,,Der Weg entsteht oft erst beim Gehen“
Nachdem ich mich als angehende Studentin mit dem Thema „Unterstützungsmöglichkeiten für Abiturientinnen und Abiturienten nach der Schule“ auseinandergesetzt hatte, suchte ich nach passenden Angeboten. Im Rahmen meiner Recherche stieß ich auf das Angebot von Ulrike Bentlage, der Gründerin und Inhaberin von MY CAREERMAP. Mit ihr führte ich ein Interview für das Magazin gt!nfo. Ulrike Bentlage bietet unter anderem in Gütersloh Coaching zur Unterstützung beruflicher Entscheidungen an.
Frau Bentlage, Ihr Coaching findet man unter dem Begriff MY CAREERMAP. Was genau soll mit diesem Begriff assoziiert werden?
Eine „Career Map“ ist im übertragenen Sinne eine Landkarte: Jeder Mensch findet darauf seine eigene Route. Manche wählen den direkten Weg über die Autobahn, andere bevorzugen einen kurvenreichen Pfad mit Umwegen, Bergtouren oder Baustellen. Auch Karriere lässt sich individuell gestalten. Nicht jeder braucht den klassischen 100-Prozent-Job mit dem Ziel, ein Leben lang im selben Unternehmen aufzusteigen. Viele Menschen verbinden heute verschiedene Tätigkeiten – etwa eine Festanstellung mit einer nebenberuflichen Selbstständigkeit.
Karriere ist kein einheitlicher oder vorgegebener Weg. Sie gleicht eher einem Mosaik, das jeder aus den eigenen Erfahrungen, Interessen und Möglichkeiten zusammensetzt. Entscheidend ist, den persönlichen Weg mit den eigenen „Steinchen“ zu gestalten.
Und was kann man sich konkret unter Ihrer Arbeit als Karriere- und Berufscoach vorstellen?
Ich arbeite sowohl mit Erwachsenen als auch mit Jugendlichen. Bei Jugendlichen liegt der Schwerpunkt meist auf jungen Menschen rund um das Abitur. Manchmal begleite ich auch Personen mit anderen Schulabschlüssen, in einer Orientierungsphase oder bei der Neuausrichtung eines begonnenen Studiums. Wichtig ist mir, dass die jungen Erwachsenen selbst offen für den Coachingprozess sind. Wenn die Beratung ausschließlich auf Wunsch der Eltern stattfindet, ist das meist keine gute Ausgangsbasis.
Mein Vorgehen besteht im Wesentlichen aus drei Schritten. Zunächst lerne ich die Person in einem ausführlichen, etwa zweistündigen Interview kennen. Ergänzend arbeite ich mit zwei Fragebögen: Einer erfasst vor allem Fähigkeiten, der andere persönliche Neigungen und Vorlieben. Gemeinsam besprechen wir die Ergebnisse. So entsteht ein persönliches Profil, das Stärken, Denkweisen, Persönlichkeit, Motivation und Interessen sichtbar macht.
Im zweiten Schritt entwickeln wir daraus zwei oder drei berufliche Zielfelder. Wir prüfen gemeinsam: Was passt zum persönlichen Profil? Was reizt die Person, wo bestehen Zweifel und welche Kompromisse wären vertretbar? Häufig ergibt sich daraus ein Favorit – ein Plan A –, manchmal zusätzlich ein Plan B.
Im dritten Schritt geht es um die konkrete Umsetzung. Wir betrachten verschiedene Wege wie Ausbildung, duales Studium oder klassisches Studium und schauen uns passende Studiengänge, Hochschulen und Unternehmen an. Auch persönliche Rahmenbedingungen wie die bevorzugte Region oder Stadt spielen eine Rolle. Am Ende steht meist eine Shortlist mit konkreten Empfehlungen.
Wie genau arbeiten Sie mit Ihren Klientinnen und Klienten deren Stärken heraus?
Ich bin nach wie vor ein großer Freund eines guten, ausführlichen Interviews. Dabei blicke ich durchaus auch auf die Kindheit zurück. Damals haben wir vieles noch nicht aus Gründen der sozialen Erwünschtheit getan, sondern weil es uns von selbst interessiert hat.
