Themen treffen den Nerv
50 Jahre gt!nfo – ein halbes Jahrhundert unabhängiger Journalismus und provokante Perspektiven auf Gütersloh. Von satirischen Spitzen bis zu ernsthaften lokalen Debatten spiegelt das Magazin die Stadtgesellschaft wider und steht für Haltung und Engagement. Gründer Peter Bunnemann, der ehemalige Herausgeber Friedrich Flöttmann und der heutige Herausgeber Markus Corsmeyer blicken auf Anfänge, Herausforderungen und Rathauskritik – und wagen einen Ausblick auf die nächsten 50 Jahre.
Fotos: Wolfgang Sauer
Die Gründung im Ein-Mann-Betrieb
50 Jahre gt!nfo – fünf Jahrzehnte, drei Macher, ein Heft.
Markus Corsmeyer Ja, drei Generationen gt!nfo. Und jede hatte ihren eigenen Stil.
Herr Bunnemann, Sie haben das Heft 1976 gegründet. Warum?
Peter Bunneman War das wirklich 1976? 50 Jahre – das ist ja schon was. Ich war einfach jung und brauchte das Geld. Nein, das wäre ein schöner Einstieg, oder? Aber ernsthaft: Das war die Zeit der Stadtteilmagazine und Anzeigenblätter, alles sehr analog. Ich hatte eine Agentur und ich dachte: Ich mache etwas Eigenes. Das andere, was es schon gab, fand ich – ehrlich gesagt – langweilig.
Gab es damals direkt eine klare Idee oder haben Sie einfach gemacht?
Peter Bunnemann Ich hatte nichts – außer viele verschiedene Ideen, Kontakte und Lust darauf. Kein Geld, kein Sicherheitsnetz. Die Konkurrenz hat mich nicht ernst genommen, das war mein Glück. Ich war Einmannbetrieb: Anzeigen verkaufen, Texte schreiben, nachts alles zusammenkleben. Ohne Computer. Handarbeit.
„Die Konkurrenz hat mich nicht ernst genommen, das war mein Glück.“
Peter Bunnemann
Provokante Themen für den Erfolg
Und inhaltlich? Gab es irgendeinen roten Faden?
Peter Bunnemann Gab es einen roten Faden?
Markus Corsmeyer (lacht) Kann ich mir bei dir gar nicht vorstellen.
Peter Bunnemann Ich auch nicht (lacht). Das war nicht so durchgeplant wie heute. Da saß keiner wochenlang und fragte sich: Was mache ich, was mache ich, was mache ich? Damals war das: Machen! Die Tageszeitungen schrieben das eine, ich schrieb etwas anderes. Und dann habe ich gemerkt: Das funktioniert. Ich war selbst überrascht. Irgendwann wurden wir mit unseren inhaltlichen Themen dann sogar ernst genommen. Vor allem, weil wir über die Jahre Themen angefasst haben, die andere lieber mit einem Seidentuch zugedeckt haben. Das hat auch immer mal wieder Stress gegeben.
Was für Themen waren das?
Peter Bunnemann Das können Markus Corsmeyer und Friedrich Flöttmann wahrscheinlich besser beurteilen, die mussten ja damit leben. Aber grundsätzlich: Dinge beim Namen nennen. Perspektiven zeigen. Menschen in der Öffentlichkeit an dem messen, was sie tun. Und dann reagieren viele plötzlich extrem empfindlich. Dünnhäutig. Dabei teilen sie selbst kräftig aus. Als Bürger musst du das auch aushalten – also dürfen sie es auch.

Herausgeberwechsel und eine Rede für Maria Unger
Herr Flöttmann, Ihr Vater hat das Magazin mit dem Flöttmann-Verlag 1997 übernommen, Sie selbst haben es lange geprägt. Was war ihr Ansatz?
Friedrich Flöttmann Am Anfang haben wir es erst mal weiterlaufen lassen. Der große Einschnitt kam Mitte der 2000er-Jahre, als Peter Bunnemann wieder stärker eingebunden war. Ab da wurde das Heft politischer, pointierter. Es ging um die Stadtgesellschaft – das Wort gab es damals allerdings noch kaum. Satire spielte plötzlich eine große Rolle. Wir hatten Formate, da wurden Politikerköpfe auf Tiere gesetzt. Das führte zu Gesprächen im Rathaus, auch zu Ärger. Manchmal mussten wir Wogen glätten, manchmal klar sagen: Es muss nicht gefallen. Aber es ist legitim. Und ja, manchmal sind wir vielleicht einen Schritt zu weit gegangen. Aber sehr selten. Das war die Zeit von 2006 bis 2010 – ein wilder Ritt.
