Die Letzte der Ersten in der Spiekergasse

Autor: Thorsten Wagner-Conert

Fotos: Thorsten Wagner-Conert

01.11.2023


Christine Liberas Lieblingsplatz in Gütersloh ist - unübersehbar - das Theater.


In den frühen 1980ern fing die Spiekergasse an zu leben. Christine Libera war damals schon da – mit ihrem Laden „Style de Christine“ war sie die, die 1979 die neue Ära einer glanzvollen Straße einläutete. Vom einstigen Glanz ist einzig ihr Laden geblieben. Und sie. Thorsten Wagner-Conert hat mit ihr gesprochen – an ihrem Lieblingsplatz, dem Theater Gütersloh.

 

Text und Fotos: Thorsten Wagner-Conert

 

Über all die Jahre ist sie eine feste Größe in der Stadt, die Dame mit den feuerroten Haaren und dem Gespür für schöne Dinge. Ausgesuchte Bad-Accessoires bietet sie an in ihrem Laden, der heißt, wie er heißt, weil sie anfangs diese Dinge ganz wesentlich aus Frankreich kommen ließ. 

 

Schönes begeisterte die Frau schon immer, weshalb es einen nicht wundert, dass sie auf die Frage nach ihrem Lieblingsplatz in Gütersloh (neben Stadtpark und Rhedaer Forst) gleich das Theater Gütersloh nennt: „Das hat eine große Bedeutung für mich; ich fand’s schon klasse, als ich die ersten Pläne sah – dieses wunderbare Haus, ich gehe gerne hierher“, schwärmt sie über die Adresse, mit der sie beim Fotografieren gleich eins wird.

 

Haus mit Großstadtanspruch

 

Die Schwärmerei wird nicht weniger, als sie über ihre Lieblingsreihe spricht: „In erster Linie sind’s die Vier Jahreszeiten.“ Neben dieser Reihe mit alljährlich vier besonderen Veranstaltungen finde sie auch Ballett sehr interessant – und „ein schönes Schauspiel mit einer guten Besetzung, die ja hier immer gegeben ist“. Das Haus habe Großstadtanspruch, auf jeden Fall, die Optik sowieso – ein einmaliges Gebäude, sagt Christine Libera.

 

Seit 1969 ist sie „Immer-und-ewig-Gütersloherin“. Geboren in Menden im Sauerland, kam sie aus Halle/Saale später nach Gütersloh. Vor dem Mauerbau war ihre Familie aus der DDR geflüchtet – 1959 – „nicht mit Sack und Pack, wir mussten ja über Berlin – und es durfte nur so aussehen, als würden wir in den Urlaub fahren mit den Eltern“ erinnert sie sich. „Anfänglich haben wir das bereut. In Ostdeutschland hatte ich sehr gute Pläne für meine Ausbildung und natürlich meinen Freundeskreis. Im Westen habe ich mich zunächst nicht sehr wohlgefühlt.“

 

Das änderte sich, nachdem sie sich dann beruflich hier etabliert hatte. Erst arbeitete sie für eine Bank, später für einen Sanitärgroßhändler. „Und irgendwann war klar, dass ich hier mein Geschäft eröffne. Das habe ich nie bereut.“

 

Ein Platz für schöne Dinge

 

Die Selbstständigkeit mit ihrem Laden war ihr größter Wunsch: „Wir waren viel in Italien im Urlaub damals, das war eine Zeit, da gab’s viele Boutiquen, die von jungen Frauen – die ich ja damals auch war – geführt wurden. Und da war mein Wunsch dann geboren.“ Damals in den frühen 1980er-Jahren sollte die Spiekergasse die Straße der schönen und wertvollen Dinge werden. „Aber erstmal war’s Baustelle. Als ich 1979 einzog, war die Straße noch nicht mal gepflastert, es wurde ringsrum gebaut. Ich hab‘ die ganze Entwicklung bis heute, wo es nicht mehr so schön ist, mitbekommen da.“

 

Teil der Stadt

 

Christine Libera ist heute die letzte Händlerin aus der geschäftlichen Erstausstattung der Spiekergasse. In all den Jahren hat sich so wahnsinnig viel getan und verändert – politisch, in der Konsumwelt, mit dem Internet, im gesellschaftlichen Miteinander – und sie sieht die Entwicklungen an sich vorbeirauschen. „Ja, das mit dem Vorbeirauschen stimmt. Ich erinnere mich an ganz andere Zeiten mit einem ganz anderen Publikum – aber ich bin noch da.“

Die Frage nach dem Warum beantwortet sie blitzschnell: „Weil es mir Spaß macht.“ Christine Libera sieht man das an: Sie hat nach wie vor Freude daran, Kunden zu beraten, am Leben teilzunehmen und einfach auch ein Teil der Stadt zu sein, „Ende offen“, sagt sie.

 

Das Geschäft sei ihr Hobby und auch ihr Lebensunterhalt. „Ich kann mir mein Leben ohne dieses Geschäft gar nicht vorstellen.“ Sie sei eben nicht der Typ Mensch, der jeden Tag in den Stadtpark geht und Enten füttert. Der Park reiche ihr am Wochenende. Stattdessen bietet sie lieber denen die Stirn, die sagen, die besten Zeiten der Innenstädte seien unwiderruflich vorbei: Man müsse diese Kultur der Innenstädte irgendwie erhalten. „Das hat ja auch eine Qualität, die wir brauchen neben diesen ganzen Handy- und Billigläden. Ich habe einen Blickfang“, sagt sie über ihr keines Geschäft.

 

 

Kennzeichen: große Brille

 

Dabei könnte sie, statt sich um den Laden zu kümmern, viel mehr zum Beispiel in ihr Theater gehen und das Leben genießen. „Das stimmt allerdings. Aber ich bemühe mich auch, dass ich das nebenher schaffe“, sagt sie standhaft. Ob es eine Lieblingsecke in diesem Theaterbau gebe? „Nicht wirklich“ – weil es rundherum schön sei. „Ich finde, das Theater ist sehr vorzeigbar – auch mit einem gewissen Stolz.“

 

Sprach sie und rückt ihre große Brille ein wenig zurecht, die zu Christine Libera gehört, wie diese beeindruckende Frau zu Gütersloh. „Ohne große Brille geht es nicht…“.

 

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