Ich frage zum Beispiel: Was haben Sie während der Corona-Zeit gemacht, als Sie besonders viel freie Zeit hatten? Oder: Was machen Sie, wenn Sie in den Ferien nach Hause kommen? Solche Fragen zeigen, was Menschen aus eigenem Antrieb tun und wohin es sie intuitiv zieht.
Nach und nach entsteht ein Bild – wie ein Mosaik aus vielen einzelnen Steinchen. Manche Hinweise ergeben sich aus Erlebnissen, andere aus Verhaltensweisen oder Interessen. Was einem selbst leichtfällt, hält man schnell für selbstverständlich. Dabei kann nicht jeder komplexe Zusammenhänge mühelos erfassen, technische Geräte geduldig reparieren oder andere für ein gemeinsames Projekt begeistern.
Im Coaching entdecken viele Klientinnen und Klienten Fähigkeiten, die ihnen bisher gar nicht bewusst waren. Das ist einer der schönsten Effekte dieser Arbeit.
Sollte ich mich denn trotzdem auf ein Coaching vorbereiten?
Nein, überhaupt nicht. Man muss keine fertigen Antworten auf die Frage mitbringen, was die eigenen Stärken sind. Es reicht völlig, sich selbst mitzubringen. Wenn man sich vorher zu viele Gedanken macht, zerdenkt man manche Dinge vielleicht sogar.
Mir ist wichtig, dass die Antworten möglichst intuitiv und authentisch entstehen. Ein Coaching ist kein Tribunal. Es geht nicht darum, etwas beweisen zu müssen, sondern gemeinsam herauszufinden, was in einem steckt.
Was unterscheidet denn Ihr Coaching von klassischen Berufswahltests oder einer allgemeinen Berufsberatung?
Für mich sind es vor allem zwei Faktoren: Zeit und Individualität. Ich arbeite in der Regel im Eins-zu-eins-Setting und verbringe mit einer Person insgesamt etwa sieben Stunden – zuzüglich Vor- und Nachbereitung. Dadurch kann ich mich intensiv auf die individuelle Situation, Persönlichkeit und die persönlichen Fragen meines Gegenübers einlassen.
Klassische Berufswahltests oder schulische Workshops haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Sie richten sich jedoch meist an größere Gruppen und können deshalb nicht dieselbe Tiefe und persönliche Individualität bieten. In meinem Coaching verbinde ich die Ergebnisse der Fragebögen mit der Biografie, den Interessen, der Motivation und den persönlichen Rahmenbedingungen.
Wie viel Arbeit muss beim Klienten selbst passieren? Was können Sie als Coach leisten – und wo endet Ihre Verantwortung?
Ich veranschauliche das gern mit einem Bild: Ich kann jemandem aufs Pferd helfen, aber reiten müssen er oder sie selbst. Ich begleite den Coachingprozess, arbeite ein persönliches Profil heraus und gebe konkrete Empfehlungen. Am Ende steht beispielsweise eine Liste mit passenden Studiengängen, Hochschulen oder Unternehmen. Wenn danach noch Fragen auftauchen, stehe ich selbstverständlich weiterhin beratend zur Seite.
Die eigentliche Entscheidung treffe ich jedoch nicht. Die Verantwortung für den eigenen Weg bleibt immer bei der jeweiligen Person. Dazu gehört auch, sich die Optionen eigenständig anzusehen, Bewerbungen zu schreiben und Auswahlverfahren zu durchlaufen. Bewerbungen lese ich gerne gegen, aber ich übernehme kein Ghostwriting.
Ein Full-Service-Angebot, bei dem ich am Ende einen fertigen Studienplatz „liefere“, würde meiner Überzeugung widersprechen. Die eigene Auseinandersetzung mit der Entscheidung ist wichtig, damit eine echte Verbindung zum gewählten Weg entsteht.
