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Sport: „Lass den ‚Suizid‘ sein!“

Fechten

An einem heißen Sommerabend fließt in der Turnhalle der Elly-Heuss-Knapp-Realschule der Schweiß in Strömen. GTV-Fecht-Grandseigneur Georg Endt (76) scheucht seine in weißen Schutzanzügen steckenden Zöglinge erbarmungslos über die Planche. Der Gedanke, statt der Plackerei mit einem kühlen Getränk irgendwo im Biergarten zu sitzen, ist mit Händen zu greifen. Vermutlich auch bei Jörg Balk. In seinem Berufsleben als Rechtsanwalt hat der 58-Jährige so manches Gefecht ausgefochten. Auch für den Gütersloher Turnverein hat der ehemalige Volleyballer in seiner Zeit als 2. und 1. Vorsitzender (2000 bis 2010) jede Menge Meriten verdient.

Die Mitglieder kürten ihn darum nach dem Ausscheiden aus dem Amt zum Ehrenvorsitzenden. All dies zählt jedoch heute Abend nicht. Als Jörg Balk nach dem achtminütigen Gefecht die Schutzmaske mit dem eingeschränkten Sichtfeld vom Kopf nimmt und die weißen Jacke aus schützendem Keflar-Stoff öffnet, hat sich auf der Stirn eine ganze Schweißtropfen-Batterie fein säuberlich nebeneinander aufgereiht. Doch statt mit einem Lob empfängt der seit fast 50 Jahren amtierende Fechtvorsitzende der Turner seinen weißhaarigen Schüler nach zahllosen Paraden und Reposten mit einer kalten Dusche: „Ins offene Messer zu laufen, ist immer ungünstig. Lass den ‚Suizid‘ sein. Damit gewinnst du keinen Kampf.“ Danach brechen die beiden GTV-Ehrenvorsitzenden Georg Endt (1991 bis 2000) und sein direkter Nachfolger in schallendes Gelächter aus. Kleine Frotzeleien gehören bei der Gruppe der Masters-Fechter des GTV zu den Trainingsabenden automatisch dazu. Das besondere an der Gruppe ist das Einstiegsalter. Zusammen mit seinem Kanzlei-Partner Holm Hiller (67), dem heutigen Fechtpartner Joachim Eglite (58) sowie der Ärztin Sandra Breitkopf (34) gehört Jörg Balk zur einer Gruppe Spätberufener, die erst im fortgeschrittenen Alter nach einem kürzlich beendeten zehnwöchigen Schnupperkurs die Fechtwelt um die Waffengattungen Florett, Degen, Säbel auf der 14 Meter langen, 1,40 Meter breiten Blanche als neues, sportliches Betätigungsfeld für sich entdeckt haben.

Den ersten Treffer in den bis fünf gehenden Gefechten setzte bei allen eine für den Schnupperkurs werbende Meldung in den Zeitungen. Georg Endt zur Idee dahinter: „Wir wollten Menschen für Bewegung und Sport begeistern, die dafür berufsbedingt in der Vergangenheit zu wenig Zeit hatten“. Schnell bildete sich eine fünfköpfige Gruppe, von denen sich nach Kursende vier neue Musketiere den 40 GTV Waffen-Kampfsportlern anschlossen. Mit Rücksicht auf die beruflichen Tätigkeiten trainiert die Master-Gruppe auch immer erst von 20.30 Uhr bis 22 Uhr. Mit der Erfahrung seiner fünf Abteilungsleiterjahrzehnte sticht Georg Endt bei der Aufzählung der prägenden Fechteigenschaften blitzschnell zu: „Es fördert Koordination, Bewegung und regt gleichzeitig das Gehirn an.“ Da sportartspezifisch der Angreifer das Recht hat, den Treffer zu setzen, vergleicht Georg Endt das Kreuzen der Klingen mit Schach: „Man muss eigene Angriffe sehr überlegt, mit Ruhe vorbereiten”. Genau diese Mischung hatte Jörg Balk bereits in grauen Vorzeiten in seinen Bann gezogen. In seiner Studentenzeit begleitete der Jurist seine fechtenden Freunde zu Turnieren. Irgendwann zu dieser Zeit kam es bei einem Bierchen sogar zu einer Plauderei mit einem echten Fecht-Olympiasieger. „Und das, ohne je selbst eine Waffe in der Hand gehabt zu haben“, lacht Jörg Balk. Zarte Annäherungsversuche ans Fechten wurden zuvor immer wieder von seinen Freunden rüde pariert. Jörg Balk erinnert sich: „Die haben mir gesagt , ich sei zu alt. Außerdem würde es zwei Jahre dauern, ehe man eine Waffe in die Hand bekommt. Deshalb hab ich mich nie herangetraut“. Erst als mit zunehmendem Alter „die Sportversuche im Frühjahr immer mühsamer wurden“, wurde durch die Zeitungsmeldung der alte Wunsch mit 30 Jahren Verspätung doch Realität. In der Praxis dauerte es dann keine zwei Jahre, sondern nur zwei Trainingsabende, bis die Novizen nach den ersten Übungen zu Arm, Bein-, Körperstellung oder dem Trocken-Erlernen der Bewegungsabläufe zum ersten Mal die Anfängerwaffen Florett in die Hand bekamen. Später sollen noch Degen und Säbel hinzu kommen. Nach knapp drei Monaten Fechtunterricht will Jörg Balk – genau wie seine Mitstreiter – dabei bleiben. Die vom Verein für das Probetraining zur Verfügung gestellte Fechtjacke und Maske hat er bereits durch eigenes Material ersetzt. Ein weiße Fechthose soll demnächst den bisherigen blauen Trainingsstoff ersetzen. Das Fazit klingt schon fast nach dem Siegestreffer: „Florett ist sehr anspruchsvoll. Man braucht lange, um es zu Erlernen. Aber es macht riesig Spaß“, lacht der gereifte Gütersloher D‘Artagnan. Auch für die kleinen Problemchen wird sich sicher bald eine Lösung finden. Jörg Balk: „Lustig wird es, wenn einem während des Gefechtes die Nase juckt oder die Brille nach vorne rutscht ...” ˜

Jens Dünhölter, Fotograf und Journalist, stellt für das GT-INFO in dieser Serie Gütersloher Sportvereine vor.

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