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Westheider trifft Dr. Gerhard Nübel und Bärbel Täckelnburg. (Foto: Florian Sädler)

In seiner Welt abholen

Bärbel Täckelnburg leitet das Seniorenzentrum Gütersloh am Bachschemm. Dr. Gerhard Nübel ist als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und klinische Geriatrie Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Kreis Gütersloh. Beide verfügen über langjährige Erfahrungen mit Demenzkranken. Im Gespräch mit Rolf Westheider zeigen sie Wege auf, wie ein Leben mit der Krankheit dennoch erfüllend sein kann.

Herr Dr. Nübel, das Thema Alzheimer bewegt die Menschen ganz massiv, für viele ist es ein Schreckgespenst. Im vergangenen Jahr ist es auch im Kino angekommen. An Til Schweigers Tragikomödie „Honig im Kopf“ scheiden sich die Geister. Wie beurteilen Sie den Film aus fachlicher Sicht?

Der Film ermöglicht einem breiten Publikum von Jung bis Alt, sich diesem Thema zu nähern. Er erzählt auf emotional anregende Weise den Verlauf einer Demenz, die Hilflosigkeit der Angehörigen, aber auch die Möglichkeiten des Umgangs mit der Erkrankung. Er zeigt wie einfach der gute Umgang mit dem Erkrankten sein kann und zwar über Gefühle. Das gelingt der Enkeltochter hervorragend und ist beispielhaft. Der Film lebt natürlich von cineastischen Überzeichnungen. Von allen Filmen, die ich bisher zu dem Thema gesehen habe, ist er der Beste.

Frau Täckelnburg, je mehr über Verbreitung, Erscheinungen und Verläufe von Demenzerkrankungen bekannt wird, desto größer ist die Furcht des Einzelnen, selbst einmal davon betroffen zu sein. In Ihrem beruflichen Alltag im Umgang mit alten Menschen haben Sie viele Erscheinungsweisen und Krankheitsbilder kennengelernt. Lassen sich erste sichere Anzeichen von Demenz zweifelsfrei erkennen?

„Zweifelsfrei“ ist genau das Problem: Es gibt viele Unterformen der Demenzerkrankung, die unterschiedliche medizinische Ursachen haben, zum Beispiel eine vaskuläre Demenz, hervorgerufen durch neurologische und koronale Erkrankungen. Auch Stoffwechselerkrankungen wie Schilddrüsenfehlfunktionen und Diabetes können „Verwirrtheitszustände“ hervorrufen, ebenso wie nicht kompatible Medikationen. Eine Abklärung bei fachkompetenten Ärzten ist für eine Diagnose notwendig.

Mehr denn je wird im Gesundheitswesen auf Prävention gesetzt, denn die besten Krankheiten kommen erst gar nicht zustande. Herr Dr. Nübel, worauf ist beim Gesundheits-Check besonders zu achten und welche Präventions-Tipps können Sie geben, um eine Demenzerkrankung zu verhindern?

Erlernen Sie ein Musikinstrument und musizieren Sie mit anderen. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass nicht nur Bewegung, sozialer Kontakt sondern in ganz besonderer Weise das Musizieren unsere kognitiven Fähigkeiten fördert und vor Alzheimer schützt. Des Weiteren beugen Bewegung und Tanz extrem dem Voranschreiten einer Demenzerkrankung vor. Deshalb unterstützt und beteiligt sich die Alzheimer Gesellschaft Gütersloh bei den Projekten „Wir tanzen wieder“ und „Sport für Menschen mit Demenz“
Ein kleiner persönlicher Tipp von mir: Jonglieren Sie täglich zehn bis 15 Minuten mit handelsüblichen Jonglierbällen, und wenn es nur zwei sind. Das steigert sehr effektiv die kognitive Hirnleistung.

Im Unterschied zu anderen Erkrankungen sind Angehörige, Freunde und Nachbarn mit betroffen. Verhaltensunterschiede werden als irritierend wahrgenommen. Frau Täckelnburg, wie kann man Menschen im unmittelbaren sozialen Umfeld von Demenzkranken auf die schwierige Situation vorbereiten?

In der beginnenden Demenz neigen Menschen dazu, sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen, denn sie spüren den Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten, sind im Alltagsgeschehen überfordert und haben häufig permanente innere Unruhezustände. Leben die Betroffenen in familiären Strukturen, so bieten die täglichen Rituale länger Halt und Sicherheit. Durch die soziale Eingebundenheit kann auch zeitnah ein medizinisches und therapeutisches Eingreifen geschehen. Wenn die Diagnose einer Demenzerkrankung feststeht, gibt es z.B. die Möglichkeiten der Beratung und Begleitung durch Selbsthilfegruppen und die Gerontopsychiatrische Ambulanz. In unserer Einrichtung bieten wir Angehörigen Unterstützung durch Gespräche, Aufklärung über das krankheitsbedingte „fremde Verhalten“ und die Teilnahme der Angehörigen am Tagesgeschehen des Wohnbereiches. Wichtig ist ein empathisches Zugehen auf beide Seiten – dazu helfen biografische Kenntnisse, um einen Zugang zu ermöglichen.

