Christoph 13 – Ein Lebensretter wird 50

Ein Vormittag am Stadtrand von Bielefeld: An der Rosenhöhe 10 öffnet sich nach dem Klingeln ein Rolltor, und das eröffnet den Blick auf eine weite Fläche voller gähnender Langeweile. So ist der optimale Zustand des Luftrettungszentrums: Der Zivilschutz-Hubschrauber im Hangar, das Einsatzteam in Bereitschaft, die Lage ruhig.

Rettung aus der Luft
Dem Besucher vermittelt sich bei aller Ruhe schnell der Eindruck: Hier leben Menschen höchste Professionalität gepaart mit verlässlichem Teamgeist, um in jedem Augenblick aus der Bereitschaft in die volle, konzentrierte Leistung wechseln zu können.

Im kommenden Sommer sind es genau 50 Jahre her, seit unsere Region im Ernstfall auf Rettung aus der Luft zählen kann. Das Procedere ist dabei immer dasselbe: Die Rettungsleitstellen entscheiden bei eingehenden Alarmierungen, welches Rettungsmittel sinnvoll ist. Wird ein Patient mit dem Hubschrauber wesentlich schneller erreicht? Wird zur Versorgung eine Spezialklinik, die weiter entfernt liegt, benötigt? Die Entscheidung über das einzusetzende Rettungsmittel erfolgt in Windeseile und rechnergestützt. Geht es bei der Alarmierung beispielsweise um einen Verkehrsunfall bei hohen Geschwindigkeiten, müssen in der Regel Zentren für die Versorgung von Verletzten erreicht werden. Da ist der Hubschrauber meistens das schnellste Transportmittel. Der Hubschrauber legt zehn Kilometer in zweieinhalb Minuten zurück. Der Rettungswagen braucht für dieselbe Strecke zehn Minuten.

Das Abzeichen einer starken Truppe: Der Mitglieds-Patch

„Die Disponenten in den Rettungsleitstellen haben die Stärke, Kompetenz und Erfahrung für die richtige Entscheidung; das ist deren tägliche Arbeit“, sagt Thorsten Sieg, der bei der Feuerwehr Bielefeld das Sachgebiet Luftrettung verantwortet. Einsatzleitrechner, die permanent die Standorte der Rettungsfahrzeuge anzeigen, schlagen dabei geeignete Rettungsmittel vor. Thorsten Sieg ist überzeugt: „Einsätze stehen und fallen mit der ersten Disposition.“

Einsätze oftmals wirklich krass
Alexander Thies ist Notfallsanitäter im Luftrettungszentrum. Der Einsatz per Hubschrauber ist für Sanitäter wie ihn auf maximal zehn Jahre limitiert. Er findet das gut, weil das auch danach der Qualität im regulären Rettungsdienst zugutekäme. Er versteht die Aufgabe in der Luftrettung nicht als etwas Besonderes: „Wir sind nicht besser als die, die mit dem Rettungswagen kommen. Wir haben in besonderen Einsatzlagen eine größere Routine und ergänzen uns gegenseitig.“ Trotzdem reizt ihn seine Aufgabe natürlich: „Wir kommen immer wieder in sehr anspruchsvolle Situationen. Das fordert einen natürlich auch.“ Im Luftrettungseinsatz trifft der Sanitäter regelmäßig auf fremde Rettungsteams und auf fremde Patienten, um deren Wohl es geht. Mit den Kollegen vor Ort muss er auf einen Nenner kommen, um das Beste zu tun. Dabei sind die Einsätze mit seinem Team ja oftmals wirklich krass – Begegnungen auf Leben und Tod mit unfassbaren Eindrücken. Die Gespräche mit Kollegen über das Erlebte gehören zur professionellen Verarbeitung dessen, erklärt der Sanitäter. Und dann ist da sein eigener Umgang mit den Eindrücken: Er beschreibt eine imaginäre Fotowand,
auf die er die gesammelten optischen Eindrücke pappt. Und wie bei Polaroid-Bildern würden die älteren Ein-
drücke mit der Zeit verblassen, neue Eindrücke hinzukommen, mit denen er umgehen muss. Sollten es mal zu viele Bilder sein, die nicht vergilben wollen, gibt es immer noch ein psychologisches Hintergrund-Angebot, auf das das Team zurückgreifen kann.

Die Piloten Julian Bartels und Jörg Sporn (li. und re.), Notfallsanitäter Alexander Thies und Notärztin Friederike Albrecht

Seine Freunde behelligt Alexander Thies mit den Eindrücken aus dem Job nicht. Sport sei eine gute Kompensation. Und das sieht auch Thorsten Sieg so: „Wenn es mal stressig ist, dann läuft man die 10 Kilo-
meter auch schon mal schneller als normal“. Da funktioniere das Laufen ähnlich, wie das Boxen auf einen Punching-Ball.

