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Anzeige: EinJahrhundertProjekt

Im Kaiserreich geplant, im 1. Weltkrieg als Gefangenenlager und Lazarett genutzt, begann die Heilanstalt im Jahr 1919 mit der Behandlung psychisch kranker Menschen“, heißt es in der Einladung zur Eröffnung der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des LWL-Klinikums. Über das ganze Jahr verteilt lädt die Klinik auf dem weitläufigen Parkgelände zu verschiedenen Veranstaltungen mit Vorträgen, Ausstellungen, Kongressen, aber auch mit Festen und einem Tag der offenen Tür ein.
Damit möchte das moderne Behandlungszentrum für psychiatrische, psychosomatische, internistische und neurologische Erkrankungen Einblick in seine wegweisende, aber auch wechselvolle Geschichte geben. Bereits in der Weimarer Republik war die damalige Heil- und Pflegeanstalt das Versorgungszentrum für psychisch erkrankte Menschen im Einzugsgebiet des heutigen OWL. Über 1.000 Patienten wurden in Gütersloh behandelt. Hier durchgeführte Behandlungsmethoden führten zu weltweiter Beachtung und Nachahmung. Was genau es damit auf sich hat, weiß Professor Dr. Klaus-Thomas Kronmüller, seit 2010 ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums in Gütersloh. In einem Gespräch gibt er Einblicke in die Historie und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Revolutionäre Ansätze und dunkle Kapitel
„Gründer Hermann Simon plante die Klinik in einem damals neuen Pavillonsystem mit kleinen Hauseinheiten in einem parkähnlichen Umfeld“, beginnt Kronmüller. Das stand im krassen Gegensatz zu den damals üblichen Großkliniken. „Dahinter stand die Idee, dass die umgebende Natur und das familiäre Umfeld den Patienten Struktur geben sollte.“ Als Befürworter der Arbeitstherapie bekannt, setzte Simon hier das Konzept der aktiveren Krankenbehandlung um. In Zeiten, in denen psychisch kranke Menschen oftmals einfach nur in Betten verwahrt wurden, kam das einer Art Revolution gleich. „Diese veraltete Struktur der Krankenversorgung ist Teil des Problems“, urteilte Simon damals. In Gütersloh verfolgte er den sozialpsychiatrischen Ansatz, Patienten mit einfachen Arbeiten in der klinikeigenen Land- und Hauswirtschaft zu beschäftigten – eine Therapie, die international aufhorchen ließ. Eine unrühmliche Zeit erfasste Kliniken wie die Gütersloher Heil- und Pflegeanstalt während des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten. Allein von hier aus wurden 1.017 Patienten zur Ermordung deportiert. Ein Mahnmal auf dem Gelände erinnert an sie und auch eine Ausstellung setzt sich ab September mit der Ausgrenzung und Vernichtung kranker und behinderter Menschen im Nationalsozialismus aus-
einander.

Aufbruch in die moderne Psychiatrie
Ein Neuanfang nach diesem katastrophalen Kapitel war nötig und begann letztendlich mit der Entdeckung der Psychopharmaka in den 60er-Jahren – sie revolutionierte die Psychiatrie nachhaltig. Die Medikamente stabilisierten Patienten mit psychischen Problemen; die Behandlungszeiten in der Klinik wurden dadurch wesentlich verkürzt. „Jetzt war es möglich, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von fünf Jahren auf 20 Tage zu senken“, erklärt der Professor. Selbst Langzeitpatienten mussten nicht mehr ihr ganzes Leben im geschützten Bereich verbringen, sondern konnten an der Gesellschaft teilnehmen. Auf Beschluss einer Enquetekommission von 1975 sollte eine Reform dafür sorgen, sie in die umliegenden Gemeinden einzugliedern. Es war die Zeit der Enthospitalisierung, die Professor Dörner ab 1980 in Gütersloh vorantrieb, und sie betraf mehr als 400 chronisch kranke Patienten. Die gleichzeitige Installierung von Vereinen wie Daheim, Komet oder Zirkel sorgt bis heute für ihre Betreuung und Eingliederung. Bald schon wurden 20 Stationen auf dem Gelände geschlossen. Im nächsten Schritt übernahmen neue Kliniken die Versorgung psychisch kranker Menschen in ihren eigenen Gemeinden, so dass sich die hiesige Klinik im stationären Bereich immer stärker verkleinerte und sich nun auf teilstationäre und ambulante Behandlungen konzentrieren konnte.

