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Unterhalten sich oft über die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in ihrem Geburtsland Großbritannien: die Wahl-Gütersloher Peter Worsley (links) und Wayne Tucker. Foto: Frank Tiedemann

„Denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Gütersloh und Europa nennt sich die neue Serie im GT-INFO, die den europäischen Gedanken in Gütersloh aufspüren möchte und der Frage nachgeht, was er für den Einzelnen und die Gemeinschaft bedeutet oder bedeuten kann. Anlass dafür bieten zunächst die fünf Partnerstädte Güterslohs. Im zweiten Teil der Serie ist die Partnerschaft zu Broxtowe allerdings nur der Ausgangspunkt für eine Annäherung an ein schwieriges Kapitel aktueller Zeitgeschichte. 

Bereits ein Jahr nach dem Beginn der Städtefreundschaft mit Châteauroux wurde die Partnerschaftsurkunde mit dem britischen Broxtowe unterzeichnet. Der 110.000 Einwohner zählende Verwaltungsbezirk im Herzen Großbritanniens besteht aus vier Gemeinden, mit Beeston als Zentrum und Eastwood als bekanntestem Teil, ist es doch der Geburtsort des Schriftstellers D. H. Lawrence. Der nicht minder berühmte Sherwood Forrest und die Robin-Hood-Stadt Nottingham liegen in der Nähe.

 

Frieden und Völkerverständigung

„Frieden“ war das Wort der Stunde, als im April 1978 die damalige Bürgermeisterin von Broxtowe, Katherine Archer und der ehemalige Bürgermeister Heinz Kollmeyer die Urkunde im Gütersloher Ratssaal unterzeichneten. „Frieden“ und „Völkerverständigung“, geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, waren noch in den Siebziger Jahren die Antriebsfeder, um Feindschaften durch persönliche Begegnungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Und die Begriffe werden wohl auch Pate gestanden haben, als nur sechs Jahre zuvor Edward Heath als damaliger britischer Premierminister die Beitrittsurkunde zur EU in Brüssel unterzeichnete. „Ich kann mich gut daran erinnern, wie entsetzt meine Mutter darüber war“, erzählt der heute 57-jährige Wayne Tucker, der seit 1979 in Deutschland lebt. Schon damals ging es um diese ewige Zerrissenheit des Inselreichs zum Kontinent, denn der Unterzeichnung ging ein jahreslanges zähes Ringen voraus. Und auch da war ein Referendum das Zünglein an der Waage, nur dass das Ergebnis mit einer Zweidrittelmehrheit für den Beitritt wesentlich eindeutiger ausfiel.

 

Mit Sicherheit ein deutscher Pass

Mit dem Referendum zum Brexit befinden sich Briten und „der Rest Europas“ erneut in einer schwierigen Situation. Doch was genau bedeutet diese Entscheidung für die in Gütersloh lebenden Briten? Nach Jahren in der britischen Armee kümmert sich Wayne Tucker seit 33 Jahren bei der Sparkasse Gütersloh-Rietberg um die Belange in Gütersloh lebender Briten. In den nächsten Wochen wird er einen Antrag auf Einbürgerung stellen. Dem steht für einen Ex-Militär auch nichts im Wege, und doch treibt ihn eine Sorge um: „Als EU-Bürger hätte ich in dem Fall beide Staatsbürgerschaften und würde als stolzer Brite auch gerne meinen Pass behalten.“ Doch der Brexit bringt nun alles durcheinander. „Niemand weiß, wo wir am 29. März 2019 stehen werden.“ Als Bürger eines dann Nicht-EU-Staates hätte er keine Wahl mehr. „Keine Frage: Wenn ich nur einen Pass haben dürfte, würde ich den britischen abgeben.“ Mit seiner Einbürgerung hat Peter Worsley derzeit beide Staatbürgerschaften. Der 57-jährige Ex-Offizier ist seit 44 Jahren mit einer Deutschen verheiratet und schied 2011 aus dem Militärdienst aus. Vor einer Woche hat er den deutschen Pass erhalten. „Ich hätte ihn womöglich sowieso irgendwann beantragt, aber die aktuelle Situation hat es dringender gemacht.“ 

 

