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Sport: Kniebeugen, Bankdrücken, Kreuzheben …

Schwerathletik

Die Medaillenflut an der Wand ist beeindruckend. Fein säuberlich nebeneinander aufgereiht hängen 30 Siegesbezeugungen. Einige tragen das Emblem eines Kreuzhebers, andere das Zeichen des stilisierten Strongman. Szymon Peplinski (28) verschwendet momentan keinen Gedanken an die Trophäenwand. Das Muskelpaket ist im Tunnel.

Während aus der kleinen Musikanlage lautstark die Bässe eines Deutsch-Rappers erschallen, bestreitet der dreifache polnische und deutsche Meister im Strongman in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm
gerade sein Aufwärmprogramm. 190 Kilogramm sind auf beiden Seiten der Langhantel verteilt. Nach dem Anlegen des zur Schonung und Stützung der Wirbelsäule dienenden Gewichtheber-Gürtels geht Szymon in die Hocke, bläst die Backen auf, atmet zwei-, dreimal durch, ehe er die Stange auf Rumpfhöhe hochzieht, dort wenige Sekunden mit vor Anstrengung hochrotem Kopf hält, ehe das Gewicht mit leichtem Poltern wieder auf dem gepolsterten Untergrund aufgesetzt wird. Nach fünf Wiederholungen ist Timo Lieder (28) an der Reihe. Der 28-Jährige startet beim Kreuzheben an diesem Vormittag zum Warmwerden mit 200 Kilogramm. Angesichts seiner Bestleistung von 270 Kilogramm wirkt der Anfangswert tatsächlich fast so leicht wie ein Sack Federn. Dennoch muss auch Timo Lieder kämpfen: „Dafür sind wir hier. Wir wollen doch alle große Bizeps bekommen“, stellt der Mann mit den Schweißband vor der Stirn anschließend fest. Szymon Peplinksi widmet sich unterdessen spezifi schen Strongman- Übungen. Beim Sandsacktragen rennt er mit 80 Kilogramm auf den Schultern einige Male eine kleine Straße herauf- und herunter. Auch den 280 Kilogramm schweren großen Traktorreifen mehrmals zu wenden, scheint für ihn nur eine Fingerübung. Die während des Vorganges an den Halsseiten auftretenden Adern sowie die sich anschließend auf dem Rücken des weißen Trainingsshirts abzeichnenden dunklen Flecken verraten indes: Das vermeintliche „Kinderspiel“ ist das Ergebnis langjähriger, harter Arbeit, unzähliger Trainingsstunden, literweise vergossenem Schweiß nebst eines dazugehörigen ausgeklügelten Trainingsplans. Geschrieben hat ihn der Kollege Timo Lieder. Lieder ist in Personalunion Initiator, Gründer, 1. Vorsitzender, Macher, Dreh- und Angelpunkt der vermutlich jüngsten, gleichwohl kräftigsten Gütersloher Sportgruppe. Erst 2018 erblickte der Gütersloher Schwerathletik-Verein das Licht der Welt.
Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Rahmen des „Bürgertages 2019“ sorgte dennoch kaum eine Abordnung für so viele staunenden Blicke und off ene Münder wie die muskelbepackten Mitglieder im Bundesverband Deutscher Kraft Dreikämpfer (BVDK). Der zur Vereinsgründung führende Gedanke ist schnell erklärt: Nachdem ihnen das jahrelange Gewichtestemmen in Fitnessstudios auf Dauer zu langweilig geworden war, begann eine kleine Gruppe um Timo Lieder mit dem Kraftdreikampf. Hierbei gilt es die drei Disziplinen Kniebeugen, Bankdrücken, Kreuzheben mit jeweils möglichst viel Gewicht zu absolvieren. Anders als bei der ur-schwerathletischen Sportart Gewichtheben wird die Langhantel beim artverwandten Kreuzheben nur
angehoben, nicht mit ausgestreckten Armen durch Reißen oder Stoßen über den Kopf gestemmt. Timo Lieder verdeutlicht eines der prägenden Merkmale im Kraftdreikampf: „Gewichtheben ist Schnellkraft. Bei uns geht es immer um maximale Kraft.“ Anders gelagert sind die Herausforderungen bei den von Vereinsmitgliedern wie Szymon Peplinksi oder Daniel Böker betriebenen Strongmann-Wettkämpfen.
Mit weniger Maximalkraft werden mit dynamischer Kraft Bäumstämme/Fässer gestemmt, Reifen gezogen/gedreht, Gewichtsschlitten gezogen oder wie beim so titulierten Farmers Walk ein kleiner Spaziergang mit bis zu 130 Kilogramm pro Seite (zusammen 260) absolviert.
