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PLUS DEIN ZUHAUSE: Missverständnis Barrierefreiheit

Barrierefrei Bauen und Renovieren ist nicht erst im Alter sinnvoll

Barrierefrei ist so ein Begriff, den man gerne vor sich hinschiebt, wenn er einen nicht betrifft. So wird er auch meistens als senioren- oder behindertengerecht verstanden. Dabei ist eine barrierefreie Immobilie gerade aufgrund der optimierten Platzverhältnisse sehr komfortabel. Gleichzeitig verringert sich das Unfallrisiko für kleine Kinder und Besucher mit eingeschränkter Mobilität haben in solchen Wohnungen vor allem eins: Bewegungsfreiheit für Rollator oder Rollstuhl. Und sollte einmal ein Beinbruch oder eine Muskelzerrung die Eigenheimbesitzer aus der gewohnten Mobilität katapultieren, finden sie zuhause barrierefreie Wege.

Prävention hat nichts mit dem Alter zu tun und auch nicht mit den berühmten zwei Zentimetern“, sagen Friederike Hegemann und Thomas Krüger, beide Wohnberater der AWO. Was es mit den zwei Zentimetern auf sich hat, dazu kommen wir später – doch zunächst einmal Grundsätzliches: „Wer seine vier Wände energetisch modernisieren will, tut gut daran, dabei auch an das barrierefreie Wohnen zu denken“, erklären die Spezialisten weiter. Denn beide Maßnahmen lassen sich gut miteinander kombinieren und sind generationsübergreifend eine gute Investition in die Zukunft. Zudem werden sie oft vom Staat gefördert.
GT-INFO Redakteurin Birgit Compin hat beide zu einem Gespräch getroffen.

Worauf sollte man achten, wenn man einen Neubau plant oder ein vorhandenes Eigentum barrierefrei umgestalten möchte?
THOMAS KRÜGER: Wer heutzutage baut und die Barrierefreiheit in seinen eigenen vier Wänden berücksichtigen möchte, hat kaum Mehrkosten zu erwarten. In dem Bereich gehört heute vieles zum Standard. Wenn man allerdings Eigentum renovieren möchte, sieht das ganz anders aus, denn die Umbaumaßnahmen können unterschiedlich viel kosten.

Welche Bereiche müssen besonders gut durchdacht werden?
FRIEDERIKE HEGEMANN: Dazu gehören sicherlich die Bäder, die früher sehr schmal gebaut wurden. Da fallen schnell umfangreiche Baumaßnahmen an. Beim Neubau sollte man darauf achten, dass der Raum entsprechende Bewegungsflächen hat, die für Rollator oder Rollstuhl geeignet sind. Breitere Türen sind natürlich eine Voraussetzung. Sie waren früher sehr teuer, das ist aber heutzutage nicht mehr der Fall.

Was genau bedeutet Barrierefreiheit?
THOMAS KRÜGER: Eine gute Frage und gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn wir zum Beispiel Wohnungen begutachten, die vor längerer Zeit barrierefrei errichtet wurden, müssen wir oft feststellen, dass Barrierefreiheit nicht unbedingt auch barrierefrei bedeuten muss.
Sie sind zwar nach bestimmten Standards und Vorgaben errichtet worden, die eine Wohnraumförderung rechtfertigen. Doch das können auch ein barrierefreier Zugang und Aufzug im Haus sein. Vermutlich verfügt dann auch das Bad über eine barrierefreie Dusche, aber der Balkon hat nicht selten eine Schwelle, die sieben Zentimeter hoch ist und über die man mit einem Rollator nicht fahren kann.

... und das ist für mein Empfinden eben nicht barrierefrei.
FRIEDERIKE HEGEMANN: Die Wohnungen können trotzdem als barrierefrei bezeichnet werden. Das heißt, sie erfüllten zumindest zu dem Zeitpunkt des Baus oder der Renovierung die Vorgaben der Landesbauordnung NRW. Und zwar so, dass es für eine entsprechende Förderung ausreichte. Allerdings wird die Verordnung auch immer wieder angepasst.

Was sieht die Landesbauordnung NRW aktuell als Schwelle vor?
THOMAS KRÜGER: Aktuell gilt eine Schwelle von zwei Zentimetern als barrierefrei. Man sagt, das ist eine so geringe Schwelle, die gerade noch zugelassen ist, wenn es bautechnisch nicht anders zu lösen ist. Das ist ja immer das Dilemma mit den Normen. So müssen Balkon oder Terrasse aufgrund einer sogenannten Bauwerksabdichtung eine Schwelle haben, damit das Wasser von außen nicht ins Gebäude fließen kann. Das beißt sich natürlich mit der DIN-Norm für die Barrierefreiheit.

