Jedes Publikum hat eine eigene Energie
Am 21. und 22. Februar gastiert die Schauspielerin Mavie Hörbiger mit dem Stück Peer Gynt am Theater Gütersloh. Die Inszenierung des isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson vom Wiener Burgtheaters nähert sich der Titelfigur jenseits äußerer Geschlechterzuschreibungen und rückt die innere Suche in den Mittelpunkt. Im Interview mit gt!nfo spricht die Schauspielerin über Traum und Realität, Präsenz auf der Bühne und die Aktualität eines Klassikers, der Fragen nach Identität und Selbstverwirklichung stellt.

Frau Hörbiger, Sie spielen in Peer Gynt, einem Stück über Ego, Selbstbetrug und die Frage „Wer bin ich wirklich?“ die Titelrolle – eine Rolle, die meist von Männern verkörpert wird. Was war für Sie der wichtigste Zugang zu dieser Figur?
Mich hat weniger das Geschlecht interessiert als Peers innere Bewegung. Er ist ein Mensch in permanenter Selbstbefragung, getrieben von Sehnsucht, Angst und Fantasie. Der Zugang lag für mich darin, ihn ernst zu nehmen – nicht als Angeber oder Lügner, sondern als jemanden, der verzweifelt versucht, einen Platz in der Welt zu finden.
Diese Suche nach sich selbst, oft zwischen Traum und Realität: Welche dieser Dimensionen finden Sie im Spiel besonders herausfordernd?
Gerade das Wechseln zwischen diesen Ebenen ist anspruchsvoll. Peer flüchtet sich in Träume, weil die Realität ihm zu eng wird. Diese Übergänge glaubhaft und präzise zu spielen, ohne sie zu erklären, sondern erlebbar zu machen, ist eine große Herausforderung – und zugleich das Spannende an der Figur.
Peer Gynt macht viele Umwege im Leben. Gibt es etwas an der Figur, das auch Ihnen im Alltag vertraut ist?
Ja, dieses Zögern vor klaren Entscheidungen. Das Sich-Ausmalen von Möglichkeiten, anstatt sich festzulegen. Das kenne ich gut – wahrscheinlich kennen wir das alle. Peer treibt das nur radikaler auf die Spitze.
Gibt es eine Szene oder einen Moment im Stück, der Ihnen besonders am Herzen liegt – vielleicht weil er Sie selbst berührt hat?
Der Moment der Rückschau am Ende des Stücks berührt mich sehr. Wenn Peer sich fragen muss, was von ihm eigentlich übriggeblieben ist. Diese schonungslose Bilanz ist schmerzhaft, aber auch sehr menschlich.
Das Stück dauert fast zwei Stunden. Wie bereiten Sie sich körperlich und mental auf einen so langen – und fordernden – Theaterabend vor?
Ich versuche, sehr bei mir zu bleiben: gut zu atmen, den Körper aufzuwärmen und innerlich ruhig zu werden. Mental hilft mir die klare Struktur des Abends – ich weiß, wo ich Kraft geben muss und wo ich mir Zeit lassen kann. Konzentration und Vertrauen sind entscheidend.
In der Inszenierung gibt es Live-Musik und ein sehr reduziertes Bühnenbild: Wie beeinflussen diese Elemente Ihr Spiel?
Die Live-Musik gibt mir einen unmittelbaren Rhythmus, auf den ich reagieren kann. Das reduzierte Bühnenbild öffnet Räume – für Imagination, für Bewegung, für innere Bilder. Es gibt nichts, hinter dem man sich verstecken kann.
… und was rückt dadurch für Sie als Darstellerin stärker in den Mittelpunkt?
Die Präsenz. Der Körper, die Sprache, der Moment. Alles ist direkter, konzentrierter – und dadurch auch verletzlicher.
Sie gastieren nun mit dieser Inszenierung am Theater Gütersloh. Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie in Wien oder auf Tour spielen?
Ja, jedes Haus, jedes Publikum hat eine eigene Energie. Auf Tour spielt man oft wacher, vielleicht auch ein bisschen offener,
weil man sich neu begegnet. Das empfinde ich als Bereicherung.
Was hoffen Sie, das das Publikum nach dem Abend mitnimmt – gerade in einer Zeit, in der Identität und Selbstverwirklichung stark diskutierte Themen sind?
Vielleicht die Frage, was es eigentlich heißt, man selbst zu sein. Und dass diese Frage keine einfache Antwort hat. Peer Gynt zeigt, wie verführerisch Selbstverwirklichung sein kann – und wie leer sie wird, wenn sie nur um das eigene Ich kreist.
Was, glauben Sie, macht Peer Gynt auch für Menschen spannend, die sonst nicht regelmäßig ins Theater gehen?
Die Geschichte ist groß, bildhaft und voller Humor. Sie erzählt von Träumen, Scheitern, Größenwahn und Einsamkeit – Themen, die jeder kennt. Man muss kein Theaterprofi sein, um sich darin wiederzufinden.
Peer Gynt
Schauspiel von Henrik Ibsen
Burgtheater Wien
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne und Kostüme: Daniel Angermayr
Musik: Gabriel Cazes
Es spielen: Lilith Hässle, Mavie Hörbiger, Barbara Petritsch, Nils Strunk, Johannes Zirner
Termine:
21. und 22. Februar 2026
19.30 Uhr bis 21.20 Uhr (ohne Pause)
am 21. Februar mit Publikumsgespräch im Anschluss
Preise: 20,–/28,–/35,– Euro (ermäßigt 10,–/14,–/17,50 Euro)
Fotos: Tommy Hetzel, Marcella Ruiz Cruz








