RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum | Datenschutz

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Foto: Jens Dünhölter

„Wow, 26 Jahre sind verdammt viel“

Theoretisch ist alles sehr einfach. Laut Wikipedia-Eintrag ist Baseball „ein Schlagballspiel mit zwei Mannschaften. Die Verteidiger bringen einen Ball ins Spiel, den die Angreifer mit einem Schläger treffen müssen. Wurde der Ball erfolgreich getroffen, können die Angreifer durch das Ablaufen von vier Laufmalen (bases) Punkte erzielen. Die Verteidiger versuchen dies zu verhindern, indem sie den geschlagenen Ball vorher zum Laufmal werfen.“

Boris Stranz (48) stimmt dieser Definition sichtlich amüsiert per Kopfnicken zu: „Alles korrekt. Ziemlich einfach ausgedrückt“, bestätigt der Vorsitzende des Baseballvereines Verl/Gütersloh Yaks. Wenn es auf dem gut 100 Meter langen, in Form eines Diamanten aufgebauten Spielfeldes an die Umsetzung geht, wird es jedoch ungleich komplexer. Boris Stranz: „Im Fußball gibt es gefühlt 20 bis 30 Regeln. Beim Baseball sind es gut 300.“ Um die Grundzüge des Regelwerks in groben Zügen kennen zu lernen, brauchte man „einen langen Nachmittag bei einem Spiel mit jemandem an der Seite, der den Sport kennt. Vieles erklärt sich dann von allein.“ Das Spielverständnis mit dem Gefühl für die entscheidenden Situationen stelle sich beim Gros der Neueinsteiger nach „zwei bis drei Jahren“ ein. Andere, fügt der Chef des 130 Mitglieder großen Clubs aus Anhängern der im 18. Jahrhundert aus der europäischen Schlagball-Variante hervorgegangenen Sportart im Nachsatz grinsend an, „sind seit 20 Jahren dabei und verstehen es immer noch nicht.“ So weit zum Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Viel leichter zu verstehen ist die Geschichte hinter der Story rund um das immer wiederkehrende, spielentscheidende Duell zwischen dem Schlagmann (Batter) des Angreifers und dem Werfer (Pitcher) der Feldmannschaft. Entstanden sind die Verl/Gütersloh Yaks in der heute existenten Form 1996 durch die Fusion der damals eigenständigen Gütersloh Shazzbotzz mit dem Ligakonkurrenten Verl Farmers. Beide Kooperationspartner wurden 1992 durch Privatinitiativen einer Handvoll Baseball-Enthusiasten als Hobbymannschaften aus der Taufe gehoben. Die ersten Runs – wie die Punkte in der sprachprägenden amerikanischen Form heißen – liegen somit stolze 26 Jahre zurück. „Wow, 26 Jahre sind verdammt viel“, blickt Boris Stranz heute auf eine Ära zurück, die er zunächst auf Seiten der Shazzbotzz, später unter dem Abbild der namensgebenden Rinderart im Yaks-Logo mitgeprägt hat. Durch die TV-Übertragungen im öffentlichen Fernseh-Sender Sportkanal schwappte 1992 die Euphorie der nordamerikanischen Major League Baseball (MLB) mit einem heutigen Umsatz von mehr als 9 Milliarden US-Dollar über den großen Teich mitten hinein in die ostwestfälische Baseball-Diaspora. „Ich hatte zwei Freunde bei den Gütersloh Hawks, denen es dort nicht mehr gefiel. Da haben wir eben unseren eigenen Verein aufgemacht.“ Während die Shazzbotzz ihre 9-gegen-9-Partien unter teilweise abenteuerlichen Umständen auf einem Platz an der Lutter in Blankenhagen austrugen, jagten die Farmers auf einem Fußballplatz am Verler Freibad um das Innenfeld mit den drei Bases sowie die den Spiel-Ausgangspunkt bildende Home Plate – eine fünfseitige Gummimatte. Dem Abklingen der Anfangseuphorie auf beiden Seiten folgte 1996 der Zusammenschluss der Bezirksligavereine. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Yaks-Field am Schmiedestrang in Verl zur neuen Heimat. Boris Stranz : „Es war eine rationale Entscheidung, um den Spielbetrieb langfristig sicherzustellen. Dadurch konnten wir uns breiter aufstellen.“ 22 Jahre nach der Fusion präsentieren sich die Jäger, Schläger und Fänger der aus einem Kork-Kern bestehenden Bälle gut gerüstet für die nächsten Jahre. Während viele ehemalige Mitstreiter-Clubs längst von der Baseball-Karte verschwunden sind, gehen die Yaks in dieser Spielzeit gleich mit fünf Teams an der Start. Nach vielen sportlichen Aufs und Abs nebst der freiwilligen Rückzüge von der Regional- (2014), über die Verbands- (2016) in die Landesliga spielen die Herren (20 Spieler im Alter von 19 bis 45 Jahren) nach sportlichem Konsolidierungs- und Blutauffrischungskurs in dieser Spielzeit wieder eine ordentliche Rolle. Boris Stranz: „In den vergangenen Jahren haben viele Ältere aufgehört. Jetzt sind wir auch wieder so weit, uns nach oben orientieren zu können. Vielleicht nicht dieses Jahr. Aber wenn sich die Chance bietet, schlagen wir zu. Einen sportlichen Aufstieg abzulehnen, geht an die Motivation".“ Das mit leichten Regeländerungen (kleineres Spielfeld, leichtere Schläger, andere Wuftechnik des Pitchers) gegenüber den Männern agierende Softball-Team der Damen (20 Spielerinnen zwischen 14 Jahren und 40 Jahren) um Trainer Hannes Volkmer ist 2017 in die Verbandsliga aufgestiegen. Besonders stolz und froh ist der Chef der Baseballer, in diesem Jahr drei Jugendmannschaften auf das Infield stellen zu können. Und dies sogar trotz scheinbar übermächtiger örtlicher (SC Verl, TV Verl) sowie regionaler Konkurrenz durch den ein Jugend-Internat betreibenden mehrmaligen deutschen Meister Untouch-
ables Paderborn. Boris Stranz: „Wir haben es in 26 Jahren zum ersten Mal geschafft, drei Jugendteams zu bilden.“

