RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum | Datenschutz

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.


Stadtgespräch: Schwitzen in der Stadt

Christine Lang erklärt, warum es die eine große Lösung nicht gibt

Der Sommer 2019 brachte Sonne satt. Wieder einmal. Schon 2018 schlug der Pegel bei den statistischen Mittelwerten teilweise extrem nach oben. Das wird wohl so bleiben, denn die absehbaren Folgen des Temperaturanstiegs werden trockene Sommer, heftige Niederschläge, mehr Hitzetage und schneearme Winter sein. Die Hitze wird zur Last, besonders für alte oder chronisch kranke Menschen und für kleine Kinder, aber auch für die Natur: Straßenbäume drohen einzugehen, Grünflächen trocknen aus, im Wald besteht erhöhte Brandgefahr. Besonders die Städte sind durch den Inseleffekt von der Sommerhitze betroffen. Gibt es Ideen, wie die Stadt Gütersloh die Aufenthaltsqualität in der City auch bei extremer werdenden Hitzephasen sichern kann? GT-INFO sprach mit Christine Lang, 1. Beigeordnete der Stadt, über mögliche Maßnahmen für Gütersloh.

Interview: Heiner Wichelmann

Frau Lang, die Hitze im zurückliegenden Sommer hat uns alle körperlich und mental belastet. Lebensqualität, Gesundheit und unsere Leistungsfähigkeit werden in den langen Hitze- und Trockenperioden, die zu den Auswirkungen des Klimawandels gehören, spürbar beeinträchtigt. Auch die Stadt Gütersloh beschäftigt sich mit dem Thema. Was kann sie tun, um sich dem Klimawandel anzupassen? Und: Was wissen wir eigentlich genau über die Hitzesituation in Gütersloh?
Zunächst: Der Klimawandel ist ein nationales und internationales Thema, aber wir müssen auch lokal handeln. Vor zwei Jahren gab es einen Antrag der SPD-Ratsfraktion, einen Bericht über Anpassungen an den Klimawandel zu erstellen. Seitdem beschäftigen wir uns intensiv und dezernatsübergreifend damit. Den von den Fachbereichen  Umweltschutz, Ordnung, Feuerwehr, Stadtplanung, Tiefbau und Grünflächen erarbeiteten Bericht haben wir  Ende Mai 2018 den zuständigen Fachausschüssen vorgelegt. Er bildete die Grundlage für einen Workshop im vergangenen Jahr mit Fachvertretern aus Politik und Verwaltung, aber auch mit Sprechern von Umweltvereinen und Verbänden. Dort ist diskutiert worden, was mit welcher Priorisierung zu tun ist. Daraus hat die Verwaltung einen Aktionsplan entwickelt, der in diesem Sommer verabschiedet worden ist. In diesem Aktionsplan ist beschrieben, welche Maßnahmen mit welchem Zeit- und Finanzbudget umgesetzt werden sollen. Für die meisten Punkte sind mittelfristige Termine gesetzt.

Gibt es eigentlich gesichertes aktuelles Datenmaterial?
Für das Stadtklima leider nicht. Deshalb wollen wir unser Stadtklimagutachten von 2004 aktualisieren.

Das Thema ist also schon seit 15 Jahren bekannt?
Mit dem Stadtklima hat man sich auch davor schon beschäftigt, das Thema hat aber jetzt durch den immer spürbareren Klimawandel an Bedeutung gewonnen.

