Kneipe Korn und Kumpel

Die Kneipe, wie wir sie kennen: In der Mitte der Tresen, hier zapft der Wirt das Bier, davor stehen die Stammgäste, die Einrichtung besteht aus Holztischen und Tresenhockern. Manchmal dudelt ein Spielautomat melancholisch vor sich hin, die Dekoration besteht aus dem Vereinswimpel und den Postkarten der Stammgäste. Kein Ort zum Ausgehen, eher ein familiäres Treffen bei Bier und Plaudereien. In Gütersloh trugen sie Namen wie „Adlerstuben“, „Fliegerklause“ oder „Bismarck-Eck“. Kneipen waren Treffpunkte für lockere Gespräche, lagen in der Nähe der Wohn- und Arbeitsstätten und boten frühes Fernsehen.

Das begann sich in den 1970er-Jahren zu ändern. Die „Jugendkneipe“ wurde ein neues Phänomen. Einer, der diese Entwicklung erlebt hat, ist Hubert Kochjohann. Die ersten zehn Lebensjahre hat er in Marienfeld verbracht. „Sonntags ging man ins Hochamt und danach marschierten die Männer in die Kneipe, um dort Neuigkeiten zu erfahren, die Kinder kamen einfach mit. Die bekamen eine Cola oder eine Fanta und spielten dann irgendwo im Saal oder auf der Kegelbahn.“ Später, nach dem Umzug nach Gütersloh, machte er seine eigenen Erfahrungen: „Damals in den 70ern war noch alles voller Eckkneipen. Allein im Viertel von Hohenzollernstraße, Bismarckstraße und Marienfelder Straße gab es die Deutsche Eiche (im Volksmund „Kattenstroths Mariechen“), dann Dopheide, später Bureau. An der Bismarckstraße das Rittereck, ein bisschen weiter den Nordpol, an der Marienfelder Straße den Treffpunkt bei Elias und am Nordring die Raststätte am Nordring. Die konnte man alle an einem Abend zu Fuß besuchen. In diesen Kneipen trafen sich die Erwachsenen, kaum Jugendliche. Als Jugendlicher ging man – wenn überhaupt – nach dem Sporttraining in eine der Kneipen des Vereins. Das Büsker Eck oder der Kleine Grobe waren die Stammkneipe des GTV, dort traf man sich nach dem Training auf ein Bier. Aber eine direkte Jugendkneipe, die gab es nicht. Das wandelte sich langsam, schließlich unterschied man sich schon optisch von den Erwachsenen, längere Haare, andere Klamotten.“

Zu Beginn der 1970er-Jahre entwickelten sich die ersten Kneipen zu Jugendkneipen. Es war eine Zeit, in der sich die Besucher separierten, in die Nutzer der alteingesessenen Eckkneipe und die der Jugendkneipen. Das hat Hubert Kochjohann gut in Erinnerung: „Das war eine Welt, die viele Erwachsene nicht verstanden haben.“ Pioniere waren der Spieker, dann die Alte Heuwaage. Die Heuwaage war zunächst eine der „alten“ Kneipen, bis sie sich nach einem Pächterwechsel zur reinen „Jugendkneipe“ entwickelte. Als einer der ersten ihrer Art in Gütersloh war sie in der Regel brechend voll. Man war unter sich, es gab die passende Musik. Hubert Kochjohann: „Wirklich nur Jugendliche. Verzehrzwang in dem Sinne gab’s da eigentlich nicht, weil der Kneipier ohnehin keinen Überblick hatte bei so vielen Leuten, ob da nicht einer einen ganzen Abend nur rumsteht und nichts trinkt.“

Zur Jugendkneipe Heuwaage kamen bald die Zirrhose (Unter den Ulmen), später das Bureau an der Hohenzollernstraße. Sie gehörten bald zu den wichtigsten Kneipen für Gütersloher Jugendliche. Später kam der Grobe am Kirchplatz (heute eine Spielhalle) hinzu. „Praktisch war die daneben liegende Pommesbude, für alle nur „der Michael“, so Hubert Kochjohann. „Wenn man nach ein paar Bierchen Hunger gekriegt hat, dann ging man einfach nach nebenan zur Bude. Oder aber man ging in die Raststätte am Nordring. Die hatte griechische Küche mit Öffnungszeiten bis drei Uhr nachts.“

In den meisten Kneipen dagegen war spätestens um ein Uhr die Nacht vorbei. Aber nicht alle machten konsequent Feierabend. Man wartete, bis „sich alles ein bisschen geleert hatte, die passenden Leute noch blieben und dann wurde weitergezapft. In der Regel ging das gut…“ Manchmal aber auch nicht. Dann rief der Nachbar die Polizei, die aber weniger die Ordnungsmacht herauskehrte als häufig Verständnis zeigte: „Jungs, ich würde ja gerne mit euch ein bisschen Darts spielen, aber nach eins ist leider Schluss.“ Manchmal änderten sich auch die Rollen: Dann saß der Zapfer vor dem Tresen, weil er keine Lust mehr hatte, einer der Kunden wechselte hinter den Tresen und übernahm souverän seine neue Funktion. Auch war auf „Deckel trinken“, also quasi auf Kredit, üblich, und wer eine Runde auf „seine Kumpels“ gab, der konnte sicher sein, dass der Kneipier genau wusste, wer dazu gehörte.

