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Die Arbeitsgruppe Verkehrswende trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat in der alten Weberei um 19:30 Uhr. Internet: www.fee-owl.de Foto: Wolfgang Sauer.

Autos raus! Fahrrad rein!

Die Arbeitsgruppe Verkehrswende der Bürgerinitiative Energiewende Gütersloh schlägt Alarm. Ihr geht die Umsetzung des ehrgeizigen Masterplans klimafreundliche Mobilität („Gütersloh in Bewegung“), vom Rat der Stadt im März 2017 beschlossen, nicht schnell, vor allem nicht entschieden genug. Kurt Gramlich, Felix Kupferschmidt und Detlef Fiedrich fordern im Stadtgespräch mit GT-INFO insbesondere die entschlossene, deutliche Reduzierung des Autoverkehrs in der Stadt und eine Verkehrspolitik, die Fuß, Fahrrad und ÖPNV zu den wichtigsten Verkehrsmitteln macht. Papiere seien genug geschrieben, jetzt müsse gehandelt werden, um für mehr Lebensqualität, Gesundheit und Sicherheit in der Stadt zu sorgen – organisiert und moderiert von der Stadt.


Herr Gramlich, Herr Kupferschmidt, Herr Fiedrich, was macht Sie so ungeduldig bei der Umsetzung der Maßnahmen zur verabredeten klimafreundlichen Mobilität in Gütersloh?

Kupferschmidt: Es zeichnet sich ab, dass 2018 ein weiteres Jahr ohne Schritte hin zum klimaneutralen Stadtverkehr wird. Das ist äußerst traurig angesichts der globalen Entwicklung. Dabei gibt es im Rathaus, in der Verwaltung viele kluge und engagierte Leute, deren Potenzial nur abgerufen werden muss. Das muss von der Verwaltungsspitze initiiert werden!

Gramlich: Der Klimawandel wartet nicht, Klimaschutz muss erste Priorität im politischen Handeln der Stadt werden. Für eine klimafreundliche Stadtgestaltung fehlt in Gütersloh mehr motiviertes Personal in der Verwaltung.

Fiedrich: Es fehlt der ganzheitliche Ansatz, die rote Linie. Andere Städte sind da weiter. Wir sind eigentlich eine fahrradfreundliche und fahrradgenutzte Stadt, aber es fehlt die klare Ausrichtung der Politik in allen Maßnahmen hin zum Ziel „Vorrang für Radfahrer und
ÖPNV“.


Was fordern Sie konkret?

Fiedrich: Verwaltung und Rat haben sich ein Ziel gesetzt, Runde Tische eingeführt, Kompetenzen zusammengebracht. Jetzt muss die Verkehrswende zur Chefsache gemacht werden.


Sind denn die Gütersloher bereit zur Verkehrswende, zur Verringerung des Auto
verkehrs, zur Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten? 

Kupferschmidt: Ich bin da sehr optimistisch. Denn gerade in der Stadt ist es ein Leichtes, aufs Auto zu verzichten. Entfernungen sind kurz, es gibt viele, gut erreichbare Geschäfte in der Stadt. Diese Rahmenbedingung erfüllt Gütersloh mit Bravour. Was noch angepasst werden muss, ist unsere Infrastruktur. Sie wird nach wie vor mit der Autobrille geplant, Rad und Fuß werden nur am Rande berücksichtigt. Man braucht eine gehörige Portion Mut, das Rad zu nutzen oder zu Fuß zu gehen. Aber wir haben eine einzigartig aktive Bürgerschaft in Gütersloh. Da wird viel ehrenamtliche Arbeit ins Stadtleben eingebracht. Das ist ein Riesenpotenzial. Das begründet Lebensqualität. Stellen Sie sich nun mal Freitag 18 ohne dröhnende Autos und zugeparkte Seite vor. Oder ein Ende der nächtlichen Autorennen auf unseren Straßen.

