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Gütersloh 2030 – unsere Stadt verändert sich

Foto: Antoine Jerji

Selbst wenn sie nicht unter Denkmalschutz stehen: In Gütersloh gibt es eine Vielzahl von stadtbildprägenden Gebäuden. Sie sind nicht wegzudenken aus der Stadt und man findet sie an so manchen Straßenzügen oder auch an den sogenannten prägnanten Sichtachsen. Kurz: Sie sind die stillen architektonischen Zeitzeugen der Stadtgeschichte.

Wie wichtig diese Gebäude für die moderne Stadtentwicklung sind, zeigt auch der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 8. September, mit dem diesjährigen Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“. Ein Thema, mit dem sich auch das Talkshow-Format GT-INFO Live an diesem Tag beschäftigt. Ab 15 Uhr erwartet Moderator Markus Corsmeyer unter anderem Gütersloher Experten sowie Mitglieder des Ortskuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, um im Kesselhaus der Weberei über die erhaltenswerte Bausubstanz Güterslohs live und vor Publikum zu diskutieren.

Im Vorfeld hat GT-INFO Redakteurin Birgit Compin Architekt Thomas Spooren, Betriebswirtin Margret Arning und den ehemaligen Leiter für Bauordnung und Denkmalschutz der Stadt Gütersloh, Dipl. Ing Bauassessor Dietmar Buschmann, sowie Fridays for Future-Organisator Stefan Schneidt zu einem Gespräch in das neue Stadtarchiv an der Moltkestraße gebeten.

Frau Arning, Herr Buschmann und Herr Spooren: Neben ihren ehrenamtlichen Aktivitäten im Ortskuratorium für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz setzen Sie sich auch für Gebäude ein, die genau dieses Gütesiegel nicht haben. Worum geht es ihnen genau?
Dietmar Buschmann: Mit dem Denkmalschutz verbindet der Gesetzgeber neben dem Erhalt eines Gebäudes auch eine Garantie, dass die nächsten Generationen diese authentischen Zeugen der Geschichte sehen und begreifen können. Es ist ein Stück Kultur und Heimat-
gesichte, die nicht verloren gehen soll.
Thomas Spooren: Es gibt aber auch viele andere Gebäude, die das Stadtbild prägen und die wichtig für diesen einen Ort sind. Deshalb ist es ganz speziell unser Anliegen, dass in einem solchen Fall der Eigentümer nicht einfach selbst bestimmen kann, dieses Haus abzureißen, um etwas Neues zu bauen.

Sie sprechen von Gebäuden wie dem Stadtarchiv, in dem wir gerade sind?
Thomas Spooren: Genau. Hier war früher einmal die Gehörlosenschule untergebracht und statt dieses Haus abzureißen, wurde es saniert. Ich finde, es ist ein gutes Beispiel dafür, das Gebäude weiterhin sinnvoll genutzt werden können. Denn in so einem Haus steckt auch sehr viel Energie, die man nachhaltig nutzen kann.

Damit sprechen Sie einen wichtigen Aspekt des Klimaschutzes an. Was genau meinen Sie damit?
Thomas Spooren: In alten Gebäuden steckt graue Energie, also die damalige Herstellung von Baustoffen, ihr Transport und so weiter. Wenn wir also ressourcenschonend mit unserer Umwelt umgehen möchten, müssen wir daran denken, dass wir eben nicht leichtfertig Gebäude abreißen, nur um an ihrer
stelle neue zu bauen. Denn damit zerstören wir diese Energie und erhöhen das Potential sogar, indem ein Bagger das Gebäude abreißt und LKWs mit dem Schutt den Verkehr belasten. Anschließend werden neue Ziegelsteine hergestellt, die dann dorthin transportiert werden, wo das alte Haus stand. Ein Beispiel: Heutzutage benötigt nur der Rohbau eines Einfamilienhauses mehr als 50 Prozent der gesamten für den Bau aufzuwendenden Energie. Bei einem sanierungsfähigen Gebäude ist die aber schon vorhanden und weiterhin nutzbar.