Können wir die große Lösung für die Innenstadt erwarten oder sind nur punktuelle Maßnahmen drin?
Gerade in der Innenstadt sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt, da sie bereits komplett bebaut ist. Uns bleibt nur, punktuell erforderliche Maßnahmen umzusetzen, für Frischluftschneisen beispielsweise können wir ja nicht Privatgebäude abreißen. Die Stadt selber hat kaum noch Freiflächen, die man gestalten könnte. Aber es wird ein Ziel sein, vorhandenes Grün in der Innenstadt zu erhalten, auch wenn es da zu Zielkonflikten mit den Eigentümern kommen kann. Abriss und Neubebauung gehen in der Regel mit größerer Flächenversiegelung einher. Aus alten Gärten mit wertvollem Baumbestand werden größere Bauplätze und Stellplatzanlagen. Die neue gärtnerische Gestaltung beschert uns dann häufig noch den Kiesgarten. Größere Potentiale für eine bauliche Nachverdichtung sehen wir deshalb mehr  in den Außenbezirken.

Ein Bau-Verdichtungsprogramm in der Innenstadt halten Sie für ausgeschlossen?
Nachverdichtung sollte da umgesetzt werden, wo es sinnvoll ist, aber in der engeren Innenstadt sollten wir sehr maßvoll damit umgehen. Da kann mal ein Geschoss aufgestockt werden, aber die Gärten mit altem Baumbestand sollten so bleiben, wie sie sind.

Welche Aussagen waren denn schon im erwähnten Stadtklimagutachten von 2001–2004 signifikant?
Es ist festgestellt worden, dass der Schwerpunkt der Veränderungen in Gütersloh eindeutig in der Innenstadt liegt. Damals hatten sich nächtliche Temperaturerhöhungen um bis zu sechs Grad Celsius gegenüber dem Umland ergeben. Vor allem die Kernstadt zwischen Friedrich-Ebert- und Münsterstraße galt bereits als thermisch hoch belastet. Als mäßig belastet wurden dagegen die Wohnbereiche in Innenstadtnähe eingestuft, wohl wegen ihres großen Baumbestands.

Wann rechnen Sie denn mit den ersten gesicherten Daten nach den jetzt neu erfolgenden Messungen?
Etwa in zwei oder drei Jahren. Ich gehe davon aus, dass die Messkampagne mindestens bis Frühjahr 2021 dauern wird und sich dann die Auswertungs- und Bewertungsphase anschließt.

Was kann die Stadt kurzfristig unternehmen, um die offensichtliche Erhitzung der Innenstadt einzudämmen? Etwa Baumpflanzungen, Beschattungen, Wasserrinnen wie in Freiburg, Dachbegrünungen, Rasen auf dem Kolbeplatz?  
Wir arbeiten bereits in viele Richtungen. Bei der Neu- und Nachpflanzung von Bäumen setzen wir jetzt auf Arten, die eine größere Trockenresistenz haben. Dies sind häufig Arten aus Ländern mit trockeneren Klimabedingungen. Ganz wichtig ist auch, dass die neuen Bäume von vornherein einen ausreichend dimensionierten Wurzelraum erhalten, um eine Überlebenschance zu haben. Die jungen Bäume erhalten jetzt auch einen Gießring, damit die Bewässerung effizienter durchgeführt werden kann und wir bringen einen Weißanstrich auf, der die Sonne mehr reflektiert. Natürlich würden wir gerne noch mehr Bäume pflanzen. Aber es ist nun mal so, dass unter der Straßendecke in aller Regel Leitungen liegen und häufig kein ausreichender Wurzelraum für sinnvolle Baumpflanzungen mehr vorhanden ist. Die Leitungen neu zu verlegen, ist mit hohem Kostenaufwand verbunden. Es ist aber auch nicht sinnvoll und häufig auch nicht möglich, alle Plätze zu bepflanzen. Nehmen Sie zum Beispiel den Kolbeplatz: Bäume können Sie da nicht pflanzen, weil da eine Tiefgarage drunter ist. Auch eine niedrige Bepflanzung oder ein Rasen sind kaum möglich, Im Übrigen: Wir brauchen auch Freiflächen für Veranstaltungen. Eine Stadt muss nun mal unterschiedlichen Anforderungen möglichst gerecht werden. Beispiel Berliner Platz: Wer möchte nicht die schöne Gestaltung während des Gütersloher Frühlings beibehalten? Aber da gibt es auch die Interessen der wöchentlichen Marktbeschicker, des Schinkenmarkts, des Weihnachtsmarkts und anderer.

