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Lokal: „Finger in die politische Wunde legen“

20 Jahre Bürger für Gütersloh (BFGT)

Aus einem belächelten „Underdog“ wurde in den vergangenen 20 Jahren eine mitbestimmende politische Kraft in der Gütersloher Kommunalpolitik, die inzwischen von allen Gremien ernst genommen und anerkannt wird. Das Ziel, sich als Sprachrohr vieler politisch interessierter Gütersloher Bürger zu etablieren, hat die BfGT zu einer starken Kraft im politischen Geschehen der Stadt werden lassen.
Rückblick: Als zwei Ratsmitglieder aufgrund des Neins zum Theaterneubau die BfGT-Fraktion im Jahr 2006 verließen (zwei traten in die CDU ein und verhalfen der Plattform aus Schwarz-Grün somit zur Mehrheit), war das die Stunde der Kritiker. Und als zudem ein weiteres Mitglied mit ihrem Mandat zur UWG wechselte, war BfGT-Chef Nobby Morkes allein im Rat und in den Ausschüssen. Wenige Kenner der politischen Szene glaubten an ein Weitermachen, doch Morkes und sein Verein hielten durch. Im Jahr 2009 feierte die BfGT einen großen Wahlerfolg. Im Gedächtnis der Gütersloher bleibt das Bürgerbegehren zum Theaterneubau haften. Der erste Bürgerentscheid in dieser Stadt. Mehr als 75 Prozent der Wähler sprachen sich gegen den Neubau aus. Nach dem Ablauf der Bindefrist wurde der Theaterneubau mit großer politischer Mehrheit schließlich doch noch durchgesetzt. Zu den Erfolgen der BfGT zählt sicherlich auch die Öffnung des Kreuzungsbereiches der Stadtbibliothek. Der Einsatz zur Etablierung eines Jugendparlamentes führte ebenso zum Erfolg wie das Engagement zur Einrichtung eines Behindertenrates. Die Unterschriftenaktion zur Nichteinführung der sogenannten Dichtheitsprüfung konnte auch als großer Erfolg der Bürgerbeteiligung in Gütersloh verzeichnet werden. Der Verein BfGT ist aktuell mit 107 Mitgliedern die drittstärkste politische Kraft in Gütersloh.

Chefredakteur Markus Corsmeyer sprach anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Vereins mit den Vorstandmitgliedern Nobby Morkes, Sylvia Mörs und Tassilo Hardung.

Herr Morkes, Sie sind Gründungsvorsitzender: ein Blick zurück auf 20 Jahre BfGT – und ein Resumee.
Nobby Morkes: Ich kann auf eine erfolgreiche Zeit blicken. Wir haben bei jeder Wahl an Stimmern zugelegt. Unsere Arbeit als BfGT scheint also doch gar nicht so verkehrt zu sein. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir bei den letzten Wahlen neben den Grünen drittstärkste Kraft geworden sind.

Frau Mörs – seit wann sind Sie bei der BfGT?
Sylvia Mörs: Seit Januar 2001. Die Gründungsphase habe ich nicht mitbekommen. Ich wollte mich kommunalpolitisch engagieren, weil ich mich mit dem etablierten Parteigefüge so nicht richtig wohlgefühlt habe. Dazu kam die Nähe zu Susanne Clemens. Im Jahr 2001 bin ich als Sachkundige Bürgerin in den Grundstücksausschuss eingestiegen. 2009 dann als Mitglied ins Ratsteam.

... und wie würden Sie die BfGT des Jahres 2019 charakterisieren?
Sylvia Mörs: ... der Verein ist sehr rührig und direkt am Bürger interessiert. Wir haben immer ein offenes Ohr für die Leute, und wir haben das Engagement ständig gelebt. Es wird auch so von den Bürgern wahrgenommen.

Haben Sie 1999 gedacht, dass es die BfGT nach 20 Jahren noch gibt?
Sylvia Mörs: Wir wollten keinen kurzfristigen politischen Impuls. Kurzfristig kann man nicht viel erreichen. Unsere Arbeit war und ist langfristig angedacht. Wir haben damals gesagt: „Wenn wir in den Rat kommen sollten, brauchen wir einen langen Atem, um etwas zu verändern. Wir sind mit der BfGT durch Höhen und Tiefen gegangen. Und sind jedes Mal immer wieder auf die Füße gefallen.

Herr Hardung. Warum haben Sie sich als FDP-Mann den Bürgern für Gütersloh angeschlossen?
Tassilo Hardung: Für den Entschluss, die FDP zu verlassen, gab es verschiedene Gründe, die jetzt keine Rolle mehr spielen. Wenn es in Gütersloh einen konkreten Anlass gab, politisch etwas zu bewegen, war es damals immer nur mit der Zustimmung der Gesamtpartei möglich. Wir standen ständig vor der Frage: „Was sagt unsere Partei dazu?“. Man konnte nicht das umsetzen, was vor Ort für die Bürger wichtig war. Für mich ist eine nicht ideologisch ausgerichtete Politik entscheidend. Das zeichnet die BfGT aus.

