Veras gute Seiten
Sechs Autorinnen und Autoren, die einige der wohl spannendsten Neuerscheinungen des Frühjahrs geschrieben haben, gilt es zu entdecken.

Tara Menon
Unter Wasser
Das Wasser, seine Flora und Fauna sind für Marissa ein Ort der faszinierenden Geheimnisse, die Weite des Meeres ein zweites Zuhause. Gemeinsam mit ihrem Vater lebt sie auf einer thailändischen Insel, er arbeitet als Meeresbiologe, sie wächst mit ihrer besten Freundin zwischen Riffen, Wäldern und Stränden auf. Bis eines Tages das Wasser zur tödlichen Gefahr wird. Jahre später, als erwachsene Frau, lebt Marissa in New York. Von dem heraufziehenden Tsunami fühlt sie sich kaum bedroht und doch ziehen die Erinnerungen sie in die Vergangenheit. Tara Menons Debütroman erzählt von Trauer, Verlust und der Brutalität der Schönheit, aber auch von lebenslanger Freundschaft und der Schönheit der Wasserwelt in all ihrer Fragilität. Fein ausdifferenziert entwickelt sich ein leiser Sog, der dabei niemals in eine deplatzierte Richtung kippt.
DuMont aus dem Englischen von Simone Jakob | 208 Seiten | 23 €

Anne Freytag
Laute Nächte
Mit den Mitbewohnern in der WG-Küche sitzen und über das Leben philosophieren, es endlich wieder spüren. Für Kenni ist die großzügige Wohnung in Wien ein Neubeginn nach dem Unfalltod seiner ersten großen Liebe. Hier lebt er mit Ex-Tennisprofi Paul, der unscheinbaren Julia und Elif, die ihn immer wieder aus der Reserve lockt. Jahre später ist Kenni dabei, ein erfolgreicher Künstler zu werden und während seiner ersten großen Ausstellungen kommen lang verdrängte Gefühle ans Licht. Behutsam nähert sich Anne Freytag ihren Figuren und deren verdrängten Wunden an, lässt ihnen Raum und verfolgt über 20 Jahre, wie schwer es sein kann, loszulassen. Warum es so schwerfällt, über Verluste zu sprechen, was es für einen Neubeginn braucht und warum Zeit eine entscheidende Rolle spielen kann, all das lotet Anne Freytag aus.
Kampa Verlag | 320 Seiten | 24 €

Caro Claire Burke
Yesteryear
„An Quelle führt kein Weg vorbei!“ – Für Christinas Familie gilt dieser Slogan. Zwar wird dort nicht bestellt, aber Großmutter Anni arbeitet für das Versandhaus, seit sie Ende der 1960er Jahre aus Rumänien nach Deutschland geflohen ist. Mit Überzeugung packt sie Pakete, engagiert sich (zu viel) und zieht ihre Tochter und später ihre Enkelin allein groß. Diese Enkelin, Christina, steht nun inmitten zahlloser Erinnerungen in deren Haus in einer fränkischen Kleinstadt und muss entscheiden, was nach dem Tod ihrer Großmutter damit geschehen soll. Atmosphärisch zeichnet Nadine Schneider das feinfühlige Porträt einer Familie zwischen dem kommunistischen Rumänien und dem Wirtschaftswunder-Deutschland. In poetische Sprache nähert sie sich der Frage wie man – oder vielmehr: wie Frau – sich ein eigenes Leben schaffen kann und wie sehr das Umfeld uns prägt.
Heyne aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn | 464 Seiten | 24 €

Arne Dahl/Jonas Moström
Doppelspiel
Doppelspiel hat für diesen Krimi gleich eine mehrfache Bedeutung. Es ist einerseits die erste Zusammenarbeit der beiden schwedischen Bestsellerautoren Arne Dahl und Jonas Moström. Andererseits wird deren „Doppelspiel“ für ihren Protagonisten, den Erfolgsautor Tom Borg zum Albtraum seines Lebens. Von einer Schreibblockade geplagt, findet er sich in einem Privatclub einflussreicher Stockholmer wieder und wird Zeuge eines Mords. Ein Mord, zu dessen Hauptverdächtigem er wird. Realität und Fiktion verschwimmen immer mehr und niemandem scheint mehr zu trauen. Der leitenden Ermittlerin scheinen dabei für einen gelösten Fall fast alle Mittel recht zu sein. Atemlos hetzen also Figuren und Lesende durch Stockholm. Bis nach und nach alle Puzzleteile in diesem rasanten Thriller ineinandergreifen, zu einem Spiel, dessen Ausmaße noch viel abgründiger sind als gedacht.
Lübbe aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps | 432 Seiten | 18 €

Helena Falke
Noch fünf Tage
Lis Castrop hat die Sternegastronomie hinter sich gelassen und arbeitet inzwischen als Privatköchin für eine wohlhabende Unternehmerfamilie. Bis nach einem Silvesterdiner die gesamte Familie stirbt. Hauptverdächtige ist natürlich die Köchin mit der undurchsichtigen Vergangenheit. Doch auch Lis hat eine Dosis des Gifts verabreicht bekommen und weiß, dass ihr noch fünf Tage bleiben, bis auch sie sterben wird. Fünf Tage, in denen sie aus dem Krankenhaus heraus gemeinsam mit zwei Pflegekräften herauszufinden versucht, wer hinter dem Anschlag steckt. All das, um ihrer Tochter eine Zukunft zu ermöglichen. Die unter Pseudonym schreibende Autorin entwickelt ein multiperspektivisches Spiel von Lüge und Wahrheit, Macht und Abhängigkeiten, dessen Sog man sich nur schwer entziehen kann. Auch wenn oder gerade weil die Ermittlungen vom Krankenbett aus erfolgen.
Droemer | 303 Seiten | 20 €

Garry Disher
Zuflucht
Der Australier Garry Disher erzählt in seinem neuen Kriminalroman von einer professionellen Diebin, die auf der Suche nach einem normalen Leben ist. Grace ist ständig auf der Flucht vor ihrem Ziehbruder Adam, dem sie eine teure Uhr gestohlen hat, und vor der eigenen Vergangenheit mit einem korrupten Polizisten. All ihre Versuche, ein normales Leben zu führen scheitern, sie fällt immer wieder in ihre alten Muster zurück. Als sie in einem Antiquitätengeschäft anfängt, scheint sich doch alles zu fügen, würde nicht ihre Chefin Erin von ihrem Ex-Partner bedroht. Um diese zwei unkonventionellen Frauen herum entwickelt Garry Disher einen präzisen, cleveren und überraschenden Krimi, dessen Wendungen auch routinierte Lesende überraschen. Über allem steht dabei die Frage nach der Moral und ob es gute und schlechte Verbrechen geben kann.
Unionsverlag aus dem Australischen von Peter Torberg | 336 Seiten | 24 €