Sie erwähnten den in diesem Sommer politisch beschlossenen „Maßnahmenplan zur Anpassung an den Klimawandel in Gütersloh“. Was sieht er denn konkret vor?
Das ist natürlich ein ganzes Bündel. Das meiste basiert auf den Ergebnissen des Workshops im August 2018 und teilweise liegen auch bereits Einzelpläne vor. Ein paar Beispiele: Wir wollen innerhalb der nächsten zwei bis fünf Jahre die Grün- und Freiraumentwicklung im Rahmen der Bauleitplanung weiterentwickeln – Stichworte sind hier der Bürgerpark Kattenstroth zwischen Eichenallee und Bertels Weg sowie der Konversionsstandort Mansergh Barracks. Beim Bürgerpark Kattenstroth wird eine Grünfläche erhalten bleiben, eine komplette Bebauung ist ausgeschlossen. Bereits aufgelegt ist ein Förderprogramm Dach- und Fassadenbegrünung und auch die Bepflanzung urbaner Räume mit stadtklimaangepassten Baumarten geschieht schon. Ab 2020 wollen wir ein Konzept für die Oberflächenentsiegelung erstellen und bis 2030 werden wir über das gesamte Stadtgebiet am Regenwassermanagement arbeiten, dazu ist zunächst noch einiges an Grundlagenermittlung zu leisten, die in einen neuen Generalentwässerungsplan münden wird. Am Ende könnte der Bau weiterer Rückhaltebecken stehen und eine teilweise Neudimensionierung des Kanalsystems, um es auf steigende Regenwassermengen auszurichten. Bis 2023 wollen wir zudem einen Notfallplan Hochwasser/Starkregen aufstellen.

Sie rechnen mit Starkregenereignissen?
Der Klimawandel beschert uns nicht nur heiße, trockene Sommer, sondern es ist auch vermehrt mit lokalen Starkregenereignissen zu rechnen. Wir sind in den vergangenen 20 Jahren mehr oder weniger verschont geblieben, aber was passiert, wenn dann wirklich mal eine Gewitterzelle zwei Stunden über Gütersloh kreist?  Reicht die Kapazität unserer Kanalabflüsse? Wo fließt das Wasser hin? Wir haben die Arbeiten an einer Senken- und einer Fließwegeanalyse aufgenommen und am Ende werden wir auf der Grundlage dieser Daten Generalentwässerungspläne erstellen. Wir brauchen wahrscheinlich zusätzliche Retentionsflächen, wie wir sie im Stadtpark mit der Wiesenfläche Meier-Merklinghaus haben. Die kann überflutet werden und dann das Niederschlagswasser langsam an die Dalke abgeben. Außerhalb der Innenstadt haben wir bereits mit der Dalkerenaturierung Senken und Mulden angelegt und können so Hochwasser auffangen.

Zurück zur Sommerhitze in der Innenstadt: Die Möglichkeiten zur Bekühlung bleiben eher begrenzt?
Die Veränderung des Klimas ist eine Tatsache. Die Warmphase kriegen wir nicht mehr weg, wir müssen damit leben. Und ja: Die Möglichkeiten zur Bekühlung der Innenstadt in der Hitzephase bleiben begrenzt. Die Stadt hat auch nicht genug Zugriffsmöglichkeiten, weil nun mal Flächen und Immobilien in der Regel in privater Hand sind.

