Wir waren jung und brauchten das Geld

Damals 1976 irgendwo in Sundern. Der Nachbarsjunge hieß Christian, ähnlich alt, aber irgendwie einer zum Aufschauen. Der schien schon eine Menge im Griff zu haben, packte an, schraubte rum, diskutierte nicht unintelligent – und auch er wollte (seinem jugendlichen Alter entsprechend) die Welt verbessern. In seiner Familie, der Nachbarsfamilie eben, da war immer Stimmung in der Bude, Christian Scholz‘ Geschwister sorgten mit ihm und ihrer Mutter – und die mit ihrem Lebensabschnittsbegleiter – dafür, dass ich mich da als der Junge von nebenan sauwohl fühlte. Was auch damit zu tun hatte, dass es in der eigenen Familie gerade turbulent im eher unangenehmen Sinn war.

Zwischendurch konnte man schon mal auf die Idee kommen, der Junge mit dem Lockenkopf (also ich), der gehört auch dahin, zu den Scholzens, der wohnt da. Es war eine coole Zeit, in der die Schule so mäßig interessant war – und wir das Autofahren lernten: Wir versenkten das rare Taschengeld bei Spielwaren Schürmann in der Königstraße/Ecke Münsterstraße, in dem wir ohne Ende in Wiking-Autos investierten und eine vorbildlich autofreundliche Stadt, das bessere Gütersloh, auf dem Fußboden kreierten.

Christian war eh der Coolere: Im leerge-laufenen Flussbett der aufgestauten Dalke hatte er in der Nähe der Kaserne ein Fahrrad gefunden. Motobecane hieß das, war blau und sportlich – und mein Neid war dem neuen (vielleicht nicht ganz rechtmäßigen) Besitzer sicher.

Wir schraubten an Fahrrädern rum, machten sie besser, oder geiler – oder beides. Das kostete – und es war nicht immer perfekt. Unzulänglich sicher geschraubt, kam ich mit so einem Fahrrad übel ins Straucheln, legte einen ebenfalls unperfekten Salto hin und mein Gesicht als erstes aus freiem Fall aufs Verbundsteinpflaster. Der Tapete der linken Gesichtshälfte wurde ich dabei vorübergehend komplett verlustig.
Warum erzähle ich das? Weil jugendlicher Spaß und Leichtsinn Geld kosteten, und das Taschengeld, siehe oben …

Da war das erstmals erschienene gt-info ein vermeintlicher Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Blatt fiel uns sofort auf, 2/3 DIN A4 groß, schwarz-weiß, so ein modernes Logo mit kleingeschriebenen Buchstaben, auf der ersten Ausgabe reichte der Erinnerung nach ein fotografiertes Ortsschild auf dem Titel.

Christian und ich ließen denselben Gedanken reifen: Irgendwie müssen diese Hefte doch in die Briefkästen. Und wer, wenn nicht wir, wäre der perfekte Dienstleister für diese Aufgabe? Ungeahnter Reichtum wurde gewittert. Und wir wurden schnell fündig, was den Namen und die Adresse des gt!info-Erfinders anging. Peter Bunnemann, jung an Jahren, wuschelig auf dem Kopf, kreativ in der Dachkammer: Ihn fanden wir irgendwo an der Eimerheide, oberstes Stockwerk, wo privates und Blattmacher-Dasein miteinander verschmolzen. Der Herr Bunnemann war einer, der sich Zeit nahm: für die Jungs, die da unangekündigt geklingelt hatten und die mit diesem unfassbar guten Businessplan auf die Stube gerückt waren. Und der Herr Bunnemann wies Empathie genug auf, den angehenden Jungunternehmern beizubringen, dass die Welt noch nicht
reif sei für die zuverlässige und Geld einbringende Verteilung durch Christian und Thorsten. Der Versuch war’s wert, wir waren überzeugt: Frech kommt weiter. Also: irgend-
wann später.

In meinem späteren Leben waren Peter Bunnemann und auch Christian Scholz zwar flüchtige, aber doch auch immer wieder verlässliche Größen: Irgendwann wurde der Herr Bunnemann für mich zum Peter, er hatte seine Agentur am Berliner Platz über Wein Ellermann untergebracht, immer mal wieder veränderte sich was bei ihm, ich bekam es mit, irgendwann nach fortgeschrittenen Jahren tauchte der Peter beim Schenke zwischen Käse- und Wurstregalen auf und erzählte mir nahezu freundschaftlich vom Lauf seines Lebens.

Und heute: Heute treffe ich sowohl Peter als auch Christian in sehr lockeren Abständen in der Berliner Straße. Zum „Hallo“ reicht’s immer, manchmal auch zu einigen Sätzen mehr.

Das gt!info finde ich regelmäßig im Briefkasten und auch im Netz, ich darf ein bisschen was Inhaltliches beisteuern. Das freut mich deshalb besonders, weil dieses Heft zu meinem Leben gehört, wie der kleine Versuch des großen Geldverdienens und wie der immer wieder am Wegesrand auftauchende Peter – und wie die Jugendfreundschaft mit Christian.

Dass die Wiking-Autos verloren gegangen sind und heute ein Vermögen wert wären, das ist eine Schleifspur der Geschichte. Echte Wegbegleiter haben eben keine Räder. Und bei manchen muss man sich schon eine gehörige Weile anstrengen, bis man mit ihnen Geld verdient.

Foto: AdobeStock_©_Amonthep

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