Was Sie erklären, gleicht in Zeiten von Klimaschutz und Nachhaltigkeit einem totalen Irrsinn.
Dietmar Buschmann: Genau. Wenn wir also das Gerüst stehen lassen, es verändern und unseren Bedürfnissen anpassen, bleibt die Energie dort erhalten. Natürlich müssen wir das Gebäude energetisch den heutigen Standards anpassen. Das kann man auch mit Innendämmungen machen, um die Fassade zu erhalten. Doch alles in allem spart das sehr viel Energie und trägt dazu bei, das Klima zu schonen.
Thomas Spooren: Leider ist dieses Bewusstsein in den Köpfen noch gar nicht angekommen. Es geht immer noch einzig und allein um die beste Rendite. Und so verlieren wir nach und nach stadtbildprägende Gebäude – was letztendlich auch ein Stück Heimatgefühl bedeutet. Das alles nur, weil ein Hauseigentümer fragt: Rechnet sich das überhaupt? Ich reiß lieber das alte ab und knall da ein Sechsfamilienhaus hin – das rechnet sich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Abriss noch relativ wenig kostet.
Margret Arning: Es ist also durchaus diskus-
sionswürdig, wer entscheidet, ob ein Gebäude abgerissen wird oder nicht. Wenn ich als Eigentümer mich für einen Abriss entscheide,
interessiert es niemanden, ob es ein klassisches Haus ist, das zu der Stadtgeschichte von Gütersloh gehört, obwohl es nicht denkmalgeschützt ist.

Da gehen Sie konform mit dem Artikel 14/2 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Thomas Spooren: Auf jeden Fall, und er wird leider zu selten bemüht. Man kann natürlich in der Stadtpolitik auch Erhaltungssatzungen einbringen und dadurch festschreiben, dass ein Gebäude städtebaulich erhaltenswert ist. Oder wir haben zum Beispiel bei dem Altenheim an der Kaiserstraße an die Stadt als Eigentümer den Antrag gestellt, öffentlich zu erklären, dass man das Gebäude bei Veräußerung nicht abreißt. Dem ist auch stattgegeben worden.
Dietmar Buschmann: Heute sollte es der Normalfall sein, Gebäude, die ein gewisses Alter haben, grundsätzlich zu begutachten, auch wenn sie nicht den Denkmalschutzauflagen entsprechen. Das Denkmal hilft sich im weitesten Sinne selbst, denn es ist rechtlich geschützt. Aber die anderen Gebäude, die auch eine gewisse Wertigkeit haben, hängen nur von der Beurteilung des Eigentümers ab. Er hat die Macht zu entscheiden, was mit dem Gebäude geschieht.
Wir möchten die Gebäude, um die es geht, in die Öffentlichkeit hineinbringen und auf ihre große Bedeutung in Bezug auf die städtebauliche Entwicklung hinweisen. Gerade da sind die großen Backsteinbauten hervorzuheben.
Margret Arning: Damit verbunden ist ja auch eine gewisse Industriekultur, die wir in dieser Region haben und zumindest die äußere Hülle zu erhalten, ist uns sehr wichtig. Zwei Beispiele dafür sind die Weberei Bartels an der Berliner Straße, wo man einen Teil der äußeren Hülle erhalten hat und oder die alte Weberei an der Brockhäger Straße, die beide als Einkaufszentren umgebaut wurden. Man hat also versucht, die Gebäude am Leben zu erhalten, auch weil sie zu unserer Stadtgeschichte gehören.

