RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum | Datenschutz

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.


Sport: Leistungsorientierte Knallerveranstaltung

Faszination Steppen

Die spaßig gemeinte Formulierung „Hier steppt der Bär“ ist die Untertreibung des Jahres, und wird Können und Leistungsvermögen der Sportlerinnen und Sportler nicht einmal ansatzweise gerecht. Am Wochenende 11. und 12. Oktober mutiert die nicht gerade für ihre Tanzwut bekannte Dalkestadt im Rahmen der Deutschen Meisterschaft im Stepptanz für zwei Tage zum Mekka der Ausdruckskünstler.

Die von der Stadt Gütersloh zur Verfügung gestellte Halle Ost nimmt in Vorrunde (Freitag) und Endrunde (Samstag, 14 Uhr bis 22 Uhr)  die stolze Zahl von 510 aus ganz Deutschland angereiste TänzerInnen zum Kampf um Ruhm, Ehre und Titel auf. Den jeweils Erstplatzierten winkt als zusätzlicher Ansporn das Ticket zur Weltmeisterschaft. Wobei dies eine mit der Note 1,0 für den künstlerischen Wert versehene Überleitung zu den wohl prominentesten Teilnehmern im elitären Starterfeld ist. Mit Florian Bowitz (Solo Männer) und Noemi Simon-Couceiro (Duos) stellen sich statt des imaginären Bären zwei äußerst lebendige, amtierende Weltmeister dem Votum der unter anderem aus Slowenien, Großbritannien, der Schweiz und dem Inland angereisten sieben Wertungsrichter. „Ich freue ich riesig, dass Steppen jetzt auch bei uns bekannt gemacht wird. Das ist ein unglaublicher Imagegewinn für die Stadt, für die Fans, aber auch für uns als Ausrichter. Das wird eine leistungsorientierte Knallerveranstaltung“, kann Gabi Neumann (61) vom Ausrichter „Sport & Ballett Neumann“ (SBN) ihre Vorfreude nur schwer im Zaum halten. Für die Vorsitzende des Stadtsportverbandes sowie ihre bei „Sport & Ballett Neumann“ für die Sportart Steppen verantwortliche jüngere Schwester Kathrin Wienströer (57) ist das Privileg der Austragung einer so bedeutenden Veranstaltung so etwas wie ein verspätetes Verbandsgeschenk zum 40-jährigen Jubiläum. 1979 hatte ihre Mutter Margret Neumann die heute an der Carl-Bertelsmann Straße ansässige Bewegungsinstitution im kleinen Rahmen aus der Ballettabteilung des TV Isselhorst heraus gegründet. Mit Gabi Neumanns Tochter Lilli als ausgebildeter Bühnentänzerin sind mittlerweile drei Generationen Neumann-Frauen im Familienbetrieb in den Fachbereichen Ballett, Jazz, Stepptanz, Gymnastik, Aerobic, Theater für Kinder, Jugendliche, Erwachsene sowie im Rahmen der mehrmals jährlich zwischen den verschiedenen Sparten wechselnden Eigenproduktionen im Einsatz. Kathrin Wienströer: Es passt super in unser Jubiläumsjahr.”

Mit der Austragung einer Deutschen Meisterschaft im Stepptanz betreten die vor Energie, Einfällen, kreativer Schaffens- und Tatkraftkraft strotzenden Neumann-Frauen keineswegs Neuland. 2014 prasselte auf SBN als Ausrichter der Norddeutschen-Meisterschaft viel Lob ein. Bereits 14 Jahre früher im Jahre 2000 wurde die Gütersloher Stadthalle ebenfalls unter der SBN-Aegide zum Schauplatz der Deutschen Meisterschaft. Zwischen damals und heute liegen jedoch nicht nur fast zwei Jahrzehnte, sondern tänzerische, künstlerische sowie primär eben auch organisatorische Welten. „2000 war es klein, übersichtlich, fast familiär. Wir hatten 150 Akteure, haben es in einem Tag durchgezogen“, schießen Gabi Neumann ohne Zögern die Bilder der Vergangenheit durch den Kopf. Die heutigen Dimensionen sind eine komplett andere Kategorie. Auf dem fürs Steppen nicht gerade idealen Hallen-Parkett wird eine 14 mal 14 Meter große, mit Treppenaufgang und Lichttraversen ausgestattete, Bühne errichtet. Spezial-Handflächen-Mikrofone übertragen die auf dem mit Nut und Federn verlegten Spanplattenbelag per Fußbewegung erzeugte Töne auf die mit 700 bis 800 Zuschauern sehr gut gefüllte Tribüne. „Es ist eine Deutsche Meisterschaft. Deshalb haben wir wirklich keine Mühen gescheut“ würde die von mehreren der renommiertesten Stepptanzgrößen auf der Welt ausgebildete Stepp-Tanz-Pädagogin Kathrin Wienströer vermutlich am liebsten selbst ihre zur Erzeugung der Musik mit der typischen Stahl-Platte unter der Sohle ausgerüsteten knallroten 300 Euro teuren Spezialschuhe („Das ist der Porsche unter den Schuhen. Ordentliche Exemplare gibt es bereits ab 60 Euro“) ausführen. Da dies als Teil des seit Monaten im Hintergrund die fädenziehenden Schwestern-Duo unmöglich ist, beschränken sich Kathrin und Gabi auf das Coaching der eigenen Leute. Von rund 70 zwischen sechs Jahre jungen und 82-jährigen Immerjungen steppenden Neumann-Eleven nehmen 32 in den vier übergeordneten Wettkampfkategorien Kinder, Jugend, Hauptklasse, Hauptklasse II (Ü 30) den Vergleich mit der nationalen Konkurrenz auf. Jede davon ist wiederum in die jeweils sechs Unterkategorien Solo weiblich, Solo männlich, Duos (gemischt), Trios (gemischt), Gruppen (4 bis 7 Personen) sowie Produktionen (von 25 Personen bis 150 Personen, Tanzsportübergreifend) unterteilt. Insgesamt gilt es, den heimischen Akteuren bei acht von über 90 Starts im Einzelduo, Trio oder als Formation die Daumen zu drücken. Realistisch betrachtet stuft Kathrin Wienströer die Chancen zur WM-Quali  „für sieben von acht als absolut machbar“ ein. Die Ausnahme bilden die Teilnehmer im parallel für Neueinsteiger ausgerichteten Wettbewerb um den „New Star Cup“. Laut Reglement sollen die Novizen im Rahmen der DM lediglich Erfahrung auf großer Bühne, vor voll besetzten Rängen sammeln. Am meisten um den Einzug in die Finalrunde kämpfen müsse laut Einschätzung der beiden Expertinnen mit der 20-jährigen Ivonne „Kiwi“ Rammert in der Kategorie „Solo weiblich Einzel“  ausgerechnet das zusammen mit Katja Brestel (16) beste Pferd im Gütersloher Stepptanzstall. Gabi Neumann : „Die Konkurrenz ist brutal stark. Als Zuschauerin freue ich mich auf die Runde. Das wird total mega spannend“.