Herr Dr. Nübel, als Psychotherapeut verfügen Sie über viele Erfahrungen, mit welchen Maßnahmen den Patienten viel Lebensqualität erhalten oder zurückgegeben werden kann. Können Sie Beispiele nennen, die sich besonders bewährt haben? Gibt es auch allgemein gültige Rezepte, die Erfolge versprechen?

Ein allgemein gültiges Rezept wäre von mir, den Demenzerkrankten in seiner Welt abzuholen. Wir sollten für ihn einen Lebensraum schaffen, in dem er so sein kann wie er gerade ist. Normalität und Alltag ermöglichen – das ist hilfreich und gibt Lebensqualität. Binden Sie ihre Erkrankten in den Lebensalltag ein, gehen Sie mit ihnen tanzen, auf den Markt, unternehmen Sie Ausflüge und fahren Sie gemeinsam Rad, so oft es geht und wann es auch geht. Ein Tipp von mir, besuchen Sie unser „Alzheimer Café“ und trinken gemeinsam Kaffee, sprechen sie mit Betroffenen, tauschen Sie sich aus.

Oft scheint eine Heimunterbringung ganz unausweichlich. Frau Täckelnburg, gibt es dazu auch Alternativen? Welche Möglichkeiten für Rat und Hilfe sind gegeben, und wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht in der Stadt und im Kreis Gütersloh dar?

Im Kreis und der Stadt Gütersloh verfügen wir über ein sehr differenziertes Versorgungsangebot: Es gibt Haus- und Wohngemeinschaften für Demenzkranke, ebenso natürlich auch stationäre Einrichtungen sowie ambulante psychiatrische Pflegedienste. Zur Entlastung von pflegenden Angehörigen stehen auch Tagespflegeeinrichtungen zur Verfügung. Mit diesen Angeboten liegt der Kreis Gütersloh weit vorn in Deutschland. Um einen Überblick über alle Angebote zu bekommen, empfehle ich die Website des Kreises Gütersloh – www.pflege-gt.

Herr Dr. Nübel, im vergangenen Oktober ist es Ihnen gelungen, den nur alle zwei Jahre tagenden Deutschen Alzheimer-Kongress nach Gütersloh zu holen. Welche besonderen Umstände und Rahmenbedingungen waren dafür maßgeblich?

Maßgeblich dafür waren die Infrastruktur der Stadt, geeignete Räumlichkeiten (Stadthalle) und ausreichend Hotelunterkünfte. Den größten Anreiz bot jedoch die besonders große Vielfalt und Struktur in der Versorgung der psychisch Erkrankten und der Demenzerkrankten. Der Kreis Gütersloh bietet die höchste Anzahl an ambulant betreuten Pflegewohngemeinschaften, Tagespflegen und alternativen Wohnformen. Das findet sich in keinem Kreis wieder. Ferner sind hier bereits Institutionen wie Gerontoambulanz und Konsilliardienst seit Jahren fest etabliert. Andere Träger sind gerade mal auf solche Ideen gekommen. Im Kreis Paderborn gibt es derzeit drei Pflegewohngemeinschaften für Demenzerkrankte. Dank der kommunalen Politik und vieler Menschen aus der Medizin und Pflege ist Gütersloh mit Abstand der Vorreiter im Bereich der Versorgung der Senioren und ihrer Angehörigen. Während des Kongresses in Hanau gelang es mir, Frau Lütz von Hohlbein (Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft) auf die hervorragenden Strukturen im Kreis Gütersloh neugierig zu machen und sie nach Gütersloh einzuladen; wie man gesehen hat, mit großem Erfolg.

Irren ist menschlich, sagt man. Frau Täckelnburg und Herr Dr. Nübel, können Sie mir aus Ihren vielfältigen Patientenbegegnungen jeweils eine Mut machende Geschichte erzählen, die geeignet ist, der Demenz ihren Schrecken zu nehmen?

Im Alltag sind es häufig die spontanen kleinen Bemerkungen und Empfindungen, die einen zum Lächeln bringen: Eine alte Dame in unserem Haus sagte zu einer Mitarbeiterin „Erika, was hast Du eigentlich für eine Funktion hier? Du bist doch hier die Mutter von allen!“ Die Mitarbeiterin heißt übrigens Nicole.
Oder ein anderes Beispiel: Wir bilden zurzeit vier junge Menschen aus Spanien zu examinierten Altenpflegern aus. Beim ersten Kontakt im gerontopsychiatrischen Wohnbereich waren zwei der Auszubildenden sehr befangen. Ihre deutschen Sprachkenntnisse sind noch gering und dennoch gab es ein angeregtes Gespräch zwischen einer Bewohnerin und den beiden. Inhaltlich konnte ich dem Gespräch nicht folgen. Dagegen war die alte Dame sehr zufrieden und verabschiedete sich lächelnd.

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