Gütersloher Splitter
Februar 2026 | Von Heiner Wichelmann
Wir wissen alles, aber wir verstehen es nicht.
Eine abgeplatzte Betonstelle unsauber verfüllt, eine fehlerhafte Tapezierarbeit abgenommen, rostige Nägel in Hauswandfugen stecken lassen und das Gartenhaus wartet noch immer auf vernünftiges Licht: Provisorien können lebenslang dauern.
Das misslungene Gespräch ist ein Ärgernis, das versäumte schmerzt. Ohne Sprache ist wie Blei.
Nesrin bleibt mit ihrem Café am Dreiecksplatz, weil ihr viele Freunde und Gutmeinende eine ausreichende hohe Darlehenssumme für den Kauf der vakanten Immobilie zur Verfügung stellten; ein älteres Ehepaar in der Doheermanns Höhe, von Zwangsauszug bedroht, findet nach einem Zeitungsbericht eine neue Wohnung für sich, größer als die alte und gleich günstig obendrein. Dass es das noch gibt, dass Geschichten positiv enden!
Wie kann man bloß auf die Idee kommen, solch ein grässlich verzüchtetes Schoßhündchen im Handtaschenformat mit sich herumzuführen? Der erste Blick fällt auf die arme würdeberaubte Kreatur; der zweite, lange, Blick auf die Besitzerin.
Wenn wir eines aus der Geschichte lernen, dann, dass die Menschen niemals aus der Geschichte lernen.
Das Tempo der Digitalisierung unseres Lebens nimmt zu, bloß nicht den Anschluss verlieren, wir sind dabei, sonst sind wir raus. Aber wo ist das Ende? Wird die nächste Generation schon gechippt sein, werden digitaltechnische Gehirnimplantate zur normalen Kassenleistung mit dem Ziel der kompletten Entmündigung und Fremdsteuerung? Trübe Gedanken unter schweren Wolkendecken in kalten Tagen. Ich hätte da ein Zitat: „… Man darf nicht warten, bis aus dem Schnellball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Eine Lawine hält keiner mehr auf.“ Erich Kästner. Zu einfach? Nachdenken erlaubt.
Wenn ich schon im Eingang des Ladens von computergeneriertem, stumpfsinnig gestampftem Gewummere, dieser seelisch mausetoten „Musik“, attackiert werde, weiß ich, dass ich so schnell wie möglich meine Klamotte aus den gequetschten Regalen ziehen werde. Ich brauch die Hose, aber umgucken ist dann nicht mehr, Leute!
Nach so vielen Jahren des Nachdenkens über die Belebung der Innenstadt, der Umfragen, Erfahrungen und Planungen, ist die jüngste Erkenntnis mangelnder Veranstaltungsdichte schlicht peinlich. Schlimmer noch: Die Kassenlage der Stadt gibt nichts besseres her.
Letztlich 8,5 Stunden hat es wegen teilweisem Ausfall von Zug-Oberleitungen zwischen Berlin und Gütersloh gebraucht, bis die Schwiegertochter mit den beiden Kindern endlich bei uns war; ich habe sie zuletzt aus Stadthagen mit dem Auto abgeholt. Jetzt ist die Freude groß. In der Nacht denke ich an frühere Zeiten und mich schaudert’s: Wie wäre es gewesen, wenn die beiden Grundschulkinder alleine in den Zug gesetzt worden wären, natürlich sorgend betreut vom Zugpersonal? Drei Zugwechsel, vier Stunden Gesamtwartezeit, Riesengedränge vor den Flixbussen, zig Telefonate …
Nichts gegen die Bahn: Beim Durchblättern einer Zeitung verschüttete ich mal einen vollen Becher Kaffee mit Zucker und Sahne. Auf den Schreck reichte man mir einen neuen: „Geht aufs Haus!“ Und mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Heiner Wichelmann
Heiner Wichelmann
Grafik: AdobeStock © izzul fikry (ijjul)



