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Da stehen sie also: links die blaue Vespa von der nur 720 Stück gebaut wurden, und gleich daneben der direkte Nachfahre der ersten Vespa, eine stolze GS 150 von 1956. Foto: Sylvia Rudzio, Fotostudio Clemens.

TI AMO!

Jedes Mal, wenn im Sommer auf der Straße eine Vespa an mir „vorbeirollert“, weht da diese kleine, leichte Brise aus Sehnsucht und Faszination mit: „Wie schön, so eine will ich auch!“ Seit Jahren geht 

das nun schon so. In diesen und den kommenden Wochen starten die Rollerclubs der Region mit dem offiziellen „Anrollern“, der ersten gemeinsamen Ausfahrt, in die neue Saison. Dann werde ich sie wieder häufiger sehen, die alten und neuen italienischen Schönheiten, und die Sehnsucht fährt mit ihnen fort. Aber warum eigentlich? Ich könnte doch selbst – oder nicht? 

Das erste Modell aus dem Haus Piaggio hatte 98 Kubikzentimeter  Hubraum, erhielt den Spitznamen „Paperino“, also Entchen, und erblickte 1946 das Licht Italiens. In den Folgejahren trat es als Vespa, zu deutsch Wespe, den Siegeszug um die Welt an. Was sie so einzigartig macht? Als Laie erkläre ich es mir so: Sie ist bezahlbar und selbst die aktuellen Modelle haben ein bestechend schönes Design, das sich stets am Original anlehnt. Auch die Karosserie ist bis heute größtenteils aus Blech gefertigt. Ein Klassiker für die Ewigkeit also. Im vergangenen Jahr feierte die kurvige Italienerin ihr 70-jähriges Jubiläum. Vielleicht mit ein Grund, warum der Hype um die Vespa wieder ordentlich an Fahrt aufgenommen hat. Und auch ich stelle mir jetzt ernsthaft die Frage: Brauche ich eine Vespa? – und wenn ja, soll’s eine alte Lady sein – oder einer dieser neuen, jungen Hipster? Einer der schönsten Werbesätze dieser Tage gibt die Antwort: „Nein, brauchen nicht, aber ich hatte einfach Bock drauf. So wie auf dich – damals.“ Und genauso ist das. Ich habe einfach Bock auf eine Vespa!

 

Coole Alte oder flotte Neue

Um ehrlich zu sein, kenne ich mich nicht einmal mit den verschiedenen Modellen aus. Geschweige denn weiß ich, worauf wahre Vespa-Fans beim Kauf wert legen. Und vergeuden will ich mein Geld ja auch nicht. Freunde reagieren auf meine laut formulierte Sehnsucht positiv: „Mach das, aber nur eine Alte“. Doch wie pflegebedürftig ist so ein Oldtimer? Ist das überhaupt etwas für mich? Um diese und noch viel mehr Fragen zu klären, muss mir der Experte vor Ort weiterhelfen. Francesco Guadagno beschäftigt sich sein Leben lang mit Motorrädern, -rollern und Scootern. In seinem stadtbekannten Geschäft mit Werkstatt verkauft er neue Modelle und restauriert die betagten Vespen seiner Kunden. „Es kommt immer darauf an, was man will“, lautet die einfache und sogleich höchst komplizierte Antwort. 

 

60 Fahrzeuge am Tag

Es gab eine Zeit, da wurden täglich 60 neue Fahrzeuge aus Italien nach Gütersloh verschickt. Das war in den 70er- und 80er-Jahren, erzählt Guadagno von der Hochzeit des Vespa-Hypes. Eine Helmpflicht gab es noch nicht, und man hatte ab 15 Jahren die Möglichkeit, eine Mofa zu fahren. Mit einem entsprechenden Führerschein war ab 16 Jahren der Roller oft das Maß aller Dinge. Georg Oeffelke führte damals das Gütersloher Zweiradgeschäft und der Boom war einfach unaufhaltsam. Noch heute kann Francesco Guadagno ein Lied davon singen. In Neapel geboren, kam er als 10-Jähriger mit seinen Eltern nach Gütersloh und begann mit 15 Jahren eine Lehre bei Oeffelke. „Hier stand alles voller Roller, Mofas und Motorräder“, erzählt er. Zündapp, Kreidler, Ciao, Boxer und Vespa hießen die Begehrlichkeiten. „Wir mussten sie in den Keller schleppen, weil oben kein Platz mehr war.“ Doch lange blieben sie dort nicht. „Es gab Tage, da verkauften wir fünf Fahrzeuge.“ Auch in der Werkstatt sprudelte die Arbeit. Neben Guadagno waren hier weitere fünf Mitarbeiter für die Wartung zuständig. Bereits damals restaurierten sie die alten Schätze. Irgendwann ließ der Ansturm nach und es wurde ruhiger im Laden. Der alte Chef starb, und auch Guadagno ging fort. Als Dieter Radzik das Geschäft übernahm, holte er Francesco zurück und seit 2011 ist der gebürtige Italiener hier der Chef. „Das hätte ich mir nie träumen lassen, als ich damals anfing“, gesteht er. Er führt Zweirad Oeffelke als Familienbetrieb, mit Tochter Rosa im Verkauf und Frau Regina im Büro. Unentbehrlich im Team auch Jeremy, der hier seit vier Jahren mit dem Chef an den Zweirädern schraubt. Francesco Guadagno ist heute 62 Jahre alt. „Vier Jahre arbeite ich noch, dann fängt das Dolce Vita an“, lacht er, als er mir die wahren Schönheiten in seinem Geschäft vorstellt.

 

Ciao Bella!

