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Aktuell: Im Wald bei der Kräuterhexe

Von der wilden Kräuterküche und einem Leben mit der Natur

Text: Birgit Compin
Fotos: Detlef Güthenke

Am äußersten Rande von Gütersloh befindet sich ein kleines Refugium, eine zauberhafte Oase, in der man dem Alltag entfliehen kann. Wer sie zum ersten Mal betritt, staunt nicht schlecht – denn man könnte meinen, man sei in einem Land vor unserer Zeit gelandet. In einem verwunschenen Märchenwald. Einen, in dem Faun oder andere Fabelwesen aus den Blumen oder knorrigen Wurzeln klettern. Ein Fleckchen Natur, auf dem das alte Geäst erahnen lässt, dass hier so manch verborgene Kräfte wirken können.

Auf einer Lichtung steht ein wahrgewordenes Hexenhäuschen, und darin wohnt Ulrike, die Kräuterhexe. So wird sie liebevoll genannt, nicht nur in ihrem Freundeskreis, sondern auch von vielen Fremden, die hier ihre Kräuterkurse besucht haben und gern als Freunde wiederkommen. Mit schelmischem Augenzwinkern bedient sie dieses Rollenklischee und geht prompt mit Kräuterkörbchen ins Grüne, um dort die Zutaten für ihre nächste Mahlzeit zu pflücken. Doch es ist ihr ein durchaus ernstes Anliegen, die weisen Kräuterfrauen vergangener Jahrhunderte zu rehabilitieren, „die böswillig als Hexen auf den Scheiterhaufen gestellt wurden“, sagt sie. So führt sie bereits seit Jahren auch ganze Gruppen in die Welt der Kräuter ein und hat viele aus der meist weiblichen Zuhörerschaft zu einem neuen Verständnis der Natur gebracht.

Die Wilde-Kräuter-Frau
Als ich ihren Garten betrete, kommt sie mir entgegen und sagt: „Wir sollten uns duzen, denn wir sind ja vom selben Planeten.“ Und so entsteht ganz schnell eine vertrauensvolle Nähe, die auch schon mal sehr persönlich werden könnte. „Da hast du recht“, sagt die Kräuterfrau neben mir, „bei mir haben schon so manche Menschen ihr Herz ausschütten können“ – und anschließend vermutlich für die bestimmte Lebenslage einen ungewöhnlichen Rat mit nach Hause nehmen können. Doch was hat Ulrike Sprick dazu veranlasst, diesen seltsamen und besonderen Lebensweg eingeschlagen? Und schon sprudelt es aus ihr heraus; sie beginnt zu erzählen, wortreich, humorvoll und tiefgründig. Man kann ihr stundenlang zuhören. Tatsächlich verfliegt die Zeit wie im Flug. „Hier ist ein Zeitloch,“ lacht sie. „Guck nicht auf die Uhr!“ Märchenhaft.

Mit der Liebe zur Natur
Ihre Geschichte allerdings ist handfest und bodenständig. Die Liebe zur Natur wurde ihr schon in die Wiege gelegt, ebenso wie diese besonders zarte Gesundheit. Zu Beginn ihres Lebens stand es 50:50, ob sie es überhaupt schaffen würde. „Doch ich war wild entschlossen – und ich bin zäh!“ Im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass normale Ärzte mit ihren hochsensiblen Symptomen nichts anzufangen wussten, sodass sie sich selbst um die eigene Gesundheit kümmern musste. In einer beschwerdereichen Phase, in der die Schulmedizin nicht weiterwusste, fand sie einen Heilpraktiker, der bei ihr eine Augen-Diagnostik durchführte und ihr kopfschüttelnd sagte: „Wie kann man in Ihrem Alter so zustehen!“ Da war sie noch keine 20 Jahre alt. Endlich fühlte sie sich verstanden und nahm gern seine Therapie mit Kräutertee und pflanzlichen Tabletten an – mit Erfolg! Und das war ihr Wegweiser. Fortan beschäftigte sie sich mit der Kräuterkunde, erarbeitete sich im Laufe der Jahre ein profundes Wissen über die heimische Heilpflanzenwelt und stabilisierte ihr Immunsystem und den empfindlichen Magen. „Dabei schmecken die Magentees aber so scheußlich, dass ich mir manchmal überlegt hab: Trink ich jetzt den bitteren Tee oder habe ich lieber Bauchschmerzen?!“