Obwohl er selbst durch eine Verletzung Baseballschläger und Helm mit dem Platz auf der Zuschauer-Tribüne tauschen musste, denkt der Yaks-Anführer nicht eine Sekunde daran, den Baseball aus der Hand zu legen. Seine Begründung steht vermutlich stellvertretend für die gesamte Sportlerfamilie. Zum einen fasziniert die Komplexität der Bewegungsabläufe: „Baseball ist unglaublich vielseitig. Es geht um das Treffen des fliegenden Balles mit einem Schläger. Das muss man lernen. In der nächsten Sekunde rennt man wie ein Irrer zur nächsten Base. Auf der anderen Seite muss man Fangen und Werfen können. Insgesamt sind so viele Komponenten gefragt, die den kompletten Athleten fordern.“ Dazu gesellen sich noch ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit sowie das notwendige taktische Verständnis zum Erfassen der jeweiligen Spielsituation. Boris Stranz: „Es gibt einfach unendlich viele Möglichkeiten, die auf dem Feld passieren können".“ Als Trainer lege man sich nach Möglichkeit einen Anfangsplan zurecht, „und dann passiert ab dem 1. Ball alles anders als gedacht“, so der Experte weiter. Zu den unabdingbaren Grundvoraussetzungen eines erfolgreichen, weil gewonnenen Innings (so der Name der einzelnen Durchgänge) zählt auch immer eine große Portion Nervenstärke. Bei den sich wiederholenden, immer entscheidenden Duellen des Werfers (Pitcher) der Feldmannschaft gegen die in einer zu Spielbeginn festgelegten Reihenfolge antretenden Batter des Gegners (Schlagmänner/Schlagfrauen) wird aus der Mannschafts- plötzlich eine Individualsportart. Boris Stranz: „Das ist eine klassische Eins-gegen-eins Duell-Situation. Der Pitcher ist immer einer der Besten beim Gegner. In der Situation kann man sich hinter niemandem verstecken". Dazu kommt: Durch das Spielprinzip des wechselnden Schlagrechtes (Offense) herrscht absolute Chancengleichheit. Bei ausgeglichenen Spielständen wird aufgrund des im Regelwerk nicht vorgesehenen Unentschieden bis zur endgültigen Entscheidung verlängert. Typische Spiele dauern zwischen zweieinhalb und drei Stunden. „Wenn die Pitcher viel stehen lassen, können es auch mal vier werden“, berichtet Boris Stranz. Seine längste Partie dauerte knapp fünf Stunden.

Wer sich eine der weltweit am meisten gespielten Sportarten fernab der großen TV-Welt live und in Farbe ansehen möchte, wird bei den Verl/Gütersloh Yaks mit offenen Armen aufgenommen. Boris Stranz: „Wir zeigen unseren Sport gerne, haben noch nie jemanden weggeschickt.“ Auch Probetrainings sind – entsprechende Grundkenntnisse vorausgesetzt – jederzeit möglich. Der Vorsitzende erinnert sich an 40-jährige, „die als Anfänger Schläger oder Fanghandschuh angezogen haben, und keinerlei Probleme hatten.“ 

www.yaks.de


Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.