Job ist Lebensrettung
Pilot Jörg Sporn, der als Polizeihauptkommissar zur Bundespolizei-Fliegerstaffel in Gifhorn gehört, relativiert: Nicht immer müsse es besonders schlimm sein, wenn der Hubschrauber kommt. Anderweitig eingebundene Notarztfahrzeuge könnten zum Beispiel für einen Mangel sorgen. Und dann kann es eben auch vorkommen, dass der weitere, dringend benötigte Notarzt eben aus der Luft zugeführt würde.
Für Pilot Jörg Sporn ist der Job, für den auch er sich mit Sport fit halten muss, erstmal Lebensrettung. Da müsse man nicht lange diskutieren. „Aber die Welt bei der Gelegenheit immer wieder von oben zu sehen, das ist ein ganz anderer Blickwinkel. Ich finde es absolut beeindruckend, auch nach über 20 Jahren Fliegerei kommen immer wieder neue Eindrücke dazu.“

„Mit dem Hubschrauber überleben mehr Menschen als ohne“, verweist Thorsten Sieg auf Erkenntnisse, die man bei der Einführung der Luftrettung Ende der 1960er-Jahre in Süddeutschland gewonnen habe. Aber er unterstreicht auch die Grenzen: „Also, ein Hubschrauber ist definitiv kein Allheilmittel. Wir können auch keine Wunder vollbringen damit.“ Für den Job brauche es diese Abgeklärtheit, die Akzeptanz, dass bei den Einsätzen auch Menschen sterben. Das Leben sei nun mal endlich. Ihm hilft, dass seine Frau quasi in derselben Branche war – in der Notaufnahme. Das habe geholfen zum gegenseitigen Verständnis und beim Auffangen – weil der eine Partner die Stressoren des anderen kenne und umgekehrt.

Bei aller Gelassenheit des professionellen Teams, es gibt auch Aufreger im Job – vollkommen unnötige Aufreger: Der zunehmende Egoismus in der Gesellschaft, der sei so etwas. Maximal auf die Nerven ginge, wenn Autofahrer meinten, sie müssten unbedingt unter einem Hubschrauber herfahren oder partout vor einem Löschfahrzeug über die Straße, weil man ja grün und somit recht habe. Dass mittlerweile Handy-Bilder von Unfällen schneller im Netz sein als die Patienten im Krankenhaus, das sei auch etwas vom Unerträglichen. Die Videofilmer würden sich profilieren wollen im Netz – aber auf die Idee, in einer ernsten Situation mit anzupacken, kämen sie nicht, sagt Thorsten Sieg sichtlich angesäuert.

Team arbeitet im Einschichtbetrieb
Es bleibt ruhig an diesem Vormittag an der Rosenhöhe: Ein Prüfflug zum Check der Funktionalität des Zivilschutz-Hubschraubers wird absolviert; einmal Steinhagen und zurück in 20 Minuten. Die Übergabe Von Pilot Jörg Sporn auf Pilot Julian Bartels findet statt; Routine. Der Schnee ist an diesem Tag eine Herausforderung, weil die Rotorblätter ihn aufwirbeln und so die Sicht bei Start und Landung komplett vernebeln. Die Winterlandschaft sei zwar schön anzusehen, aber beim Fliegen könne sie eben auch zum Problem werden. Einsatzorte seien da selten schneegeräumt, meint Jörg Sporn. Und er verweist auf ein weiteres Problem, das sich erst in den jüngeren Jahren entwickelt hat: In der Rettungsfliegerei müsse man höllisch aufpassen auf Windkraftanlagen, von denen es immer mehr gäbe und die immer höher gerieten.
Das Team an der Rosenhöhe arbeitet im Einschichtbetrieb und in der Regel zwischen 7 Uhr und 21.45 Uhr bei Tageslicht. Das sind lange Tage, die – auch im Sinne des Teamzusammenhalts – andere Formen des Arbeitens brauchen: Es passiert mehr gemeinsam. Das Frühstück, das schon mal mit fachlichem Quiz angereichert wird, oder zum Beispiel das Kochen im Team, weil man ja vor Ort in Bereitschaft bleiben muss. Und wenn es mal ganz dicke kommt? Der schwere Unfall um 21.30 Uhr zum Beispiel? Dann fliegt das Team natürlich noch los, egal, wie lange es dauert. Und egal, wie dunkel es dann beim Rückflug sein wird.

50 Jahre Christoph 13 – die Luftrettung ist für die Bürger eine Selbstverständlichkeit geworden. Die Leistung des Teams ist es nicht: Die nämlich ist alles andere als Dienst nach Vorschrift. Sie ist verlässlich gelebte Menschlichkeit, wann immer es darauf ankommt.

Steckbrief

Indienststellung am 3. Juli 1976, zwei Triebwerke mit je 700 PS, Geschwindigkeit 230 km/h, Standardreichweite 635 Kilometer

Bis zum 31. Dezember 2025 insgesamt 60.742 Einsätze

Aktionsradius 50 bis 70 Kilometer um Bielefeld, hauptsächlich OWL, aber auch angrenzende Landkreise

Einsatzbereit von Sonnenaufgang, frühestens 7 Uhr, bis Sonnenuntergang, spätestens 21:45 Uhr

Einer von zwölf Zivilschutz-Hubschraubern in Deutschland

Die aktuelle Maschine ist ein Airbus EC-135 T2+, Baujahr 2007

¬Besatzung: Ein Pilot der Bundespolizei-Fliegerstaffel Gifhorn, ein Notarzt (Anästhesie) des Klinikums Bielefeld, ein Notfallsanitäter der Berufsfeuerwehr Bielefeld

Wartungen teilweise nachts durch Techniker der Bundespolizei-Fliegerstaffel Gifhorn

Betreiber des Luftrettungszentrums ist die Stadt Bielefeld als Kernträger einer Trägergemeinschaft, der auch die Kreise Gütersloh, Herford, Höxter, Lippe, Minden-Lübbecke und Paderborn angehören.

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