu nutzen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Ja, mehrere Kirchen in Gütersloh sind betroffen. Einige sollen aufgegeben, verkauft oder umgenutzt werden. Teilweise ist sogar Abriss im Gespräch. Das betrifft sowohl katholische als auch evangelische Gemeinden. Die Katholische Kirchengemeinde will vier ihrer Kirchengebäude aussortieren: Heilige Familie in Blankenhagen, St. Marien in Avenwedde Bahnhof, Maria Königin in Isselhorst und Heilig-Geist in Pavenstädt. Die Evangelische Kirchengemeinde hat aktuell die Johannes-Kirche in Pavenstädt entwidmet, für die Evangeliumskirche bei Haus Buchwald wird eine Nutzung als Kolumbarium überlegt. Zum Guten Hirten wird oder ist schon verkauft, bei dieser Kirche ist auch der Abbruch nicht ausgeschlossen, die Orgel wird bekanntlich in die Apostelkirche gebaut

Oft wird mit baulichen Mängeln argumentiert. Wie bewerten Sie das?

Bauschäden gibt es an vielen Gebäuden, streng genommen trifft das auf die meisten Gebäude der Stadt zu. Das ist normal. Auch Probleme wie Schimmel können durch bestimmte Umstände entstehen. Das allein sollte kein Grund sein, solche bedeutenden Bauwerke aufzugeben. Im Zum Guten Hirten wurde Schimmelsporen in der Luft festgestellt. Das ist nicht ungewöhnlich nach einem Wasserschaden und fehlendem Luftaustausch wegen nicht vorhandener Lüftungsflügel in den neuen Fenstern.

Was macht diese Kirchen für Sie so besonders?

Für mich ist entscheidend: Kirchengebäude sind Zeitzeugnisse, ihre Architektur ist geprägt von dem Willen zur Gestaltung. Die Innenräume sind einmalig, wertig im Material, mit beeindruckender Akustik, die Außenanlagen zeugen von intensiver Vegetation, der Solitär Baum vor der Kirche Zum Guten Hirten hat die Qualität eines Naturdenkmals. Die Gebäude strahlen aus in die Nachbarschaft. Die Heilig-Geist-Kirche hat den Städtebau der Neubausiedlung zwischen Kreisverwaltung und Pavenstädter Weg entscheidend geprägt. Die Kirchen sind einschließlich ihrer Außenräume genau die Orte, die ich in dieser Stadt für besonders wertvoll erachte, wir sollten sie mit Respekt behandeln.

Foto: Heiner Wichelmann

Welche persönliche Beziehung haben Sie zu Kirchenräumen?

Ehrlich gesagt, besuche ich Kirchen nicht so oft während der Gottesdienste. Es mag sein, dass es unbefriedigend ist, wenn Kirchen dann eher leer sind. Aber ich bin auch gerne allein in einem Kirchraum; mich fasziniert die Ruhe, das Licht, die bunten Fenster. Das ist so schön weit weg von dem Trubel, der uns sonst in der Stadt umgibt. Kirchen bieten ein Erlebnis für die Sinne durch Gestalt, Material und den Klang ihrer Glocken. Sie gehören zu unserer kulturellen Tradition und Identität.

Wie sollte Ihrer Meinung nach mit den gefährdeten Kirchengebäuden umgegangen werden?

Bevor nun Kirchgebäude für einen kurzfristigen, wenig nachhaltigen pekuniären Erfolg abgerissen werden – bei Zum Guten Hirten ist diese Gefahr sehr konkret –, sollte lieber über alternative Nutzungen nachgedacht werden. Wohnen im Kirchraum: warum nicht, da sind spannende Lösungen möglich. Abriss sollte eigentlich keine Option sein.

Wer sollte denn darüber entscheiden?

Es sollte in meinen Augen nicht allein Aufgabe der Kirchen und ihrer Entscheidungsgremien sein, über Lösungen nachzudenken. Es gibt ein öffentliches Interesse und deswegen sollte die Öffentlichkeit, wie auch immer sie herzustellen wäre, mitentscheiden können. Ich stehe grundsätzlich dafür, Kirchenbauten zu erhalten.

Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie eine Diskussion über das Thema des Umgangs mit unseren Kirchengebäuden organisiert werden sollte?

Im Moment, so scheint es mir, spielt die Frage „Wie gehen wir mit unseren Kirchengebäude um?“ in der öffentlichen Diskussion noch garkeine Rolle. Innerhalb der aktiven Kirchenmitglieder mag das anders sein. Wenn ich das Thema im Freundeskreis anspreche, erlebe ich zuerst deutliche Zurückhaltung. Das Thema Kirche ist für viele Menschen belastet durch Zwang beziehungsweise ungewollte Einflussnahme zumeist in der Vergangenheit. Erst danach kommt die Architektur, die Kunst, das Erlebnis. Hinzu kommen Ressentiments gegen die Architektur der Nachkriegszeit, deren Qualität erst langsam wieder erkannt wird. Diese Hemmnisse und das Paradigma, dass alles sich ausschließlich rechnen muss, gilt es zu überwinden. Also nein, ich habe keinen konkreten Vorschlag, wie die Diskussion zum Thema des Umgangs mit unseren Kirchgebäuden zu organisieren ist. Aber ich möchte dazu anregen, sie überhaupt zu führen. Es geht nämlich darum, ob ein wichtiger Teil unseres baukulturellen Erbes verschwindet und davon haben wir in unserer Stadt nicht soviel.

Foto: Heiner Wichelmann

Brauchen wir einen neuen Roland als Schützer der Kirchen?

Ja, wenn früher der Roland symbolisch die Unabhängigkeit der Stadt von der Kirche schützte, wünschte ich mir heute einen Roland, der die Kirchen vor den Zwängen und Gefahren der modernen Welt beschützt – wer hätte das gedacht!

Avatar-Foto

About Author /

Heiner Wichelmann ist Vollblutjournalist mit Bodenhaftung – vernetzt in der Stadt, erfahren in der Recherche, ausgestattet mit der nötigen Distanz zum Thema. Das wird schon, sagt der heutige Rentner, der als Freier Mitarbeiter der Lokalwerkstatt Gütersloh eine journalistische Instanz ist.

Start typing and press Enter to search