Veras gute Seiten
Februar 2026 | Das neue Jahr beginnt mit vielversprechenden Neuerscheinungen, die einen ersten Eindruck auf das literarische Jahr geben:

Anne Stern
Die weiße Nachtift
Berlin in der Stunde Null, der Auftakt der neuen Krimireihe von Anne Stern führt in den Hungerwinter 1946/47. Inmitten von Trümmern fängt die Fotografin Lou Faber die Seiten der Stadt ein, die andere übersehen (wollen). Als eine Frauenleiche mit gekreuzten Händen im Schnee gefunden wird, kreuzen sich die Wege von Lou und dem rastlosen, geheimnisvollen Kriminalkommissar Alfred König. Sie wird zu seinem Auge, das er im Krieg verloren hat. Der Fund weiterer Leichen setzt die Ermittler unter Zeitdruck und weist in eine neue Richtung, zurück in die finstere Vergangenheit. Anne Stern ist Historikerin und Bestsellerautorin. In ihrer neuen Reihe schildert sie die Lebensumstände der Menschen und zeichnet die Stadt Berlin so plastisch und nachvollziehbar, dass sie für Leserinnen und Leser gut nachempfindbar werden: der Hunger, die Kälte, die Hoffnungslosigkeit.
Piper | 400 Seiten | 25 €

Henrik Szántó
Treppe aus Papier
Von der NS-Zeit bis heute erzählt ein Haus von sich und den Menschen, die es bewohnen. Es ist ein über 100 Jahre altes Mietshaus in einer deutschen Großstadt, dessen Bewohner_innen wir durch die Zeit folgen. Im Treppenhaus begegnen sich die Schülerin Nele und die 90-jährige Irma Thon. Diese ist in dem Haus groß geworden und im Gespräch kommen verdrängte Erinnerungen und verborgene Erlebnisse ans Licht, die bis heute nachwirken. Von Erinnerung und Verantwortung, vom Leben in allen Formen erzählt Henrik Szántó, der mit einem Auszug aus dem Roman 2024 beim Bachmann Preis antrat, mit einer fein komponierten Gleichzeitigkeit. Alles passiert parallel: Das, was war, und das, was ist. Ein Jahrhundert deutscher Geschichte, erzählt von denen, die alles erlebt haben: den Wänden.
Blessing | 224 Seiten | 23 €

Daniel Donskoy
Brennen
Mit Daniel Donskoys Debütroman begeben die Lesenden sich auf den wohl längsten Roadtrip aller Zeiten: Sein Erzähler ist 12 Jahre unterwegs, in fünf Ländern, mit unzähligen Begegnungen. Auf der Suche nach dem Sinn. Dabei ist dieser Roman wohl das Gegenteil einer pathetischen Sinnsuche, vielmehr eine Reise durch die Welt und die Konflikte unserer Zeit. In Briefen an einen Freund schreibt er von dem Leben, das vergangen ist, seit den Sommern ihrer Jugend in Tel Aviv, von Dreharbeiten im russischen Schnee, kurz vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine, von seiner brennenden Wohnung, aus der ein musikaffiner Feuerwehrmann eine Gitarre rettet, von einem Urlaub in Kalabrien, der sich liest wie ein Fiebertraum, mit einem furchtlosen Dackel in der Hauptrolle – eine Geschichte von Übermut, von der Verzweiflung und brennenden Leidenschaft am Leben.
KiWi | 320 Seiten | 23 €

Axel Hacke
Wie fühlst du dich?
So politisch war Axel Hacke noch nie, dabei sollte es diesmal eigentlich nur um das „Innenleben“ gehen: Wir werden mit Gefühlen geradezu überschüttet, konstatiert der Bestsellerautor. Voller Risiken und Nebenwirkungen. Insbesondere Populisten und Rechtsextreme verstünden es, Gefühle für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Wie üblich beginnt Hacke seine Essays bei sich und weitet seine Beobachtungen ins Allgemeine. Er schreibt von eigener Überforderung und Ängsten. Es geht um Despoten und Autokraten. Um die Zornbereitschaft der Menschen, die in den sozialen Netzwerken begann und ins echte Leben übergegriffen zu haben scheint. Hacke plädiert dafür, unser „Gefühlswissen“ auszuweiten und uns klar zu werden, „Was ist eigentlich mein Gefühl? Und was kommt von ganz woanders?“. Manchmal klingt er dabei ernst, manchmal melancholisch, aber immer hoffnungsvoll.
DuMont | 253 Seiten | 22 €

Daniel Schreiber
Liebe! Ein Aufruf
Daniel Schreiber beherrscht die Kunstform, vom großen Ganzen ins Private zu wechseln und umgekehrt. In seinem neuen Essay widmet er sich dem größten der Gefühle: der Liebe! Darin will er der zunehmenden Kultur des Hasses und der Menschenverachtung etwas entgegensetzen. Dafür denkt er das Konzept der Liebe neu und blickt auf deren politische Dimension. Er beobachtet die steigende soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Spaltung, erstarkenden Rechtspopulismus und die Folgen des Klimawandels. Ausgehend von Texten, Gedanken oder Reden von Martin Luther King, Hannah Arendt oder Erich Fromm zieht er Schlüsse über unsere aktuelle politische Situation. Ohnmacht ist zum politischen Grundgefühl unserer Zeit geworden, was können wir dem sich ausbreitenden Klima des Hasses entgegensetzen? Für Schreiber ist die Liebe unsere größte politische Chance.
Hanser Berlin | 160 Seiten | 22 €

Saša Stanišić
Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als
Rechteck abgebildet wird
Mit lakonischer Präzision und zugleich einer fast archaischen Wucht eröffnet dieser Roman den Kosmos einer norddeutschen Familienlinie – in miniaturhaften, poetischen Fragmenten. Ein heimlich geschlachtetes Schaf bildet den rituellen Kern, aus dem sich das Leben auf dem Bauernhof entfaltet: Die Urgroßmutter rührt Blut für die Wurst, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre, die Großmutter stiehlt nachts Ziegel vom Dach. Alma, die Urenkelin, versammelt die Splitter dieser Generationengeschichte – von kargem Alltag über Neuanfänge bis in die Gegenwart. Figuren verwandeln sich in Möbel, Wölfe, Zitronenbäume; Sprache kondensiert zu poetischen Miniaturen, die hallen wie ein Resonanzkörper. Das faszinierende Debüt einer jungen österreichischen Autorin, das Alltag und Magie verwebt und von Herkunft, Scheitern und Selbstfindung erzählt.
Luchterhand | 151 Seiten | 22 €


