Jetzt mal tief Luft holen

Die Vesperkirche Gütersloh ruft zu einer besonderen Kunstaktion auf.

Frische Luft, dicke Luft, verbrauchte Luft, klare Luft: Menschen kennen viele Arten von Lüften. Verknüpfen sie sie mit Gerüchen, Gefühlen und Geschichten, vervielfacht sich ihre Zahl ins beinah Unendliche. Die Vesperkirche Gütersloh hat nun vor, solche Luft sammeln zu lassen. Sie stellt dafür in der Martin-Luther-Kirche 200 Weckgläser zur Verfügung – und ruft die Bürger auf, sich diese Gläser abzuholen und damit Luft einzufangen, an welchen Orten auch immer.

Die Vesperkirche findet dieses Jahr vom 1. bis 8. Februar statt. Dass sie zu begleitenden Kunstaktionen aufruft, ist regelmäßig der Fall. Zu den sichtbaren Ergebnissen zählt ein Regal, dessen Fächer aus 200 Holzplatten bestehen, gestaltet von Gütersloher Bürgern. Genau dort stehen die (leeren) Gläser bereit, genau dort werden sie mit der jeweils eingefangenen Luft ausgestellt.

„Wir hoffen, dass viele Menschen Lust haben, sich daran zu beteiligen“, sagt Reinhard Michel, Mitorganisator der Vesperkirche. Bei aller Einheitlichkeit sei Luft nicht überall die Gleiche. „Wir sind deshalb daran interessiert, woher sie stammt und welche Besonderheit damit verbunden ist.“ Wer mitmachen möchte, kann sich ab Samstag, 17. Januar, zu den Öffnungszeiten der Luther-Kirche (siehe Homepage) ein Glas besorgen und bringt es später gefüllt wieder zurück.

Welche Luft sich Michel wünscht? „Egal. Das kann die Luft von besonderen oder von gewöhnlichen Orten sein. Die Leute können die Luft an dem Lieblingssessel ihres Opas oder aus dem Kräuterbeet in ihrem Garten einfangen. Sie können sie aus der Kabine ihres Sportvereins mitbringen, aus dem Probenraum ihres Chores, aus der Friedhofskapelle, ihrem Klassenzimmer, ihrer Lieblingskneipe, ihrer Fabrikhalle, dem Büro, dem Standesamt, dem Regionalzug, ihrem Hobbykeller, wo auch immer.“

Auf Etiketten, die den Gläsern beim Abholen beiliegen, vermerken die Teilnehmer, wo sie die Luft eingefangen haben und was sie damit verbinden. Ihre  Kontaktdaten hinterlassen sie separat. Das ermöglicht, die Gläser nach der Vesperkirche wieder zu verteilen, um keine Ressourcen zu vergeuden und sie etwa als Einmachglas verwenden zu können; allerdings bekommen die Teilnehmer nicht ihr eigenes luftbefülltes Glas zurück, sondern das ihres Regal-Nachbarn. Das knüpft an den Kerngedanken der Vesperkirche an: Ihr geht es um Begegnungen.

„Es entspricht offenbar dem Zeitgeist, die Unterschiede zwischen uns Menschen zu betonen, die Unterschiede des materiellen Besitzes, der Herkunft, der Hautfarbe und so weiter. In der Vesperkirche steht demgegenüber das Verbindende im Vordergrund. Luft verbindet uns so fundamental wie nichts anderes, ob ich jetzt Donald oder Wladimir heiße. Man kann sich für was Besseres halten, aber ohne Luft ist man nichts“, sagt Michel.

Luft sei universell. Ohne sie gebe es keinen Schall, keine Sprache, keine Gerüche, keine Musik. Sie sei ein besonderer Stoff, und die Kunstaktion habe zum Ziel, sich das bewusst zu machen. Michel: „Die Gläser werden am Ende vielleicht den Eindruck erwecken, als beinhalten sie nichts. In Wirklichkeit enthalten sie das Wichtigste, was es überhaupt gibt.“ Weitere Infos unter www.vesperkirche-guetersloh.de

Reinhard Michel und Vanessa Henkelmann begleiten die Kunstaktion. In ihren Händen halten sie Weckgläser, die ab Samstag in der Martin-Luther-Kirche abzuholen sind. Michel und Henkelmann stehen vor dem Regal, das als Suppenregal entstand und im vergangenen Jahr zu einer „Wunschkammer“ wurde.  Aus den Wünschen, die die Gütersloher während der Vesperkirche und im Mai während der „langenachtderkunst“ in dieser Kammer hinterließen, ist ein Heft entstanden, gestaltet von Lara Kees. Gedruckt und gebunden, ist es während der Vesperkirche 2026 zu bekommen.

Foto: Ludger Osterkamp

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