Das Magazin wird durch Anzeigen finanziert. Gab es durch diese Zuspitzungen auch mal Angst um Anzeigenkunden?
Friedrich Flöttmann Ehrlich gesagt: nein. Natürlich gab es Hinweise, man könne bei dieser Ausrichtung eigentlich nicht mehr inserieren. Aber konsequent abgesprungen ist kaum jemand. Im Gegenteil: Aufmerksamkeit erhöht auch den Werbewert. Es waren ja nie 80 Seiten Krawall, sondern vielleicht zwei oder drei. Der Rest war Stadtleben, Kultur, Vereine. Und oft habe ich gesagt: Schauen Sie sich das Heft doch mal ganz an – worüber regen Sie sich eigentlich genau auf?
Peter Bunnemann Für Gütersloher Verhältnisse war das ungewohnt: Dinge nicht nur zu denken, sondern auszusprechen. Und das auch noch bebildert. Aber genau das hat funktioniert. Zum Thema Satire fallen mir zwei Sachen ein: Einmal hat B-Man (Pseudonym für Bunnemann; die Redaktion) Maria Unger eine fiktive Rede in den Mund gelegt. Das hat sie dann in der nächsten Ratssitzung aufgeklärt. Und einmal haben wir uns einen U-Bahn-Plan für Gütersloh ausgedacht. Das hat sogar Reaktionen gegeben. Die Leute haben angerufen und Fragen dazu gestellt.
Markus Corsmeyer, Sie sind 2009 eingestiegen – zuerst als Redaktionsleiter beim Verlag, 2021 haben Sie das Heft komplett übernommen und sind bis heute der Herausgeber. Was ist für Sie das Wichtigste an Ihrer Arbeit mit dem Magazin?
Markus Corsmeyer Öffentlichen Diskurs befeuern. Das war und ist der Kern. gt!nfo ist ein Autorenmagazin, mit maximaler Freiheit für unterschiedliche Formate: Interview, Kommentar, Glosse, Satire. Unabhängigkeit ist nicht verhandelbar. Im Gegenteil: Wenn Druck kommt, ist das eher ein Grund mehr, ein Thema zu machen!

gt!nfo hatte von Anfang an eine enorme Reichweite. Ab wann war Ihnen klar, dass das Heft mehr ist als ein klassisches Stadt- oder Anzeigenmagazin?
Markus Corsmeyer Das war mir schon immer klar. Es ist zwar ein Anzeigenmagazin – trotzdem haben die Entscheider der Stadt schon immer häufig nervös auf unseren Erscheinungstermin gewartet. Immer wenn es erscheint, wissen die Verantwortlichen in Stadt und Verwaltung genau, welche Seite sie zuerst aufschlagen müssen. Das war manchmal auch schon ein Ritt auf der Rasierklinge. Wir haben es geschafft, gelegentlich provokant zu sein, ohne die Substanz zu gefährden
Können Sie ein Beispiel nennen, wo gt!nfo mit seiner Strategie konkret etwas bewegt hat?
Peter Bunnemann Zum Beispiel bei den Bussen in der Fußgängerzone. Jahrelang sind die wegen einer einzigen Haltestelle da durchgefahren, und es hat keinen gestört, obwohl es gefährlich war, für Kinder, für Fußgänger. Ich habe gedacht: Sind die alle doof? Wir sind dann drangeblieben, haben Politiker mit dem Bus mitfahren lassen. Am Ende verschwanden die Busse – und niemand hat sie vermisst. Sobald Öffentlichkeit entsteht, wird es spannend. Die wollen ja alle wiedergewählt werden.
Markus Corsmeyer Oder jüngst das Thema Bürokratie im Bauamt. Ein Architekt hat Klartext geredet, danach kam Bewegung ins Rathaus. Das ist dieser katalytische Effekt. Öffentlichkeit erzeugt Druck – und Veränderung.
Wie die Leser reagieren
Und das Leserfeedback – wie wichtig war und ist das?
Peter Bunnemann Früher konnte man es an Kleinanzeigen messen. Heute eher an Reaktionen. Pro Heft braucht es ein, zwei Themen, in denen sich die Leute wiederfinden
Markus Corsmeyer Leserfeedback im Magazin – online oder im Print sind natürlich wichtig. Heute verlagert sich
das Feedback aber stark in die sozialen Medien. Und interessanterweise war es immer so: Je provokanter ein Thema, desto größer die Resonanz. Wenn wir heute ein Thema aufgreifen, das emotionalisiert, dann spielen wir es selbstverständlich auch über unsere Social-Media-Kanäle aus. Und dort entsteht bei bestimmten Themen eine unfassbare Eigendynamik. Da wird kommentiert, diskutiert, polemisiert – teilweise auch regelrecht draufgehauen. Das ist einerseits anstrengend, andererseits aber auch faszinierend. Denn es zeigt: Die Themen treffen einen Nerv.