Ich sehe mich eindeutig als Anwalt der Person, die mir gegenübersitzt – nicht als jemand, der externe Erwartungen erfüllt. Gefälligkeitsergebnisse gibt es bei mir nicht. Bei jüngeren Klientinnen und Klienten findet häufig ein gemeinsames Abschlussgespräch mit den Eltern statt. Dabei entstehen nicht selten wertvolle Gespräche, die im Alltag sonst oft keinen Raum hätten.
Wie gehen Sie mit dem Gedanken um: „Wenn ich mich jetzt entscheide, lege ich mein ganzes Leben fest“?
Eine Entscheidung nach der Schule legt nicht das gesamte Leben fest. Gerade die Vorstellung dieser Endgültigkeit setzt viele junge Menschen unnötig unter Druck.
Meine eigene Biografie zeigt, dass sich aus einer ersten Entscheidung ganz unterschiedliche Wege entwickeln können. Als ich mich Ende der 1980er-Jahre an der Universität Münster einschrieb, wollte ich zunächst Deutsch und Französisch auf Lehramt studieren. Während der Einschreibung nahm ich spontan noch Mathematik dazu – eine Entscheidung, die meinen weiteren Weg nachhaltig bereichert hat.
Deshalb ist es wichtig, ins Handeln zu kommen. Ob Studium, Praktika oder andere Erfahrungen: Man muss nicht sofort die perfekte Entscheidung treffen. Der Weg entsteht oft erst beim Gehen. Durch Ausprobieren findet man heraus, was wirklich interessiert, Zufriedenheit schafft und sich richtig anfühlt.
Was erleben Sie bei Abiturientinnen und Abiturienten besonders häufig? Fehlt ihnen eine konkrete Idee, fehlt ihnen das Vertrauen in die eigene Entscheidung – oder haben sie vor allem Angst, die falsche Entscheidung zu treffen?
Also, zwei Dinge verbinden sich miteinander: sehr viele Möglichkeiten und Vertrauen in die eigene Entscheidung. Dazu kommt die Sorge, etwas zu übersehen.
Und es gibt aus meiner Sicht noch einen dritten Punkt, bei dem ich denke, dass er nicht immer, aber häufig eine Rolle spielt. Das ist die Frage: Wie wirkt meine Entscheidung auf andere?
Das hat vor ein paar Jahren einmal jemand hier wunderbar auf den Punkt gebracht: „Frau Bentlage, Sie können sich nicht vorstellen, wie anstrengend das ist, von frühesten Kindheitsjahren an über Social Media ständig gerankt zu sein.“
Ständig lebt man mit dem Gefühl: Ich werde gerankt. Und ich glaube, mehr oder minder bewusst, dieses Gefühl – wie wirkt es denn auf andere, was ich mache? – schwingt ganz schön viel mit.
Und das Paradoxe ist ja: Wenn man etwas macht, was wirklich authentisch ist, dann wirkt es häufig auch auf andere gut und überzeugend. Aber man muss erst einmal selbst dahinterstehen.
Wenn man etwas macht, hinter dem man selbst nicht steht, sondern nur mit Blick auf andere, dann ist das meistens ein Strohfeuer.
Und zum Abschluss: Was würden Sie einem jungen Erwachsenen raten, der das Gefühl hat, alle anderen hätten bereits einen perfekten Plan?
Dieses Gefühl ist sehr verbreitet. Viele glauben, alle anderen wüssten genau, wohin ihr Leben führt. Doch Absichtserklärungen und das, was später tatsächlich passiert, sind nicht immer dasselbe. Und selbst wenn jemand im Moment einen klaren Plan hat, heißt das noch lange nicht, dass diese Person in drei oder fünf Jahren noch am gleichen Ziel festhält.
Das Leben ist kein Kurzstreckenlauf. Die eigene Route darf sich verändern.
Meine Ermutigung lautet deshalb: Schauen Sie stärker auf sich selbst und vergleichen Sie sich nicht ständig mit anderen. Entscheidend ist nicht, ob andere scheinbar weiter sind, sondern ob der eigene Weg zu einem selbst passt.
MY CAREERMAP Ulrike Bentlage
Königstraße 40 33330 Gütersloh
Telefon: +49 (0) 52 41-997 16 88
E-Mail: info@mycareermap.de
Web: www.mycareermap.de
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