Gibt es denn überhaupt noch Highlightprojekte in der nahen Zukunft gegen die Aufhitzung der Innenstadt?
Ich würde gerne eine kleine Grünfläche hinter der Martin-Luther-Kirche anlegen lassen, aber das geht nur mit Hilfe der Eigentümer. Auch den geplanten Lesegarten hinter der Stadtbibliothek kann man nennen. Aber das wäre es auch schon. Wir als Stadt haben sonst nur, wie bereits erwähnt, punktuelle Möglichkeiten. Uns als Stadt bleiben kleine Schritte, um bestimmte Auswirkungen minimieren zu können. Deshalb gilt: Auch die Bürger sind aufgerufen, sich zu fragen, was sie beitragen können.

Sie sehen also die Bürger in der Mitverantwortung?
Das gilt für uns alle. Die Bürger wissen schon gut, was zu tun ist, setzen es dann aber häufig nicht in die Tat um. Deshalb bedarf es immer wieder neuer Anstöße. Meine Beobachtung dabei ist, dass die Menschen sich nicht gerne etwas vorschreiben lassen. Denken Sie an das gerade beschlossene Verbot, gasbefüllte Luftballons bei städtischen Veranstaltungen oder von städtischen Plätzen auffliegen zu lassen. Wir haben damit einen Medien-Hype ausgelöst, mit dem wir nicht gerechnet haben. Ich bedauere, dass in dieser, aber auch in Diskussionen um mehr Klimaschutz vieles so konfrontativ diskutiert wird. Ein bisschen mehr Wohlwollen bei jedem, das würde ich mir schon wünschen. Immerhin hat der Luftballon-Beschluss aber bei vielen einen positiven Aha-Effekt ausgelöst.

Bauherren interessieren sich zunehmend für klimafreundliche Lösungen auch in ihren Siedlungen. Was bietet die Stadt bei diesem Thema?
Bei der Aufstellung von Bebauungsplänen wird Klimaschutz- und  Klimaanpassungsmaßnahmen in letzter Zeit verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Hier werden Frischluftschneisen von Bebauung freigehalten, eine Vernetzung von Fuß- und Radwegen vorgesehen, eine Dachausrichtung gewählt, die Photovoltaikanlagen ermöglicht sowie die Begrünung von Flachdächern und die Anlegung von Hecken vorgeschrieben. Über städtebauliche Verträge wird zudem Einfluss auf einen möglichst hohen energetischen Standard der Gebäude genommen. Wir haben uns zum Beispiel bei den Bebauungsgebieten Auf dem Stempel, Ahornallee/Surenhofsweg und in der Krullsbach-Aue in Isselhorst sehr stark mit dem Regenwassermanagement auseinandergesetzt und offene Regenentwässerungsgräben und Überschwemmungsflächen angelegt. Eigentümer bereits bestehender Flachdachhäuser, die freiwillig ihre Dächer begrünen, werden mit einem Förderprogramm unterstützt.

Da freuen sich nicht zuletzt auch Insekten.
Es gehört auch zu den Zielen unserer klimaangepassten Stadtplanung, den Lebensraum für Insekten zu erhalten. Der Fachbereich Grünflächen hat dazu ein Pflegekonzept vorgestellt, das im Kern aus einer Reduzierung der Mähintervalle bei geeigneten Flächen besteht. Damit wird der natürlichen Vegetation Zeit und Raum zur Entwicklung gegeben. Das betrifft auch das sogenannte Straßenbegleitgrün. Dies wird damit zwar wilder aussehen als kurzgeschnittenes Gras oder Blumenbeete. Den Insekten kommen diese natürlichen Wildkräuter aber oft mehr zu Gute als teuer angelegte Staudenflächen, wenn auch letztere natürlich schöner anzusehen sind.

Unterm Strich: Keine große Lösung gegen die Hitze in der Innenstadt, dafür viele kleine Einzelschritte behutsamer Art und ein Maßnahmenplan gegen mögliche Überflutungen bei Starkregen?
Ja. Der Fahrplan ist beschlossen und wir werden ihn Zug um Zug umsetzen.

Foto Hintergrund / Montage: Fotos: Jens Dünhölter; Thermometer: John Smith



Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.