Peter Bunnemann Das Schöne ist ja: Wenn du etwas machst, bekommst du Reaktionen. Gute wie schlechte. Und wenn du Mist baust, bekommst du Kritik – oder Hinweise, wie man es besser machen kann. Beides gehört dazu. Gefährlich wird es nur dann, wenn gar nichts mehr zurückkommt. Eine Stadt lebt davon, dass Menschen sich einmischen, Position beziehen und Verantwortung übernehmen.
Friedrich Flöttmann Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Dieser Mechanismus funktioniert nicht immer. Das wissen wir alle. Kritik ist ja okay. Aber Engagement wäre besser. Was mich stört, ist diese Haltung: „Die da oben machen alles falsch.“ Wenn auch nur ein Bruchteil der lautesten Kritiker bereit wäre, selbst Verantwortung zu übernehmen – in Vereinen, Initiativen, Gremien oder auch politisch –, würde sich vieles verändern. Aber damit stünden sie dann eventuell auch selbst in der Kritik.
Liveberichte aus dem Ratssaal
Was waren denn in ihrer jeweiligen Zeit als Herausgeber die größten Herausforderungen?
Friedrich Flöttmann Es gibt ja nicht nur diese großen, spektakulären Herausforderungen. Es gibt auch die dauerhaften, oft unterschätzten. Eine davon ist ganz banal – aber existenziell: die Haushaltsverteilung. Das klingt trocken, ist aber ein permanenter Kampf. Die paar Prozent Haushalte, die das Heft nicht bekommen, melden sich sofort. Und das ist ja auch richtig so und schön. Aber der Aufwand hinter der Verteilung wird völlig unterschätzt. Wir sind früher selbst durch die Stadt gefahren, haben überprüft, wo verteilt wurde, wo nicht, wann, wie, durch wen. Das ist echte Arbeit, und es ist entscheidend, weil Reichweite die Grundlage für alles andere ist.
„Öffentlichkeit erzeugt Druck – und Veränderung“
Markus Corsmeyer
Markus Corsmeyer Dann gibt es noch eine strukturelle Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf: die Transfor-
mation der Innenstadt. Peter Bunnemann hat das gt!nfo in einer Zeit aufgebaut, in der der Einzelhandel geblüht hat: inhabergeführte Läden, starke Gastronomie, volle Fußgängerzonen. Heute sieht die Realität anders aus. Onlinehandel, Filialisten, Geschäftsaufgaben. Für ein Magazin, das sich über Anzeigen finanziert, ist das eine massive Herausforderung. Wir sind immer auch ein Spiegel der lokalen Wirtschaft. Wenn diese sich verändert, verändert sich zwangsläufig auch unser Geschäftsmodell. Ich finde, wir haben darauf immer wieder gute Antworten gefunden – aber einfach war das nie.
Haben Sie jemals Entscheidungen gefällt, die Sie heute anders treffen würden?
Friedrich Flöttmann Mit dem Wissen von heute vielleicht. Aber Entscheidungen trifft man immer unter Unsicherheit. Ich habe keine große, die ich bereue
Markus Corsmeyer Crossmedial waren wir damals sehr früh, vielleicht zu früh. Nicht alles hat funktioniert. Aber die Richtung war immer richtig.
Peter Bunnemann Wir waren unserer Zeit oft voraus: Rats-TV, Liveberichte aus dem Ratssaal. Das hat viele geärgert – ein gutes Zeichen.
gt!nfo in 50 Jahren – Drohnen im Einsatz?
Ein Blick nach vorn: Wie sieht gt!nfo in 20 oder 50 Jahren aus?
Markus Corsmeyer Natürlich werden digitale Trends aufgegriffen. Künstliche Intelligenz wird eine Rolle spielen, egal unter welchem Namen sie dann firmiert. Themen wie Augmented Reality, die wir schon vor Jahren testweise ins Heft integriert haben, werden weitergedacht werden. Crossmediale Formate werden wichtiger: Inhalte, die im
Print beginnen, sich digital fortsetzen und im Idealfall eine echte Debatte auslösen. Aber bei all dem bin ich fest überzeugt: Print wird bleiben. Vielleicht anders, vielleicht schlanker, vielleicht wertiger – aber nicht verschwinden. Zusammengefasst: digitaler, crossmedialer, aber immer journalistisch. Print bleibt, davon bin ich überzeugt – aber mit Haltung.