Die Hexe und der Kater
Da kommt ihr schwarzer Kater maunzend um die Ecke. „Mein diensthabender Kater!“ stellt sie ihn fröhlich vor. „Natürlich muss man als Kräuterhexe auch einen schwarzen Kater haben!“ Ihre Gedanken schweifen mit einem Seufzer in die frühe Kindheit. „Als ich drei Jahre alt war, hatte ich auch ein schwarzes Katerchen. Ich ließ ihn immer von meinem Frühstücks-Butterbrot beißen, meine Eltern fanden das aber gar nicht gut und haben ihn heimlich weggebracht. Das war der erste große Seelenschmerz.“ Freundschaft zu Tieren war ein ihr seit frühester Kindheit ein tiefes Bedürfnis, dafür wagte sie auch was. Mit sechs Jahren schnauzte sie einen alten Bauern an, der seinen erschöpften Ackergaul in der Abenddämmerung heftig mit einer Peitsche zur Arbeit antrieb. Damals riskierte man als Kind noch Prügel für solche „vorlauten Bemerkungen“.

Das wissbegierige Kind
Mit ihrer Empathie konnte sie es auch nicht ertragen, dass Pflanzen auf den Kompost geworfen wurden, die zwar nicht mehr ganz so schön waren, aber noch Blüten und Knospen aufwiesen. Sie rettete diese armen Geschöpfe. Seitdem hat sie den Grünen Daumen. Als sie lesen lernte, verschlang sie alle Märchenbücher, die sie finden konnte. Und siehe da: Bei allen Völkern gab es eine Zeit, in der die Menschen noch die Sprache der Pflanzen und Tiere verstehen konnten, sagt sie. „Bei den Indianern, den Native Americans, besteht diese Weltsicht bis heute fort. Auch andere indigene ‚Naturvölker‘ sehen noch immer die Welt als beseelt, jedenfalls als belebt an. Leider ist dieses Wissen der sogenannten Zivilisation völlig abhanden gekommen. Dadurch benehmen sich die ‚modernen‘ Menschen sehr unzivilisiert und üben in ihrer Habgier – pardon! – in ihrem ungebremsten Ressourcenverbrauch eine permanente Gewalt aus, sei es unwissentlich oder aus verantwortungsloser, nackter Ignoranz dem Rest des Planeten und all seiner Bewohner gegenüber.“

Das Heute kommt nicht von ungefähr
Und dann wagt Ulrike mit mir eine Exkursion in das aktuellste Thema unserer Zeit: Es reiche nicht, über den Klimawandel zu philosophieren und den CO2-Ausstoß reduzieren zu wollen. Davon kaufen sich bloß diejenigen, die es können, wieder mit Geld frei. Und sie zeigt hier eine klare „Kante“: „Die Begriffe Emissionshandel und Verschmutzungsrechte zeigen auf, wie widernatürlich diese monetäre Weltwirtschaft tickt.“ Hier im verwunschenen Wald, wo die Zeit noch anders tickt, geht es um blanke Überzeugungen: „Die Menschen müssen der Natur wieder mit Respekt begegnen und allen Lebewesen das gleiche Existenzrecht zu billigen. Niemand hat das Recht, diesen Planeten zu verschmutzen. Stattdessen sind wir alle gefordert, an der großen Reinigung mitzuwirken, keinen oder möglichst wenig eigenen Müll zu verursachen und den so verantwortungsbewusst zu entsorgen, dass unsere nachfolgenden Generationen dadurch keinen Schaden erleiden. Und jeder Einzelne ist dafür zuständig!“

Echte Zukunftsplanung der Großmütter
Dann berichtet sie noch von der Bewegung der „Internationalen Indigenen Großmütter“, die sagen: „Wir müssen so Entscheidungen treffen und handeln, dass sie für die nachfolgenden sieben Generationen zum Leben dienen.“ „Hey“, sagt sie, „das sind mal eben 200 Jahre! Das ist echte Zukunftsplanung!“ Das bedeutet auch, wo immer es geht, so viele Bäume zu pflanzen wie möglich. Die werden den nachfolgenden Generationen wichtig sein, denn nur die kühlen unser Klima nachhaltig, sorgen für den intakten Wasserkreislauf auf der Erde und für einen fruchtbaren Boden. „Fruchtbares Land muss unter Bestandsschutz gestellt werden, das muss ebenso unantastbar werden wie Naturschutzgebiete!“ Ulrike sieht sich auch als indigene Großmutter, die altes Wissen bewahrt. Dabei hat sie noch viele Ideen, wie man „Mutter Erde“ helfen kann. Doch zurück zum Kräutergarten.