Was unterscheidet die aktuelle BfGT vom Verein aus dem Jahr 1999?
Nobby Morkes: Am Anfang standen wir relativ hilflos da. Wir waren ahnungslos und ungestüm. Auf unserem ersten Plakat stand: „Für frischen Wind im Rat.“ Es war gut, dass wir von den politischen Taktierungen keine Ahnung hatten. Es war wichtig, dass wir Politik aus dem Bauch heraus gemacht haben und dass wir Menschen zusammengeführt haben, die etwas in dieser Stadt verändern wollten. Wir waren nicht an parteipolitische beziehungsweise Fraktionszwänge gebunden. Wir mussten vieles diskutieren, deshalb haben unsere Sitzungen damals auch unendlich lange gedauert. Wir haben im Laufe der Jahre viel dazu gelernt, aber wir haben einen unserer wichtigsten Sätze nie vergessen: „ ... damit der Bürger wieder mitbestimmen kann.“ Nach 20 Jahren sind wir zu einem Sprachrohr der Bürger geworden. Wir gehören mittlerweile zu einer wichtigen politischen Institution in Gütersloh, die ohne Wenn und Aber die Finger in die politische Wunde legt.
Sylvia Mörs: Dass, was Nobby gerade ausgeführt hat, kann ich nur bestätigen. Nur haben sich die Verhältnisse in der Zusammenarbeit mit den anderen geändert. Durch den Einsatz für die Bürger haben die anderen Parteien auch gemerkt, von wem sie eigentlich gewählt worden sind. Wir haben nicht mehr diesen Rebellen-Fokus, sondern sind mittlerweile durch unsere Arbeit und nachhaltige Verlässlichkeit als Partner anerkannt worden.

Sehen Sie die BfGT auch als Bewegung für Gütersloh, Herr Hardung?
Tassilo Hardung: Ich kenne kein relevantes Gütersloh-Thema, das in der BfGT nicht behandelt wird. Hier wird immer hinterfragt, was die Gütersloh Bürger zu bestimmten Themen sagen. In der BfGT wird versucht, die Gütersloher Gesellschaft abzufragen. Wir versuchen herauszufinden, was den Güterslohern gut tut.

Wie ist die Streit- beziehungsweise Diskussionskultur innerhalb der BfGT ausgeprägt?
Tassilo Hardung: Am Ende jeder Diskussion fragen wir immer, was für uns Gütersloher wirklich das Beste ist. Das habe ich früher in meiner politischen Arbeit nicht so empfunden. Da ging es vielmehr darum, eine Parteilinie durchzusetzen.
Nobby Morkes: Die BfGT hat eine neue politische Kultur nach Gütersloh gebracht. Wir haben nie vergessen, wer uns gewählt hat. Durch unsere Arbeit hat auch bei den anderen politischen Parteien ein Umdenken stattgefunden.

Die BfGT war über Jahre thematisch hinweg sehr stark mit dem Theater verbunden. Sie wollte das Neubau-Projekt verhindern. Wie stehen Sie mittlerweile dazu?
Nobby Morkes: Es war ein großer Fehler, das neue Theater zu bauen. Man hat den Bürgerwillen ignoriert und wollte sich in der Zeit ein Denkmal schaffen. Deshalb haben wir einen Bürgerbescheid herbeigeführt. Im Jugend- und im Sportbereich wurde gestrichen. Überall gab es in Gütersloh massive finanzielle Kürzungen. In dieser Zeit ein Theater zu bauen, war ein Fehler. Wir haben ja nicht nur Nein gesagt. Wir haben auch alternative Vorschläge eingereicht.
Tassilo Hardung: Tatsache ist, dass ich damals innerhalb der FDP auf der Seite der Theaterbefürworter war, aber nicht die finanzielle Höhe der Finanzierung befürwortet habe. Heute bin ich der Auffassung, dass wir eine gute Theatersituation haben. Ich halte aber auch eine stark ausgestattete Weberei für wichtig als Gegenpol zu unserem Gütersloher Theater.

Foto: Vorstandsmitglieder Sylvia Mörs und Tassilo Hardung mit dem Vorsitzenden Nobby Morkes (Mitte).


INFO
Am 28. Mai 1999 trafen sich engagierte Bürger im Haus Michelswirth und gründeten den Verein Bürger für Gütersloh. Als Zusammenschluss von politisch interessierten Bürgern mit dem Ziel gegründet, die Bürger in der Stadt mehr mitbestimmen zu lassen, ist die BfGT im gleichen Jahr zum ersten Mal zur Kommunalwahl am 12. September angetreten und erreichte auf Anhieb zwei Sitze. Mit Beatrix Greving-Henrichsmeyer und Nobby Morkes zogen die ersten Vertreter des jungen Vereins in den Rat der Stadt Gütersloh ein. Bei den Wahlen verdoppelte die BfGT mit einem Zuwachs von mehr als 5 Prozent ihre Stimmen und erhielt vier Stimmen im Rat.

Erstmals stellte die BfGT im Jahr 2004 mit Nobby Morkes auch einen Bürgermeisterkandidaten, der mit mehr als 3.000 Stimmen den dritten Platz erreichte. 2009 trat Morkes zum zweiten Mal an und erreichte mit 3.375 Stimmen erneut den dritten Platz. Bei der Wahl 2015 verdoppelte Morkes seinen Stimmenanteil, und mit 31.265 Stimmen fehlten ihm nur 173 Stimmen, um in der Stichwahl gegen den heutigen Bürgermeister Henning Schulz (CDU) anzutreten.˜

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