Gramlich: Wir fordern, dass der Radschnellweg nach Bielefeld jetzt endlich gebaut wird. Einen vierspurigen Ausbau der B61 lehnen wir ab. Wir fordern die Abschaffung der Unfälle! Wussten Sie, dass 80% aller Unfälle in Gütersloh zwischen einem Radfahrenden und einem Auto auf den Radwegen geschieht? Ein Standardunfall ist der Rechtsabbieger. Es ist erwiesen, dass Radfahrer auf der Fahrbahn sicherer sind, als auf dem Radweg. Die Radwege in Gütersloh sind gefährlich. Stellen Sie sich mal vor, wir würden im Bereich zwischen Bahnlinie und B61 den Autoverkehr weitgehend zurückdrängen. Auf einen Schlag hätten wir über 150 Radunfälle pro Jahr weniger. Wir nehmen die Unfälle nicht hin, sie sind durch Strukturen verursacht, die wir ändern können. Das Beispiel Kahlertstraße hat gezeigt: Die Autofahrer haben die Fahrradsymbole und die Schilder gesehen und sie fuhren automatisch aufmerksamer, langsamer und rücksichtsvoller: Kein Bedrängen, kein Hupen mehr!

Fiedrich: Die Erfahrung ist: Wenn wir Fahrradfahren, Zufußgehen und den ÖPNV fördern wollen, dann müssen sie auf der Straße gleichberechtigt sein und Radfahrer müssen an Knotenpunkten Vorrang haben. Tempo 30 muss zudem zum Stadttempo der Zukunft werden – überall.


Glauben Sie, dass die Forderung nach einer autofreien Innenstadt heute mehrheitsfähig ist?

Gramlich: Wenn wir es richtig machen, ja. Mit dem Auto soll man überall hinkommen, aber nicht durch die Stadt quer durchfahren können, also nur rein in ein Viertel und wieder raus und außen herum in ein weiteres Viertel. Radfahrende und zu Fußgehende sollten das Recht auf die kürzesten Wege haben. Das verringert Lärm, Abgase und die Unfallgefahr und macht die Stadt freundlicher. Die Stadtverwaltung sollte mit einem einfachen Verkehrsversuch starten. Da anfangen, wo wir als Stadt alle Rechte und Möglichkeiten haben und nicht da, wo überregionale Institutionen, wie Straßen-NRW, noch mitbestimmen. Mein Vorschlag: Malen wir zum Beispiel die Strenger-, die Moltke- und die Schulstraße rot an und tragen dazu sichtbare Fahrradsymbole auf. Das würde die Wahrnehmung ändern. 

 

Die Straßen werden damit weitgehend zu Fahrradstraßen?

Gramlich: Gütersloh ist fertig gebaut, da kann man keine getrennten, separaten und breiten Radwege mehr anlegen, wie das in Kopenhagen schon vor 30 Jahren angefangen hat. Es geht hier um eine neue Aufteilung der öffentlichen Flächen. Das ist umsetzbar! In der Universitätsstadt Groningen werden mehr als 60 Prozent aller Fahrten mit dem Fahrrad zurückgelegt; bei Fahrten von beziehungsweise zu den Bildungseinrichtungen steigt der Anteil sogar auf mehr als 70 Prozent. Wenn wir sicht- und spürbar die Strukturen für eine wirklich fahrradfreundliche Stadt schaffen, gewinnen wir die Menschen, denn sie können sich wieder sicher fühlen. In Amsterdam fahren die Radler ohne Helm, weil die Strukturen keine Helme erforderlich machen.

Fiedrich: Es geht nicht um Verbote oder Zwänge. Sondern darum, die Dinge positiv zu besetzen. Die Hälfte aller Autofahrten ist kürzer als fünf Kilometer.