Um die mit immensem Kraftaufwand/ Krafteinsatz verbundenen Sportarten auch wettkampfmäßig betreiben zu können, waren die Vereinsgründung und das Erschaffen von sportartspezifischen Trainingsmöglichkeiten unabdingbare Grundvoraussetzungen. „Weil“, wie Timo Lieder erklärt, „Fitness-Studios für Kraftdreikämpfer nicht entsprechend ausgerüstet sind“, schufen sich die Schwerathleten in einer kleinen Halle kurz vor der Avenwedder Ortsgrenze eben ein ideales Refugium. Schon die auf dem Symbol am Eingang von den Gewichten durchgebogene Hantel unter dem Schriftzug „Raum der Kraft“ (Room of Strenght) steht sinnbildlich für die drei Kategorien Powerlifting (Kraftdreikampf), Weightlifting (Gewichtheben), Strongman. Auf den 50 Quadratmetern dahinter stehen Seite an Seite gut 20 selbstgebaute Trainingsgeräte. Vier- bis fünfmal pro Woche powert sich ein Teil der Gemeinschaft hier „mindestens zwei Stunden lang“ richtig aus. Daniel Böker: „Hier haben wir alles, was wir brauchen.” Verabredet wird sich meist mit einem oder zwei Tagen Vorlauf über die eigene WhatsApp-Gruppe. Alessandro Morfeo: „Wer Bock hat, schreibt das in die Gruppe. Meistens finden sich schnell zwei, drei Mitstreiter.“ Durch die vielen gemeinsam verbrachten Stunden ist aus der Trainingsgruppe im
„Raum der Kraft“ längst eine verschworene Gemeinschaft geworden. „Wenn man so viel zusammen ist, bleibt das nicht aus", bekräftigt Timo Lieder als emotionaler Anführer der Truppe. Dennoch hat jeder seine persönlichen (Gewichts)-Ziele, die zur Visualisierung für alle sichtbar mit Kreide auf eine Tafel geschrieben werden. „Jeder von uns will so stark wie möglich werden“, umreißt Timo Lieder die gemeinsame Blickrichtung des an diesem Vormittag anwesenden Trainingsquartettes. Im Kraftdreikampf stehen für ihn neben den anfangs erwähnten 270 Kilogramm im Kreuzheben 200 Kilogramm beim Bankdrücken und 262,5 Kilogramm bei Gewicht-Kniebeugen zu Buche. Wie viel Luft noch nach oben ist, zeigt ein Blick auf den Weltrekord. In seiner Gewichtsklasse bis 105 Kilogramm wurden für Laien unglaubliche, fast übermenschliche 340
Kilogramm gestemmt.
Um nicht nur gut, sondern immer besser zu werden, setzt das Grundaufbautraining der Schwerathleten auf mehrere, sorgsam aufeinander abgestimmte Bausteine. Timo Lieder: „Wir ernähren uns gesund, schlafen viel, trainieren progressiv.“ Natürlich seien zwischendurch auch Gaumenfreuden außer der Reihe erlaubt. Der auch schon bei einem von Arnold Schwarzenegger in den USA organisierten Strongman-Wettbewerb gestählte Szymon Peplinski: „Wir essen trotzdem nicht nur Reis und Hühnchen”. Schließlich seien Schwerathleten „keine Bodybilder“. Die zwischen Gewichtsscheiben, Stangen und Trainingsutensilien aufkommende gute Laune verschwindet, sobald das Gespräch auf die Einnahme verbotener Substanzen kommt. Stellvertretend für seine Mitstreiter stellt Timo Lieder fest: „Doping ist bei uns Tabu. Wir bewegen uns alle im Rahmen der Legalität.“ Bei Wettkämpfen werde dies regelmäßig überprüft. Noch perfekter wäre die Welt der Gütersloher Schwerathleten, wenn die zwar idealen – aber doch reichlich beengten Trainingsmöglichkeiten im „Raum der Kraft“ gegen eine größere Fläche eingetauscht werden könnten. Timo Lieder schweben „100 Quadratmeter – so groß wie möglich und noch bezahlbar“ – vor. Ob eine ehemalige Industrie-, Lager- oder Kfz-Halle
beziehungsweise eine leerstehende Scheune ... Egal – Hauptsache, man könne „ein wenig Lärm machen.“ Durch die trainingsmotivierende Musik, das Abstellen der Gewichte bleibe dies trotz der Abpolsterung des Bodens „eben nicht aus.“ Melden dürfen sich auch interessierte Neu- oder Quereinsteiger. Grundsätzlich „kann jeder bei uns mitmachen, der
Lust auf unsere Sportart hat“, bekräftigt die Runde unsiono. Für Neulinge steht vor dem Gewichtestemmen das Erlernen der entsprechenden Technik. Timo Lieder: „Wir wollen schließlich Gutes für unsere Gesundheit und unseren Körper tun.“

Text: Jens Dünhölter, Fotograf und Journalist, stellt für das GT-INFO in dieser Serie Gütersloher Sportvereine vor

Fotos: Jens Dünhölter
Ein Schwerathlet will so stark wie möglich werden




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