Pilgern durch Gütersloh
Zwischen Fussgängerzone und Feldweg
Pilgern gehört eigentlich in die Ferne. Man denkt an staubige Pfade in Spanien, an lange Etappen, an Orte, die Geschichte und Spiritualität miteinander verbinden. Und doch taucht diese Idee auch dort auf, wo man sie nicht unbedingt erwartet – mitten in Gütersloh.
„Der Weg beginnt vor deiner eigenen Tür“, heißt es in Pilgerkreisen. Und genau so ist es – zumindest beim Jakobsweg. Denn wer darauf wandern möchte, muss nicht extra nach Spanien fliegen, es gibt ihn auch in Gütersloh. Und vermutlich ist ihn jeder Gütersloher schon unzählbar oft gegangen, ohne es überhaupt zu merken: Die Route führt als Strecke eines ehemaligen Fernhandelswegs mitten durch die Innenstadt. Von der Kahlertstraße kommend, durch die Berliner Straße, vorbei am Stadtmarketing, der Martin-Luther- und Apostelkirche, über die Kirchstraße geradeaus in die Dalkestraße, rechts durch die Bogenstraße, vorbei an der Weberei, bis zur St. Pankratius-Kirche.
Dieser Weg ist Teil der historischen Verbindung von Minden nach Soest, wurde im Jahr 2013 offiziell als Jakobsweg markiert. Und sie gehört tatsächlich zu dem weit verzweigten Netz, das sich quer durch Europa zieht – von Skandinavien bis nach Spanien, von jeder eigenen Haustür bis nach Santiago de Compostela. Es spricht also nichts dagegen, an irgendeinem Tag mal bequeme Schuhe anzuziehen und loszugehen, die Stadt anders zu erleben als an einem normalen Alltag, bewusster zu laufen, zu schauen und zu atmen.
Eine europäische Linie – mitten durch den Alltag
Gerade in der Gütersloher Innenstadt könnte das Pilgern allerdings zur Übung werden. An der Berliner Straße liegen links und rechts die Geschäfte, der Markt, Bäckereien, Restaurants, Cafés. Vielleicht ist gerade das die Herausforderung: Die Verführungen ignorieren, statt den nächsten Laden die Martin-Luther-Kirche ansteuern und die Ruhe genießen. Dort gibt es neuerdings auch den Pilgerstempel für den Pilgerpass.
Eine andere Adresse, um sich die erlaufene Station Gütersloh stempeln zu lassen, ist das Büro des Gütersloh Marketings. „Im vergangenen Jahr sind ungefähr 200 Pilger hier gewesen“, erzählt Michelle Donnelly. Sie arbeitet in der Touristeninformation und erklärt, dass es für die Wanderer auf der Etappe in Gütersloh sogar ein Unterkunftsverzeichnis gibt. „Manche kommen wirklich zu Fuß und brauchen eine Übernachtungsmöglichkeit“, erzählt sie. „Andere reisen aber auch mit dem Zug an, holen sich hier ihren Stempel und machen sich dann weiter zu Fuß auf den Weg.“ Auch mit dem Fahrrad kann übrigens gepilgert werden.
Raus aus der Stadt
Wer den Weg dann weiter läuft, merkt: Nach und nach verändert sich die Strecke. Von der Pankratius-Kirche führt sie links in die Friedhofstraße, wieder links durch die Cäcilienstraße zurück auf Unter den Ulmen und weiter durch die Rhedaer Straße, über die B 61 hinweg in Richtung Rhedarer Forst. Der Verkehr wird dünner, die Wege offener, dann geht es in den Wald. Das Ziel der Etappe, die man übrigens auch schon in Bielefeld an der Altstädter Nicolaikirche beginnen kann, ist dann die St. Ägidius-Kirche in Wiedenbrück.
Ein Weg für Entschlossene
Was bleibt, ist ein einzigartiger Eindruck: Der Jakobsweg in Gütersloh wirkt weniger wie eine große Reise als wie deren Möglichkeit. Vielleicht ist das sogar seine eigentliche Qualität. Denn während andere Orte vom Mythos des Pilgerns leben, zeigt Gütersloh etwas anderes: Dass dieser Weg überall anfangen kann. Einfach dort, wo jemand beschließt, loszugehen.
Foto: unsplash.com_Jake Melara, Frauke Großer