Kupferschmidt: Wir haben in Gütersloh wirklich kurze Wege überall hin. Wir brauchen das Auto in der Stadt eigentlich kaum. Und deshalb sollten wir es nach 50 Jahren auch weniger berücksichtigen. Eine Straße muß deshalb nicht Fahrradstraße heißen. Sie sollte einfach wieder Lebensader werden. Statt Raserroute zu sein.

Gramlich: Es gibt so viele gute Beispiele aus anderen Städten. In Baden-Württemberg gilt in vielen Orten an Bundesstraßen nachts Tempo 30 aus Lärmschutzgründen. Innerstädtisch gilt bundesweit Tempo 50. Bei uns dürfen Sie mit Tempo 70 über die B 61 fahren. Wir fordern, dass diese Ausnahmeregelung zurückgenommen wird. Die Lärmgrenzwerte werden nachts an mehreren Stellen an der B61 überschritten. Wussten Sie, das nach der Straßenverkehrsordnung unser Bürgermeister für die Nachtruhe Tempo 30 anordnen könnte?

Fiedrich: Zum Theater, Kino oder zum Einkaufen kann ich auch mit dem Fahrrad fahren. Ich brauche dafür aber sichere und überdachte Abstellmöglichkeiten. Es muss auch möglich sein, dass ich nach 20 Uhr noch bequem mit dem Bus rein oder raus komme. Und im Bedarfsfall auch das Fahrrad mit aufladen kann.

 

Was ist denn mit den Anliegern in der Innenstadt, mit den kranken Menschen, dem Lieferverkehr – und was sagen Sie den Einzelhändlern?

Gramlich: Natürlich sollen die Anlieger ihre Wohnungen weiterhin mit dem Auto anfahren können. Und auch der Lieferverkehr wird nicht abgeschafft, er muss aber klimaneutral organisiert werden. Bis zu 30 Prozent des Autoverkehrs in der Innenstadt sind reine Suchverkehre nach kostenlosen Parkmöglichkeiten. Wir fordern, dass es in der Innenstadt keine kostenlosen, ebenerdigen Parkplätze mehr gibt. Wir wollen die schrittweise Umwandlung dieser Parkplätze in Flächen, die der Öffentlichkeit, den zu Fuß Gehenden und Radfahrenden und den Menschen zum Verweilen zurückgegeben werden: Menschen statt Autos gehört der öffentliche Raum. 

Fiedrich: Über eine Citylogistik-Umschlagstelle – von einem damaligen Umweltdezernenten mal vorgeschlagen! –, die ja bei uns nie zum Zuge kam. Heute könnten unter anderem elektrisch angetriebene Fahrzeuge den Anlieferverkehr von dort übernehmen

Gramlich: Und bei der Angst der Einzelhändler vor dem Verlust der Kunden fällt mir der Bürgermeister von Seoul ein. Er überzeugte die Einzelhändler mit der Frage, welcher Geldbeutel geht schneller an ihren Läden vorbei, der Autofahrer auf der Autobahn, der Fahrradfahrer oder der Fußgänger? 

 

Aber es gibt doch auch Zielverkehre? Bringen Sie den Autofahrer nicht gegen sich auf? Was macht die Familie, die schnell was aus der Stadt holen muss?

Gramlich: Wie machen das alle, die heute kein Auto haben? Vielleicht ein Taxi rufen? Jeder, der ein Fahrrad nutzt, macht gleichzeitig Platz für die, die noch Auto fahren müssen. Es gibt attraktive Alternativen, wir müssen sie nur umsetzen: mehr Platz für die Fahrradfahrer auf den Straßen und Radwegen, Lastenräder-Verleih, flexibleres Busangebot. Es bleibt dabei: Langfristig müssen wir die klimafreundliche Stadt umsetzen. Nehmen Sie einfach mal den Pariser Vertrag und setzen ihn für Gütersloh konkret um. Da ist schon kein Platz mehr für fossile Antriebe. Der Klimawandel duldet keinen Aufschub.

