Hier bin ich wech
Unsere Autorin ist im gt!info-Gründungsjahr
noch im Kinderbuggy von Avenwedde mitten
in die Ostwestfalenmetropole Gütersloh
gezogen, und ist hier seitdem so verwurzelt,
dass alle Versuche, dauerhaft woanders
zu leben, scheiterten. Eine Liebeserklärung.
Wenn man zum Sonnenuntergang an der Spitze des Dreiecksplatzes steht und über den Theodor-Heuß-Platz in den Himmel blickt, kann man an manchen Tagen ein wahres Spektakel erleben: Die Farben reichen von zartem Orange über Blutrot und Magenta bis hin zu tiefem Violett, das sich in den Wolken verfängt. Reißen sie auf, erscheint in den Lücken wieder ein helles, durchscheinendes Blau, das langsam eine zartrosa Färbung bekommt, bis alles von der einsetzenden Dunkelheit verschluckt wird.
Sicher, Sonnenuntergänge gibt es überall, über dem Meer und in den Bergen sind sie besonders spektakulär. Aber da ist es nicht der Himmel meiner Heimat. Deswegen schaue ich in Gütersloh immer mit diesem ganz speziellen Gefühl hinauf. Ein Gefühl das sich nicht beschreiben lässt, das einfach da ist. Immer da war. Ich war 20 Jahre weg. Habe woanders gelebt, studiert, gearbeitet. Bis nach Hamburg bin ich gekommen. Dann ich zurückgekehrt.



Diese Stadt, statistisch zwar groß, im Herzen (trotz mehrerer Global Player) aber doch eher klein, hat mich nie wirklich losgelassen. Hier habe ich Abitur gemacht, hier war ich in der Ballettschule, bei Stüwe, im GTV, in der Musikschule. Die Weberei war lange mein Ort, ich war im Jugendzentrum, im alten Bambi und in den Kirchen, im Heidewald, bei Hill, Hertie, Kessel und im Kochlöffel. Meine Familie lebt hier seit Generationen. Wenn ich ins Mandarin gehe, frage ich mich manchmal, ob ich auf einem Stuhl sitze, auf dem ich in den 1980er-Jahren schon gesessen habe.
Manche dieser Fäden sind abgerissen, (zu) viele Gebäude auch, Läden wurden geschlossen. Aber manches hält einfach ewig. In wenigen Minuten ist man, egal von wo, ohne Aufwand draußen
in der Natur. Das ist etwas Besonderes. Theater, Kinos und Stadthalle locken mit starken Programmen, die Auswahl an Gastronomie ist erstaunlich groß.
Aber: Gütersloh ist wirklich nicht perfekt. Holprige Architektur, Leerstände, immer mehr Ketten. Vieles nervt. Die Subkultur müsste dringend wiederbelebt werden, Jugendliche brauchen Orte zum Austoben. Tanzen, Feiern, wilde Konzerte besuchen. Und trotzdem kommen viele zurück. Bei der Rückkehrerquote nach dem Studium oder dem ersten großen Job gehört Gütersloh laut IfL/Nationalatlas 2017 zu den stärkeren Städten. Auch ich gehöre in diese Statistik.
Am Ende ist es so: Vieles verschwindet, vieles bleibt. Und genau darin liegt die Tiefe dieser Stadt. Keine glitzernden Fassaden, kein perfektes Konzept, aber ein Ort, der Heimat ist. Wer hier aufgewachsen ist, wird geprägt von diesem unaufgeregten Puls. Und wer zurückkehrt, spürt, wie vertraut dieser Rhythmus ist – selbst wenn er leiser schlägt als anderswo.