Eigentlich dürften Sie mit diesem Anliegen offene Türen einreißen, denn wenn man sich in den Gütersloher Facebook-Foren umschaut, herrscht dort gerade in Bezug auf den Abriss von Gebäuden eine große Sensibilität und Aufmerksamkeit.
Margret Arning: Und doch hat die Bevölkerung den Eindruck, sie kann dem nichts entgegensetzen und nichts machen. Es wurde so vieles abgerissen, wie das alte Rathaus zum Beispiel.
Thomas Spooren: Es gab in Deutschland nur zwei Rathäuser mit zwei Türmen – und das eine stand in Gütersloh. Damit es keinen Widerstand in der Bevölkerung gab, hatte man 1972 an einem Freitag den Beschluss zum Abriss gefasst und am Montag waren die Bagger da. Gleiches hat man mit der Weberei vorgehabt. Wenn es in den 1980er Jahren nicht eine große Bürgerbewegung gegeben hätte, die politischen Druck gemacht hat und für den Erhalt gekämpft hätten, wäre die längst platt.
Margret Arning: Und genau vor diesem Hintergrund brauchen wir auch heute eine Bewegung. Eine, die sich nachhaltig um das Stadtbild kümmert um damit gleichzeitig auch die Klimaschutzziele zu erreichen.
Stefan Schneidt: All das was hier gesagt wird, gehört bereits zu den großen Klimathemen der Fridays for Future-Bewegung: Landwirtschaft, Verkehr, Energie und Bauen.
Thomas Spooren: Man müsste aber auch noch einen Schritt weiter gehen: Genauso wie das Bepreisen von CO2 eine Forderung ist, müsste man den Abriss bepreisen, denn all die Rohstoffe und Bestandteile eines Gebäudes gehen unwiederbringlich verloren und damit auch die erhaltenswerte Energie. Das alles hat seinen Preis und deswegen muss eine andere Politik her, die sagt, dass ein Abriss teurer wird.

Dazu braucht es die Unterstützung der nächsten Generation und die Fridays for Future-Bewegung braucht die Älteren, um zu wachsen und auch deren Wissen nutzen zu können.
Thomas Spooren: Auf jeden Fall. Wir müssen alle an einem Strang ziehen und das Bewusstsein für unsere Zukunft schärfen. Die Schnittstellen sind vorhanden, man muss es nur irgendwie hinkriegen, sinnvoll diese Bewegungen zusammenzuführen.
Stefan Schneidt: Ich denke, wenn wir diese Gebäude und damit auch deren Energie erhalten möchten, müssten wir den Investoren und Eigentümern Anreize bieten. Obwohl ich ja der Meinung bin, dass eine Zukunft, die nur auf Rendite und Wachstum aufgebaut ist, nicht gut funktioniert. Wie will man ökologisch wirtschaften, wenn man immer mehr möchte? Irgendwann wird der Break Down kommen und wir haben eine Wirtschaftskrise. Deshalb sage ich, wir müssen grundsätzlich das System umstellen.
Thomas Spooren: Wir liegen da nicht weit auseinander: Als ich 1979 das Architekturstudium mit Schwerpunkt Altbausanierung und Denkmalschutz begann, wurde ich als eine Art Öko-Romantiker fast beschimpft und als ich zusätzlich ein Fernstudium zur Baubiologie machte, hielten manche mich für völlig verrückt. Bereits 1982 kam ein Buch vom Bundesumweltamt heraus mit dem Titel „Ökologisch Bauen“. Das heißt; alles womit wir uns heute beschäftigten, war schon vor fast 40 Jahren ein Thema, doch das ist alles fast in Vergessenheit geraten.
Stefan Schneidt: Ich bin froh, wenn ich all das erfahre, denn unsere Generation kann davon nur profitieren. Mir hat einmal der hiesige SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Ostermann aufgezeigt, was für Ideen im Bezug auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit es in den 1980er Jahren schon gab. Doch die
Ideen erhielten nicht die nötige Aufmerksamkeit und der Zeitgeist wurde perfekt mit dem Song: „Ich will Spaß, ich geb’ Gas“ widergespiegelt.
Thomas Spooren: Und damit geht es nicht weiter. Es muss jetzt ein radikales Umdenken stattfinden, und das ist ja auch eine Frage der Demokratisierung: Wie wird unserer Stadt in Zukunft aussehen? Wer entscheidet, was hier geschieht und wem gehört diese Stadt eigentlich? Die Antwort liegt doch auf der Hand: dem Bürger und nicht nur dem Eigentümer. Das sollte in Zukunft allgemeingültig sein.

Foto: Setzen sich für die stadtbildprägenden Gebäude in Gütersloh ein: Betriebswirtin Margret Arning, der ehemalige Leiter für Bauordnung und Denkmalschutz der Stadt Gütersloh, Dipl. Ing. Bauassessor Dietmar Buschmann, Fridays for Future-Organisator Stefan Schneidt und Architekt
Thomas Spooren.

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