 

Sind Sie nicht, wenn man es realistisch betrachtet, Lichtjahre weiter als die Masse?

Kupferschmidt: Wir sind zu Verkehrsthemen seit Jahrzehnten aktiv, kennen viele andere Kommunen. Die Frage, wie wir unsere Mitmenschen abholen, beschäftigt uns immer. Wir Gütersloher haben eine extreme Lernkurve vor uns. Der Klimawandel fragt uns nicht, ob wir etwas unternehmen wollen oder nicht. Lernen soll aber Spaß machen. Ich denke, klimaneutral zu leben, ist eine tolle, kreative Herausforderung, der wir uns alle positiv stellen können. Schwer ist es nicht, weniger zu verbrauchen.

Gramlich: Wir sind nicht Lichtjahre von anderen entfernt. Umfragen zeigen, 88 Prozent der Bevölkerung will mehr Engagement im Klimaschutz. Uns fehlen noch die mutigen Politiker!

 

Sie weisen viel auf den Masterplan klima-
freundliche Mobilität hin. Steckt da nicht die Lösung in Richtung „Gütersloh wird Fahrradstadt“ drin?

Gramlich: Wenn man das alles umsetzen, also dem Auto Platz wegnehmen und das Fahrradfahren und Zufußgehen leichter machen würde, wären wir tatsächlich weiter. Was uns fehlt, ist ein Mensch in der Verwaltung, der für den Klimaschutz brennt! Wir hoffen jetzt, auf eine glückliche Hand bei der Neubesetzung der leitenden Posten in der Stadtverwaltung. Dann geht auch die Politik mit. Die positiven Ziele müssen deutlich werden. Wie schön wäre es, wenn Gütersloh eine Vorzeigestadt wäre und die Menschen zu uns kommen, weil Gütersloh leise und grün ist, weil es einen Radschnellweg gibt, weil man hier unfallfrei radfahren kann, weil es einfach Spaß macht, bei uns unterwegs zu sein. Macht aus Gütersloh die fahrradfreundlichste Stadt in Ostwestfalen – das wäre ein Ziel, das die ganze Stadt mitziehen könnte!

Fiedrich: Es fehlt ja die Koordination im Rathaus. Ein schlechtes Beispiel ist das Neubaugebiet in Pavenstädt! Dort gibt es keine sinnvolle, klimafreundliche Verkehrsplanung angesichts der neuen Wohnflächen mit zwei Kindergärten und einer Schule. Das ist schlicht vergessen, schlecht geplant worden.

Kupferschmidt: Man muß aufpassen, dass man sich nicht in kleinklein verheddert. Eigentlich müsste die Förderung des Rad- und Fußverkehrs eine Stabsstelle beim Bürgermeister sein, und dem Rat berichten.


Bedeutet das eine wachsende Mobilität in Gütersloh?

Gramlich: Nein, der Ansatz ist falsch. Mobilität wächst nicht. Statistisch gesehen macht der Bürger cirka 3,5 Wege pro Tag, und das weltweit und schon seit vielen Jahren. Die Mobilität des Einzelnen wächst nicht, sie wächst nur mit der Einwohnerzahl. Mit jedem Weg wird eine Entscheidung über ein Verkehrsmittel gefällt. Und da bestimmen Strukturen das Verhalten. Aber wer Autostraßen baut oder verbreitert, darf sich nicht wundern, wenn die Menschen das annehmen und dadurch die Wege länger und immer länger werden. Für die Mobilität wurde früher und heute im Schnitt eine Stunde verbraucht, das hat sich nicht geändert, nur die Wege sind unglaublich viel weiter geworden. Die Frage ist: Welche Konsequenz ziehen wir daraus? Wie können wir die Stadt so gestalten, dass ich das, was ich brauche, um die Ecke finde? Darum geht es auch bei der Planung einer konsequent klimafreundlichen 

Stadt, einer Stadt der kurzen Wege, die fast ganz ohne Autos auskommt.


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