Von Föhnwellen, Senkrechtstartern und sportlichen Talfahrten

„Bübisch“ ist der Damen-Look. So beschreibt eine Gütersloher Tageszeitung aktuelle Frisurentrends für das Jahr 1976, vorgestellt von der heimischen Friseurinnung. Wie passend, schließlich ist das „Internationale Jahr der Frau“ gerade erst vorbei. Da darf die modebewusste Dame gern auch mal „knabenhaft“ daherkommen.

Dass kaum ein echter Kerl die nach außen geklappte Föhnwelle trägt – geschenkt. Der trendige Mann setzt sich gerade mit der „Minipli“ auseinander und träumt vom voluminösen Oberkopf. Dem Alptraum vom genetisch bedingten Haarverlust wird er damit nicht entgehen.

Grundstein für Stadthalle
Willkommen in Gütersloh in der Mitte der Siebziger des vorigen Jahrhunderts: Die Stadt gibt sich metropolitisch. Der Schritt zur Kreisstadt ist noch nicht lange her. Ein Kreishaus wird erwogen, hat aber noch keine Priorität (das wird noch mehr als 20 Jahre dauern). Stattdessen wird im Sommer der Grundstein für einen Teil des „Kulturzentrums“ – eine Stadthalle – gelegt. Später soll noch ein Theaterneubau hinzukommen, heißt es. Aber das ist Zukunftsmusik. Erst mal wird die Paul-Thöne-Halle renoviert, und Kulturamtsleiter Günther Ochs ist stolz auf die hervorragende Auslastung und die vielen Gastspiele bekannter Stars aus Film, Funk und Fernsehen. Die „Mutter der Nation“, Inge Meysel, fühlt sich hier außerordentlich wohl und steht gern Gesprächen mit den drei Tageszeitungen zur Verfügung.
Udo Jürgens war auch mal wieder in Gütersloh im Jahr 1976. Kein Aufritt, der fand im Jahr davor in der Sporthalle an der Wiesenstraße statt, dem Ort legendärer Konzerte mit Größen wie Mahalia Jackson, Mikis Theodorakis oder „Passport“. 1976 steht dort auch Frauen-Catchen auf dem Programm. Udo Jürgens kommt zu Bertelsmann, das in diesem Jahr seine neue Hauptverwaltung auf der grünen Wiese einweiht. Der alte Standort in Bahnhofsnähe an der Eickhoffstraße soll dem wirtschaftlichen Aufschwung der Innenstadt zugute kommen. Mit dem Unternehmen C&A – oder wie man auch sagt: Brenninkmeier – wird ein Vertrag über die Nutzung des Geländes als Bekleidungskaufhaus geschlossen. Die Stadt ist mit dem Bau einer Tiefgarage mit im Vertragsboot.

Massenbewegung zum Städtischen Gymnasium
Gegenüber haben gerade die Bahnhofs-Lichtspiele dicht gemacht mit der „gut besuchten“ Abschiedsvorstellung von „Karate, Küsse, blonde Katzen“, einer deutsch-hongkong-chinesischen Produktion, die das Lexikon des internationalen Films lakonisch mit „Schulmädchen goes Hongkong“ beschreibt. Die Jungs und Mädchen der Gütersloher Schulen haben in diesem Jahr allerdings andere Sorgen als Kung-Fu und so. Sie gehen auf die Straße. Ein früher Umweltschutz-Protest? – Nein, es ist ein Schulstreik aus Ärger darüber, dass sämtliche Schulen in den umliegenden Kommunen am Rosenmontag frei haben, nur die in der Kreisstadt nicht.

Alles an einem Ort: Kaufhaus Tewesmeier in der mittleren Berliner Straße.