Peter Bunnemann Ich glaube, dass irgendwann 50.000 Mini-Drohnen hier vom Dach fliegen, Inhalte verteilen, Bilder projizieren, Texte durch Schlüssellöcher flüstern (lacht). Was mir aber wichtiger ist: Ich wünsche mir mehr Klarheit. Mehr Ross und Reiter. Ich glaube, das erwarten Leser heute mehr denn je. Gütersloh könnte mehr. Mehr Haltung, mehr Profil, mehr Streitkultur.
„Der Aufwand hinter der Verteilung wird völlig unterschätzt“
Friedrich Flöttmann
Friedrich Flöttmann Ich würde es weniger technisch formulieren und eher einen Wunsch äußern. Ich glaube nicht, dass wir heute auch nur ansatzweise abschätzen können, wie sich Medien in 20 oder 50 Jahren anfühlen werden. Was ich mir aber sehr wünsche, ist, dass es dann noch Journalismus gibt. Menschen, die sich Zeit nehmen, Themen zu durchdringen, sie zusammenzufassen, einzuordnen und verständlich darzustellen. Was ich für gefährlich halte, ist eine Zukunft, in der die Deutungshoheit ausschließlich bei sozialen Medien liegt. Dort dominieren Lautstärke, Zuspitzung und Emotion. Journalismus hat eine andere Aufgabe: Distanz, Kontext, Verlässlichkeit. Wenn das gt!nfo in 50 Jahren noch existiert und genau das leistet – egal auf welchem Trägermedium –, dann wäre viel gewonnen.
Das Jubiläumsjahr
Was passiert zum 50-jährigen Jubiläum?
Markus Corsmeyer Wir haben uns bewusst entschieden, nicht alles auf einen einzigen Moment zu konzentrieren, sondern das Jubiläum über das gesamte Jahr hinweg zu spielen. Der Auftakt ist bereits erfolgt – mit unserer Kampagne „50 und kein bisschen leise“. Sichtbar unter anderem über eine City-Card-Kampagne und Plakatwände in Gütersloh. Dazu kommen Social-Media- und Guerilla-Marketing-Aktionen, die das Jubiläum begleiten und immer wieder Akzente setzen. Das Magazin selbst wird ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Diese Ausgabe ist eine besonders umfangreiche, redaktionell dicke Sahneschnitte – mit vielen Beiträgen, Rückblicken, Einordnungen und auch neuen Perspektiven. Ein weiterer Höhepunkt ist im Oktober eine Party, denn eigentlich hat das gt!nfo im Oktober Geburtstag. Mehr verraten wir noch nicht.
Letzte Frage: Was ist das Geheimnis von 50 Jahren gt!nfo?
Markus Corsmeyer Sich immer wieder neu zu erfinden, an Themen dranzubleiben. Und immer neue Formate wie gt!nfo-Live oder unseren Podcast zu produzieren. Kurzum: die gt!nfo-Welt zu bereichern … Das macht das Magazin für Inserenten sowie Leserinnen und Leser sexy.
Friedrich Flöttmann Toleranz und Vertrauen.
Peter Bunnemann Haltung. Ohne die wird alles nur glatt.

Markus Corsmeyer (63)
Corsmeyer gibt seit 2021 das Magazin gt!nfo als Geschäftsführer der Lokalwerkstatt heraus. Zuvor war er über zehn Jahre Redaktionsleiter im Flöttmann Verlag und entwickelte dort unter anderem das Standortmagazin faktor3. Er ist Journalist, Buchautor und Initiator des Podcasts 4830, der Talkshow gt!nfo-live und war zwölf Jahre Cheforganisator des Laufevents Gütersloh läuft.

Friedrich Flöttmann (52)
Flöttmann ist seit 1998 im gleichnamigen Flöttmann Verlag tätig, der das Magazin, von 1997 bis 2020 herausgab. Als Geschäftsführer hat er den Verlagsschwerpunkt mittlerweile auf den K&L Verlag in Detmold gelegt. Der Gütersloher Flöttmann Verlag besteht seit 1866.

Peter Bunnemann (76)
Bunnemann gründete 1976 das Magazin gt!nfo und führte es bis 1997 mit seiner Werbeagentur Bunnemann. In Gütersloh ist er auch bekannt als Barista durch die Königsvilla, den als Café umgebaute amerikanischen Schulbus und das Café Bunnemann. Er rief das Laufevent Gütersloh läuft ins Leben.