Um das gelobte Land in Form der WM zu erreichen, bedarf es analog zu jeder Sportart oder zu jeder Bewegungsform neben eisernem Willen primär enormem Trainingsfleiß. Gemäß des bei SBN seit 40 Jahren gelebten Mottos „nach der DM ist vor der DM“ begannen die Gedankenspiele der Verantwortlichen rund um Stück- und Musikauswahl bereits im Herbst 2018 auf dem Rückweg der Deutschen Meisterschaft. Seit Januar/Februar 2019 wurde der begrenzende äußere Rahmen in Sachen Technik, Musik, Schritten und Kostümen  für die Küren im Solo (2:15 Minuten), Gruppe (3:00), Formationen (4:00) sukzessive verbessert. „Nach den Sommerferien begann die Folter. Da hat das Ausfeilen begonnen“, berichtet Kathrin Wienströer augenzwinkernd vom zwei-, dreimal wöchentlich in ihrem Institut sowie teilweise sonntags in der Isselhorster Gymnastikhalle erfolgten Trainingsalltag. Weil es beim Stepptanz indes nicht nur um den Einsatz der eigenen Füße als Musikinstrument, sondern eben auch um den mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen vermittelten tänzerischen Ausdruck geht, rücken die DM-Starter einmal pro Woche zum Haltungstraining ein.

Die Faszination am Steppen liegt für Kathrin Wienströer in seiner einfachen Erlernbarkeit: „Man kann relativ leicht schöne Sachen machen, die nicht schwer sind“. Häufig genug würden sich vor der Tür zum Steppsaal „dichte Zuschauer-Trauben bilden“. Nach dem Einstieg seien Schwierigkeitsgrad und Schnelligkeit fast keine anatomischen Grenzen gesetzt. Mit unglaublicher Faszination berichtet Gabi Neumann von Video-Filmen der absoluten Top-Stars der Szene: „Es geht so schnell. Da wird einem schon beim Hinsehen schwindelig. Man weiß gar nicht, wie sechs Töne in einer Bewegung funktionieren, aber es geht". Ein weiterer Vorteil sei die Ausübung bis ins hohe Alter. Gabi Neumann: „In anderen tänzerischen Disziplinen ist irgendwann Schluss, weil es nicht mehr ästhetisch aussieht. Beim Steppen gibt es keine Altersgrenze“.

Noch schöner wäre die  momentan strahlend schöne Neumannsche Steppwelt durch eine größere Akzeptanz seitens des männlichen Geschlechtes. In den wöchentlichen Kursen beträgt das Verhältnis von Mädchen/Frauen zu Jungs/Männern 95 : 5. Bei der Deutschen Meisterschaft starten für den Ausrichter ausschließlich Teilnehmerinnen. Gabi Neumann: „Das steckt so in den Köpfen drin: Mädchen tanzen oder steppen, Jungs gehen zum Fußball“. Um als Junge oder Mann in der Öffentlichkeit zum Steppen zu stehen, müsse „man schon sehr gefestigt sein, sonst geht Mann daran kaputt“. Die Deutsche Meisterschaft in der Halle Ost ist eine ideale Gelegenheit, die weit verbreitetet Meinung in die Schublade „antiquierte, nicht mehr zeitgemäße Ansichten“ zu verbannen. Schließlich treffen hier die besten Stepptänzerinnen und Stepptänzer aus ganz Deutschland aufeinander. Den vielzitierte „Bär“ sucht man im Teilnehmerfeld vergeblich. Angesichts des Könnens und Leistungsvermögens der StarterInnen wäre das Tier ohnehin komplett ohne Siegchance. ˜

Text und Fotos: Jens Dünhölter

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.