Eine Massenbewegung zum Städtischen Gymnasium verzeichnet die heimische Presse am 23. September. Zehntausende machen sich auf den Weg, um auf dem Schulhof des „Städtischen“ eine Woche vor der Bundestagswahl den Kanzlerkandidaten der CDU, Helmut Kohl, zu sehen und zu hören. Bilder, wie er quasi in der begeisterten Menge badet, liefert unter anderem DIE GLOCKE. Der amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt war einige Wochen vorher da, um mit etwa 100 Betriebsräten zu diskutieren. Kanzler wird er bleiben, auch wenn die besagte Zeitung vermelden kann, dass in der Stadt Gütersloh die CDU mit ihrem Kandidaten Ottfried Hennig vor der SPD liegt: „Eine Sensation.“

Weißenbergs an der Weltspitze
Sensationell hält sich nun schon seit einigen Jahren das Profitanzpaar Gerd und Helga Weißenberg an der Weltspitze. Die deutschen Meisterschaften gewinnen sie 1976 zum dritten Mal souverän, bei EM und WM machen die sympathischen Gütersloh-Botschafter einen dritten Platz, Helga übrigens mit der angesagten „bübischen“ Außenwelle. Bodenständigkeit beweist die Familie Stüwe-Weißenberg auch mit dem
Schritt in die Innenstadt: Von der Mangelsdorfstraße zieht die Tanzschule mit Seniorchefin „Finchen“ Stüwe an die Kirchstraße ins historische Haus „Eintracht“. Einen Weltmeister gab es aber dann doch noch 1976 in Gütersloh: Der Bergische Kräherhahn des Rassegeflügelzüchters Hans Bettenworth siegte im internationalen Dauerkrähen.

Mit Charme und Föhnwelle: „Helga und Gerd“ werden Deutsche Meister und Dritte bei der WM.

Eher eine sportliche Berg- und Talfahrt wird das Jahr für die DJK Gütersloh, die in der 2. Bundesliga Nord spielt. Erfolgstrainer Kalli Feldkamp soll den Verbleib in der Liga sichern, aber am Ende der Saison steht der Abstieg.

Es wird viel geplant, gebaut, renoviert, neu ein- und ausgerichtet in Boom-Town-Gütersloh des Jahres 1976: Ungeduldig wartet man seitens der Gütersloher Politik auf den Beginn des vierspurigen Ausbaus der „Umgehungsstraße“, gleichzeitig plant die Stadt eine Erweiterung der Fußgängerzone, bisher in der mittleren Berliner Straße realisiert. Die Polizei zieht aus dem Alten Amtsgericht an der Königstraße 1 ins ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Bartels, dafür soll nun die Volkshochschule ihren Platz im historischen Haus mitten im Zentrum finden – im Obergeschoss, so der Plan. Im Erdgeschoss ist ein Restaurant vorgesehen, dass niemals kommen wird.

Déjà-vus im Jahr 1976
So ist das manchmal mit Planungen und der Wirklichkeit. Folglich begegnen uns im Jahr 1976 einige Déjà-vus: neben dem Theaterneubau zum Beispiel ein Pavillon für den „Platz des alten Rathauses“, ein Gutachten über die Notwendigkeit eines dritten Gymnasiums, die Dringlichkeit, das Zusammenleben in Blankenhagen zu verbessern, Lehrermangel und Unterrichtsausfall. Eine Fußgängerbrücke über den ausgebauten Westring wird herbeigesehnt. Die Holzbänke auf der Freilichtbühne im Mohns Park sind völlig marode, der Ansatz für ihre Renovierung wurde im Haushalt jedoch gestrichen.

Aufgehübscht: Geschichte und Neubau treffen sich am Alten Kirchplatz

Mit einer gewissen Skepsis blicken die Gütersloher auf die von den Briten für den 1. Januar 1977 angekündigte Stationierung der Flugzeuggattung „Harrier“, gelten sie doch als nicht gerade geräuschlos. Der Verteidigungsminister, der damals Georg Leber hieß, beschwichtigt in einem Schreiben: Es sei mit nicht mehr Lärm als bei den bisher stationierten Lightnings zu rechnen. Ein Jahr später werden es die Gütersloher besser wissen.

Will noch schöner werden: Impression vom Weihnachtsmarkt.

Bilder: Stadtarchiv

Avatar-Foto

About Author /

Susanne Zimmermann, Gütersloher Urgestein, war lange Pressesprecherin der Stadt und leitete die zentrale Öffentlichkeitsarbeit, zuvor Redakteurin bei einer Gütersloher Tageszeitung und heute im Ruhestand aktiv in Kulturformaten.

Start typing and press Enter to search