Viele sind Kundenfahrzeuge, die hier behutsam aufgearbeitet werden. Da steht zunächst ein blauer, unrestaurierter Schatz aus dem Jahr 1983. Guadagno hat noch viel mit ihm vor. Der Roller wird auseinander genommen, ausgebeult und gesandstrahlt, gespachtelt und geschweißt, dann grundiert und lackiert. Ist die 50-Kubik-Dame endlich fahrbereit, ist sie gut und gerne 4.500 Euro wert. Bereits ein unrestaurierter Roller kostet zwischen 1.000 und 1.500 Euro. Die Aufarbeitung erledigt den Rest – das summiert sich schnell, so der Restaurator. Er erklärt mir zugleich, welche Fahrzeuge besondere Begehrlichkeiten wecken: Es sind die mit den 50 Kubikzentimeter-Motoren. Eine 125er sei da weniger gefragt, dann erst wieder die mit 200 Kubikzentimetern. 

Ciao, Bella, flüstere ich, als ich die wahre Schönheit unter den Grazien entdecke: Eine GS 150 von 1956. Sie ist der direkte Nachfahre der „Paperino“, des legendären Motorrollers, der in dem Film „Ein Herz und eine Krone“ den Schauspielern Audrey Hepburn und Gregory Peck fast die Schau stahl. Selbst die Farbe scheint gleich. Ihre Restaurierung dauert lange, höre ich Francesco zu, denn die Ersatzteile sind sehr rar. Er müsse lange nach den richtigen Originalteilen suchen, und das gestalte sich oft sehr schwierig. Gerade hatte er die Zierleisten aufgetrieben. Was lange fehlte sind Vergaser, der Tacho, die Lampe, und ein paar andere Dinge. Doch ist sie einmal fertig, so schätzt der Chef, ist sie bestimmt 10.000 Euro wert. 

 

Flotte Biene

In Reih und Glied mit den betagten Kundenfahrzeugen stehen auch zwei Damen, die Francesco selbst gehören – unter anderem. Natürlich sind sie nicht verkäuflich. „Die wollen bei mir bleiben“, antwortet er auf meine Frage nach einem möglichen Kauf. Und nein, er habe sie nicht selbst gefahren, sondern sehr viel Zeit und Arbeit reingesteckt. So wie in den Blauen Roller, den er eines Tage im Keller seines Schwagers in Italien entdeckte. Er ist eine Rarität und wurde nur 720 Mal gebaut. Eine weitere Seltenheit ist die graue Zweisitzer von 1962. Die Dame ist gerade fertig geworden und wartet jetzt auf ihren Besitzer. Francesco Guadagno macht mit ihr noch schnell eine kleine Ausfahrt – und sie surrt wie eine flotte Biene. Bravo!

„Roller haben wir genug“, sagt der Herr der Scooter, als wir einen Streifzug über das Außengelände machen, auf dem noch viele der Grazien tief und fest schlafen. Wer ist der typische Kunde für einen Oldtimer, möchte ich wissen. „Das sind Männer und auch Frauen mit einer großen Liebe und Leidenschaft für alte Vespas“, höre ich. Sie möchten gerne ein Original besitzen, und sind bereit, dafür Geld auszugeben. Doch manche sind auch Wiederholungstäter, dann bleibt es nicht bei der Einen: Hat sie die Wespe erst einmal gestochen, sind sie infiziert und es kann durchaus sein, dass sie schon von der Nächsten träumen. 

 

Knatternder Zweitakter oder sparsamer Viertakter

Besonders beliebt sei auch ein ganz bestimmtes Modell: „Ich habe in meinem Leben so viele PX restauriert wie Sand am Meer“, kommentiert Francesco den Vespa-Evergreen, der 1977 erstmals vom Band lief. Er selbst fuhr eine 200er PX, die er später verkaufte. Jetzt hat er nur noch eine ganz Neue, doch auch die ist bereits auf dem Weg zum Klassiker. Der 2011 neu aufgelegte Vespa Zweitakter mit Gangschaltung, Getrenntschmierung und vorderer Scheibenbremse ist kaum noch verfügbar. Was bleibt, sind die Modelle mit Vier-Takt-Motor und Automatikgetriebe. Gleiches gilt für die Neuauflage der 1968 erstmals gebauten Primavera. In der Werkstatt erklärt der Fachmann dem Laien den Unterschied: Die für Kenner einzigartige Vespa hat einen Zweitakt-Motor, der für den typischen Sound sorgt, und eine ordentliche Gangschaltung. Doch EU-Normen weisen immer mehr den Weg in Richtung Automatikgetriebe mit einem leisen, sparsamen Viertakt-Motor. „Der Zweitakter qualmt immer ein bisschen“, lacht der Experte verschmitzt. Dafür ist er preiswerter in der Reparatur, weil sein Aufbau recht einfach strukturiert ist. Die Reparatur eines Viertakt-Motors ist zwar seltener, jedoch aufwendiger und kann dann richtig teuer werden. 

 

Bloße Schwärmerei oder echte Beziehung

Alt oder Neu, Viertakter oder Zweitakter, Automatik oder Gangschaltung. Als ich herkam, dachte ich, die größte Frage sei die nach der Farbe und dem Alter. Jetzt weiß ich, dass sogar unter den relativ aktuellen Modellen einige gar nicht mehr oder nur noch selten verfügbar sind. Schöne Augen hat mir heute jede dieser wundervollen Grazien gemacht. Doch reicht das aus, um aus einer Schwärmerei eine Beziehung werden zu lassen? Die Frage erübrigt sich für mich und ist schnell erklärt. Ich habe die eine oder andere testen dürfen und bereits meine Favoritin gefunden. Deshalb bin durchaus bereit, es mit ihr ernsthaft zu probieren.

 

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