Wilde-Kräuter-Küche für Gourmets
Die Kräuterhexe erzählt, wie sie nach und nach von den Kräutertees zum Kochen kam. „Zunächst fand ich ein Taschenbuch mit dem Titel „Wildgemüse“, in dem viele Wildpflanzen vorgestellt wurden, aber mit derart ruralen Rezepten, dass meine Familie davon überhaupt nichts wissen wollte. Die Kräuter schmeckten zu stark und intensiv. „Aber ich hab nicht aufgegeben: Das muss doch auch in lecker gehen!“, sagte sie sich. Zwar waren ihre vier Kinder lange Zeit skeptisch, immer mal wieder neue Rezepte der experimentierfreudigen Mama als Versuchskaninchen probieren zu müssen, letztlich kam doch verhaltene Zustimmung auf die Frage: „Soll ich das mal wieder kochen?“ Ihre Version einer gehaltvollen vegetarischen Brennnessel-Suppe fand sogar Begeisterung. Ihre Rohkost-Salate reicherte sie manchmal ganz unauffällig mit kleingehackten Wildkräutern an. Und so tastete sie sich über die Jahre an einen Geschmacksreichtum heran, der schließlich in ihre Wildkräuterküche für Gourmets mündete. Damit hat sie bewiesen: Es geht in lecker! Sogar in sehr lecker!

Überlieferte Heil- und Wildkräuterkunde
Inzwischen hatte sich Ulrikes stattlich angewachsene Kräuterbibliothek um Nachdrucke antiker Bücher erweitert, deren althochdeutsche Formulierung auch dem Laien Vergnügen bereiten kann. So fand sie den Hinweis zur Brennessel von Dioskorides, dem griechischen Feldarzt der römischen Kaiser Claudius und Nero: „Nesselsamen, in Wein getrunken, macht ein Begierd zur Unkeuschheit.“ Bei dem Botaniker Otto Brunfels gab es bereits im 16. Jahrhundert weitere interessante Informationen dazu: „Man soll sie mit Eidottern, Pfeffer und Zwiebeln essen, wenn man will eheliche Werk treiben.“ Wen wundert es also, dass Nesselsamen in den Klöstern des Mittelalters verboten waren? Das leuchtete der Kräuterfrau sofort ein. Tatsächlich kräftigt der angenehm nussig schmeckende Nesselsamen die Konstitution, regt alle Körperfunktionen an, fördert die Milchbildung bei stillenden Müttern und hilft gegen Beschwerden in den Wechseljahren, chronische Müdigkeit und Leistungsschwäche. Er ist also für Männlein und Weiblein ein hochaktuelles heimisches Superfood, und – besonders praktisch – man kann ihn preiswert und bequem in Apotheken kaufen!

Expertin für sensible Ernährung
Ach ja, und dann ist da noch die Brennnessel! Allein darüber könnte Ulrike einen ganzen Abend lang sprechen. Das hat sie auch getan, indem sie auf Nachfrage Kräuterabende zu einer bestimmten Pflanze angeboten hat. Mittlerweile hat sich Ulrike zur Expertin für
sensible Ernährung entwickelt, die sie gerne mit Interessierten teilt. Sie ist sicher, dass wir unsere Gesundheit auch maßgeblich über die Ernährung steuern können. „Davon konnten sich schon viele Kursteilnehmer überzeugen, die meine basische Ausgleichskost kennenlernen durften“, erzählt sie.

Zeit für Neues
Wo ihre Workshops im nächsten Frühjahr stattfinden, steht noch ein bisschen in den Sternen: Nach mehr als 40 Jahren im Kräuterkotten wird es Zeit für eine Veränderung und gibt mir zum Schluss noch eine kleine Suchanzeige mit auf den Weg: „Es wäre schön, wenn sich noch ein Ort fände, den ich wiederum zu einem kleinen Paradies gestalten kann.“ So will sie ihr Arbeitsfeld reduzieren und komprimieren. Dafür sucht die Kräuterhexe eine kleinere Wohnung für sich und ihre beiden Kater, mit Zugang ins Grüne, ihrem täglichen Lebenselixier. „Wer mir dabei helfen kann, den möge der Himmel segnen!“ Und ich bin mir sicher, dem wird mit Sicherheit auch ein Workshop für die leckere Kräuterküche versprochen.


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