Würden Sie persönlich sagen, dass eine Schwelle von zwei Zentimetern barrierefrei ist oder eher eine Behinderung?
FRIEDERIKE HEGEMANN: Natürlich müsste das Maß der Schwelle grundsätzlich Null Zentimeter betragen und die Forderung steht schon seit langem im Raum. Eben weil wir auch oft genug erlebt haben, dass gerade für ältere Menschen zwei Zentimeter eine unglaubliche Hürde darstellen können.

Wenn sich also ständig etwas in der Verordnung ändern kann, sollte man dann nicht gleich von der bestmöglichen Barrierefreiheit ausgehen, wenn man schon renoviert oder baut?
THOMAS KRÜGER: Natürlich. Und es gibt viele Bereiche, in denen man genau hinschauen sollte. Wenn ich mir eine Eigentumswohnung in einem Mehrfamilienhaus kaufe, achte ich vielleicht auf den Aufzug, aber nicht unbedingt auf die Wohnung. Wenn ich aber später mal auf einen Rollstuhl angewiesen bin, fehlen mir dafür vielleicht die Bewegungsflächen in der Küche, weil die Küchenzeilen teilweise sehr schmal und off en angelegt sind. Und selbst wenn man nur einen Rollator in der Wohnung benötigen sollte, muss man auf die entsprechenden Bewegungsflächen achten. Auch der eigene Flurbereich sollte nicht außeracht gelassen werden und so gestaltet sein, dass ein Rollstuhl dort Platz hat.

Welche Fördermittel gibt es?
THOMAS KRÜGER: Die KfW-Bank (Kreditanstalt für Wiederaufbau) bietet zumeist Kreditvarianten, aber auch Zuschüsse für den barrierefreien Um- oder Anbau an. Das Zuschussprogramm 455-B ist aus Bundesmitteln aufgelegt – aber leider gerade ausgeschöpft. Menschen ohne Einschränkung müssen zum jetzigen Zeitpunkt warten, bis weitere Fördermittel vom Bund an die KfW-Bank bewilligt werden. Menschen mit einem Pflegegrad können aber über ihre Pflegekasse einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro bekommen.

Was erleben Sie in ihrem täglichen Berufsalltag?
FRIEDERIKE HEGEMANN: Wir beraten flächendeckend für den gesamten Kreis Gütersloh. Zum einen rufen uns Menschen mit Behinderungen an. Dann werden wir eingeladen und schauen uns dann die Gegebenheiten vor Ort an. In manchen Fällen werden wir auch von den Pflegeversicherungen zu Personen geschickt, wenn sie Zuschüsse für die nötigen Maßnahmen erhalten. Dann schauen wir uns die Wohnung genau an, begutachten, ob es Stolperfallen gibt und welche Umbaumaßnahmen, entsprechend der Behinderung, sinnvoll sind. Wir begleiten auch die ausführenden Maßnahmen und prüfen die Kostenvoranschläge.

Können Sie auch Menschen anrufen, die eine Beratung für ein barrierefreies Bauvorhaben möchten?
FRIEDERIKE HEGEMANN: Auf jeden Fall. Uns kann jeder anrufen, der Umbaumaßnahmen plant. Wir beraten immer gerne und auch hier schauen wir uns natürlich auch die Kostenvoranschläge an, wenn man das möchte. Es ist ja so, dass die meisten Menschen schon gewisse Vorstellungen haben, welche Bereiche sie barrierefrei umgestalten wollen. Wenn wir das wissen, können wir ihnen auch im ersten Gespräch
einige Beispiele zeigen.
THOMAS KRÜGER: Wir hatten auch schon den Fall, dass eine Tochter ihre Eltern in der Nähe haben wollte und eine Wohnung für sie suchte.
In dem Fall haben wir auch schon die Planungen begleitet und darauf geachtet, dass alles rollstuhlgerecht ausgelegt ist.

Was kostet Ihre Beratung?
THOMAS KRÜGER: Das ist das Schöne, denn sie ist kostenlos, aber wir hoffen, nicht umsonst! Getragen wird die Arbeit der Beratungsstelle durch die Pflegeversicherung und die Kreise und Kommunen. Das heißt: Nicht nur Menschen mit einem Pflegegrad, auch wer keine körperlichen Einschränkungen hat, erhält unsere Beratung kostenlos, denn sie ist ja auch präventiv zu sehen.

Text:GT-INFO Redakteurin Birgit Compin 

Fotos: Antoine Jerji
Friederike Hegemann (links) und Thomas Krüger.


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