Modernes Behandlungszentrum für alle Störungen
„Heute sind wir eine gemeindenahe Psychiatrie mit Angeboten für alle Störungen“, resümiert Professor Dr. Kronmüller. Dazu gehören neben der allgemeinen und Gerontopsychiatrie sowie entsprechender Psychotherapie auch die Suchtmedizin, die Innere Medizin und die Neurologie. Neben dem Ausbau der Psychosomatischen Medizin kam vor einiger Zeit auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie hinzu. Im Vergleich zur Vergangenheit hat sich also viel getan: „Seit ungefähr fünf Jahren behandeln wir mehr Patienten ambulant als stationär.“

Gleichstellung körperlich und psychisch Kranker
Mittlerweile werden körperlich und psychisch Kranke hier gemeinsam behandelt. Die Gleichstellung war ebenfalls eine Empfehlung der Enquetekommission von 1975 und ist auch für Kronmüller ein wichtiges Anliegen. „Es gibt immer noch große Vorbehalte gegenüber der Psychiatrie“, so der ärztliche Direktor weiter. „Die Psychiatrie hat sich in den Köpfen der Menschen zwar verändert, aber nicht so sehr, wie sie sich selbst verändert hat. Und deshalb versuchen wir auch zu vermitteln, dass viele Vorstellungen veraltet und falsch sind.“ Um das zu ändern, geht die Klinik jetzt verstärkt an die Öffentlichkeit. Bereits 2011 gründete sie das Bündnis gegen Depression, verbunden mit den drei Hauptaussagen: Depression kann jeden treffen, Depression hat viele Gesichter und Depression ist behandelbar. „Besonders letzteres ist wichtig, weil nach wie vor die Meinung vorherrscht, dass man bei psychischen Problemen nicht viel machen kann, doch das stimmt nicht.“ So trauen sich Erkrankte vielfach immer noch nicht, sich behandeln zu lassen. „Wer will schon gerne sagen müssen: Ich bin psychisch krank.“ Was also ist zu tun?

Psychische Gesundheit im Mittelpunkt der Prävention
„Psychiatrie in Gütersloh – EinJahrhundertProjekt“ lautet das Motto zum Fest. Und das wird auch so weitergehen, denn Professor Kronmüller hat eine ganze Menge Visionen zur künftigen Entwicklung parat. „Wir haben noch viel vor in den nächsten hundert Jahren“, sagt er und wagt einen Ausblick in die Zukunft: „Psychische Erkrankungen sind sehr häufig. Mindestens jeder Vierte hat im Laufe seines Lebens eine Depression. Deshalb ist die psychische Gesundheit Bestandteil unserer Präventionsarbeit.“ Und genau die finde in der Öffentlichkeit statt: „Wir wissen, dass Arbeitslosigkeit eine besondere Belastung darstellt und bieten psychiatrische Prävention mit dem Arbeitsamt an. Wir arbeiten mit den Jugendämtern zusammen, weil Kinder psychisch kranker Eltern besonders betroffen sein können. Mit dem Projekt „Demenzfreundliches Krankenhaus“ geht es uns auch um die Frage künftiger Lebensformen für ältere Menschen.“ Und es gibt die „Woche der seelischen Gesundheit“. „Mehr Zeit für sich“, „Genuss“ und „Achtsamkeit“ sind hier die Begriffe, die im Mittelpunkt zur Prävention psychischer Erkrankungen stehen.

Integration und Pflege sind Topthemen
„Letztendlich wissen wir, dass sich die Psychiatrie künftig sehr verändern wird. So setzen wir verstärkt auf die Akademisierung der Pflege“, so Kronmüller weiter. Bereits jetzt nimmt sie die größte Berufsgruppe im LWL-Klinikum ein. Interdisziplinäre Arbeitsweisen von Ärzten, Pflegekräften und anderen Berufsgruppen sind also das Topthema der Zukunft. So wurden gerade zwei Professoren in der Pflege eingestellt. „Darüber hinaus werden wir das Klinikgelände in eine Neubaustruktur überführen, so dass sich in den Altbauten immer mehr Fremdfirmen ansiedeln können“, so der ärztliche Direktor über die für ihn so wichtige weiterführende Integration der Klinik in die Gemeinde. „Im Zuge dessen wird auf dem Gelände auch ein Zentrum entstehen, in dem sich Bürger und Betroffene über psychische Gesundheit und ihre Störungen informieren können. All das sorgt dafür, dass hier mehr Begegnung stattfindet.“
Alle Ausstellungen, Vorträge und sonstigen Aktivitäten im Jubiläumsjahr gibt es in Kürze auf der LWL-Website.

Eröffnungsveranstaltung,
5. April, 15 - 17 Uhr,
Aula der Bernhard-Salzmann-Klinik