Vom Wahlrecht abgeschnitten

Bei all dem Bekenntnis zu Deutschland sei da aber auch das immerwährende Ärgernis, als ein in Deutschland lebender und Steuern zahlender EU-Staatsbürger bei einer Bundestagswahl nicht wahlberechtigt zu sein. Auch das geht erst mit dem deutschen Pass. „Hinzu kommt, dass ich auch in England nicht mehr wählen darf, weil ich mehr als elf Jahre im EU-Ausland wohne,“ so Tucker. Und zu guter Letzt hatten die Wahl-Gütersloher beim Brexit-Referendum ebenfalls nichts zu melden: „Man hatte einfach all die Briten ausgeschlossen, die keinen aktuellen Wohnsitz in England hatten“, erklären sie. „Wir sprechen von 2,1 Millionen Menschen, die sicherlich gegen den Brexit gestimmt hätten.“ Doch selbst ein „was wäre wenn“ zählt längst nicht mehr. Mit einem Ergebnis von 51,9 Prozent ist das Inselvolk einfach nur gespalten. Und das zieht sich quer durch die Familien.

 

Ein Riss durch die Gesellschaft

Als Beispiel nennt Tucker das Zerwürfnis innerhalb der Familie seiner Schwester: „Von ihren beiden Söhnen ist der eine Professor und lehrt Französisch und Spanisch.“ Damit lebt er den europäischen Gedanken und hat täglich mit ausländischen Studenten zu tun. „Natürlich war er gegen den Brexit.“ Der Bruder führt ein absolut konträres Leben: „Er ist Teil der Hells Angels und Befürworter des Brexit mit all seinen populistischen Forderungen.“ Bis heute reden beide kaum noch ein Wort miteinander. „Ein solcher Riss in einer Familie lässt nur Narben zurück.“ Dabei, so sagen beide, sehen die Befürworter die Konsequenzen nicht. Und wieder ist es Tuckers Neffe, den er für die Erklärung bemüht: „Er fährt oft nach Dover um dort vergünstigt Bier, Wein und Spirituosen zu kaufen und ist davon überzeugt, dass es auch nach dem Brexit so bleibt.“ 

 

Sie sehen das Gute nicht

Genau das sei das Problem, erklärt Peter Worsley. Niemand sehe das Gute, jeder nur das Schlechte und im Grund genommen wissen alle gar nicht, was sie da eigentlich tun. „Sie bemängeln gerne die mit Ausländern überfüllten Krankenhausbetten, die noch dazu staatliche Unterstützung erhalten.“ „Was sie aber nicht sehen wollen ist, dass fast das gesamte Personal aus der EU kommt“, wirft Wayne Tucker ein: Der Arzt ist ein Deutscher, die Schwester kommt aus Frankreich, das Pflegepersonal vielleicht aus Polen. „Selbst der Nationale Gesundheitsdienst warnt davor, all diese Menschen nach dem Brexit auszuweisen, denn dann könnten fast alle Krankenhäuser in Großbritannien schließen.“ Doch die Befürworter scheinen unbelehrbar.

 

Just Wait and See

Bleibt noch der Exit vom Brexit. „Natürlich würde ich ihn mir wünschen“, so Tucker. „Die EU gibt den Briten fast täglich die Chance, umzukehren. Aber sie sind zu stolz und können ihren Fehler nicht eingestehen.“ Es gebe mindestens 15 konservative Parlamentsmitglieder, die gegen den Brexit sind. Natürlich könnten sie gemeinsam mit der Labour Party das Vorhaben blockieren. Aber das, so sind sich beide sicher, werde nicht passieren. Genauso wie sie niemals mehr zurückgehen wollen. „Meine Söhne und Enkel leben hier, da fällt die Entscheidung leicht“, sagt Wayne Tucker und auch Peter Worsley stellt sich diese Frage nicht: „Mein ganzer Lebensmittelpunkt ist hier bei meiner Familie. Ich habe England in der Erinnerung, aber dort wohnen möchte ich nie mehr.“ So schauen sie mit einer Mischung aus Verwunderung, Ärger und Besorgnis aus der Ferne zu, was in ihrem Geburtsland geschieht. Just wait and see.

 
 

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