Hubert Kochjohann erinnert sich: „Das war die Zeit, da musste man sich nicht groß verabreden. Man ging einfach mal los, um zu schauen, was ergibt sich so an dem Abend. Mal war jemand Bekanntes da, dann blieb man da hängen. Konnte aber auch sein, dass man weiterging, weil man dort nicht die Richtigen getroffen hat. Oder aber man zog zu mehreren weiter.“

Zum „Ein-Uhr-Problem“ gab es noch eine weitere Lösung: „Dann ging man in den Westfalenkeller an der Friedrich Ebert Straße, neben dem Rends-ici, heute ist dort das Kaiserquartier. Die hatten eine Konzession bis drei Uhr. Da trafen sich sozusagen die „Abordnungen“ aus den anderen Kneipen auf ein letztes Bier. Man begrüßte sich: Ach guck, da kommen die Leute aus dem Groben, dann die aus der Heuwaage, und nun die Leute aus dem Bureau.“

Die Kneipen lagen alle in der Nähe und konnten bequem zu Fuß erreicht werden. Einen Nahverkehr gab‘s um die Zeit nicht mehr und für ein Taxi hatte niemand Geld. „Als später das Bermpohl dazu kam, ja, das war schon `ne längere Strecke von der Heuwaage da hin. Eine Zeitlang hat da John Bowes gezapft, ein Engländer mit riesigem roten Bart. Später dann kam Jürgen Vogelpohl, alle nannten ihn nur Vogi, bis heute. Der hatte vorher im Bureau gezapft.“

Die Kneipenszene war in einem ständigen Wandel. Hubert Kochjohann weiter: „Erst kam das Piano, das wurde dann zum Fasan, später kam das Blaue Haus. Da war vorher das Ofenhaus Kissing. Ja, und dann wurde aus dem Blauen Haus die Rote Liebe, die wieder zum Piano wurde, dann zur TuBar, zum Lombard und heute das Zeitgemäß…“

Man konnte manch Seltsames und Skurriles erleben: „Im Bureau gab es mal einen Weltrekord im Darts-Spielen. Eine Woche lang, 24 Stunden täglich zielte man auf die Scheibe, irgendjemand war immer da und es war über die ganze Zeit geöffnet. Die wollten einfach in das Guinnessbuch der Weltrekorde.“

Fußball gucken gehörte selbstverständlich auch dazu. Da thronte ein voluminöses Röhren-TV-Gerät in irgendeiner gut einsehbaren Ecke, alle standen drumherum, ein Pils in der Hand, das beim Torjubel mit in die Luft gehenden Händen so manche ungewollte Dusche brachte.

Kein Wunder, dass manche „Jugendkneipen“ ein Image hatten, das zwar nicht der Wirklichkeit entsprach, dem aber kaum zu begegnen war: So galt das Bureau lange Zeit als „wilde“ Kneipe, ein Besuch geradezu als Mutprobe. Die Einrichtung mit Trödel und alten Blechschildern, die gespielte Musik, in der Regel mit maximaler Lautstärke, so dass man sich mehr anbrüllte als ansprach, alles war anders als in den „bürgerlichen“ Kneipen. „Haschkneipe“ war eine gängige Vokabel der vorausgehenden Generation. Manchmal auch war die Ansage an die Nachkommen eindeutig: Ins Bureau gehst du mir nicht!“

Wenn Hubert Kochjohann resümiert, dann sieht er zwar den Wandel, aber auch die Kontinuitäten im Freizeitverhalten: „Ich denke, das Bedürfnis mal ungezwungen rauszugehen, einfach ein paar Leute zu treffen, der Spaß daran ist immer noch da.“`

Zum Sepp“, Unter den Ulmen 28, korrekt mit Anzug am Zapfhahn: Josef Auer (1966).
Lohnte sogar als Postkartenmotiv: „Restaurant Carl Surenhöfener“, heute „Rebenstolz im Türmer“.
Im „Spieker“ gab es Isenbeck-Pils, damals noch in Hamm gebraut (1980).
Gibt es bis heute: Das „Hieronymus“ in der Eickhoff straße (um 1958).
Zum Groben“ in der Kirchstraße 9. Dort zapfte Siegfried Osthus (19.8.1966).
Die „Alte Heuwaage“, Inbegriff alter Kneipenkultur (Postkarte, 1967) .

Text: Michael Zirbel

Fotos: Stadtarchiv

Avatar-Foto

About Author /

Die Redaktion bearbeitet zugesandte Texte, verleiht ihnen den letzten Schliff und sorgt dafür, dass aus guten Ideen interessante und lesenswerte Beiträge werden.

Start typing and press Enter to search