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Aktuell: Von Dichtern und Wortakrobaten

Zehn Jahre Dichterschlachten in Gütersloh

Text: Birgit Compin  
Foto: Felix Kempter

„Ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab, ich nehme mir zu viel vor, und ich mache davon zu wenig. Ich halte mich zu oft zurück, ich zweifle alles an, ich wäre gerne klug, allein das ist ziemlich dämlich.“ Spätestens seit die Bremerin Julia Engelmann im Bielefelder Hörsaal-Slam 2013 mit ihrem Appell über verpasste Chancen laut nachdachte über denn Sinn der Liedzeile „One day, Baby, we’ll be old and think of all the stories that we could have told“, weiß wohl jeder, was mit Poetry-Slam gemeint ist – und vor allem, was er kann. In nur knapp sechs Minuten hielt die damalige Studentin der Zuhörerschaft den berühmten Spiegel vors Gesicht. Ihr Vortrag marschierte via YouTube raus in die Welt und traf viele mitten ins Herz, die das kleine Video anklickten.

Doch auch Gütersloh kann Slam! Wie gut, zeigt sich seit genau zehn Jahren in der Weberei. Am 19. September feiert der „Slam GT“ seinen runden Geburtstag mit einer Jubiläumsausgabe im Kesselhaus. Zeit also, sich das Geburtstagskind einmal genauer anzuschauen. Er ist die „inoffizielle Gütersloher Stadtmeisterschaft der Wortakrobaten, die in der Weberei ihre literarischen Kräfte messen“, heißt es auf einer städtischen Homepage vollmundig. Auch Ableger hat die gefeierte Poetry-Reihe, die Slammer jeden Alters aus OWL präsentiert, schon hervorgebracht: So sammelt sich beim Vogelfrei U20 der heimische Nachwuchs im Wintergarten des Bürgerzentrums und der „Highlander“ stellt einmal jährlich die besten Slammer in einem Wettstreit auf der Dalkeinsel im Stadtpark vor. Hier wie dort kommen also die Liebhaber des gedichteten Wortes zusammen – und das kann so ziemlich alles sein: „Melodramatischer Weltschmerz oder tiefsinnige Lyrik, ein stakkato-artiger Rap oder ein kurzes und knackiges Storytelling“, erklären Niko Sioulis, 25, und Jonas Helmich, 24. Schon bevor Julia in Bielefeld zum Slam antrat, standen die beiden in Gütersloh auf der Bühne und fanden immer neue Worte für das, was sie den ganzen Tag so umtrieb. Dabei sind dem Slam thematisch kaum Grenzen gesetzt: „Selbst politische Themen sind gerne gesehen. Man könnte also sagen: Alles außer rechtem Gedankengut ist erlaubt“, fügt Jonas hinzu. Seit 2016 moderieren er und Niko den Slam GT, der 2009 mit Moderator Micha-El Goehre an den Start ging.

Eine der größten Szenen weltweit
Beim Slam geht es also um Dichterschlachten. So, oder etwas feiner auch als „Dichterwettstreit“ bezeichnet, lässt sich nämlich der englische Begriff Poetry-Slam übersetzen. Es ist ein öffentlich ausgetragener Wettstreit, bei dem das Publikum das Sagen hat und den oder die Beste unter den auftretenden Slammern wählt. Wer noch nichts damit zu tun hatte, dem sei verraten, dass die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene als eine der größten der Welt gilt. Doch auch wer davon schon mal gehört hat, wird vermutlich erstaunt sein, dass die „Slam“ genannten Veranstaltungen bereits 2016 in das „bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO“ aufgenommen wurden. Erfunden wurden sie übrigens in den USA von dem Bauarbeiter und selbsternannten „Slampapi“ Marc Kelly Smith. Der wollte weg von den üblichen Literatur-Cafés; sein Slam sollte anders sein: freier, radikaler und als Stand-up vorgetragen. Keine Requisiten, keine Verkleidung, ein Zeitlimit von maximal sechs Minuten und höchstens ein Handy oder Zettel zum Ablesen sind die Standards. „Bisher schreibt ein Slammer aus Bonn seine Texte auf eine Kassenrolle, von der er dann abliest“, sagt Niko. Und überhaupt scheint die Szene mittlerweile die Ursuppe zu sein, aus der erfolgreiche und bekannte Comedians hervorgehen. Torsten Sträter ist so ein Fall. „Besonders viele der aktuellen Newcomer waren übrigens auch schon auf der Weberei-Bühne zu Gast“, erzählt Jonas. Till Reiners zum Beispiel, der mittlerweile häufig im TV-Format „Die Anstalt“ zu sehen ist. Auch der Kabarettist Jan-Philipp Zymny nutzte den Slam als Sprungbrett und trat dann natürlich auch in Gütersloh auf.

Die Drei ist Programm
Drei Formate, drei Durchgänge – irgendwie scheint die Drei ein kleiner roter Faden zu sein: An jedem dritten Donnerstag eines ungeraden Monats heißt es zum Beispiel „Slam GT“ im Kesselhaus. Die Slammer kommen in der Regel nicht nur aus Gütersloh, sondern auch aus ganz Ostwestfalen oder darüber hinaus. „Wir hatten auch schon mal jemanden aus der Schweiz dabei“, sagt Niko. Das Procedere selbst ist einfach erklärt: Sechs bis acht Teilnehmer werden in zwei Runden eingeteilt und die Gruppenbesten treten anschließend im Finale gegeneinander an. Über Trostpreis oder Sieg entscheidet das Publikum per
Applaus während Niko und Jonas über Zeit und Publikumsabstimmung wachen. Genauso geht es beim Vogelfrei Slam zu, bei dem der Nachwuchs das Sagen hat. Und auch hier ist die drei durchaus Programm: Die U20-Slammer treffen an jedem dritten Dienstag eines geraden Monats auf ihr Publikum. Am Ende der Saison steht dann der „Highlander“. Wer den Gütersloher Poetry-Slam bei den NRW-Meisterschaften vertritt, entscheidet dieser dritte Autorenwettstreit auf der Dalkeinsel im Stadtpark –und auch er wird längst von Niko du Jonas moderiert.

No limits, jeder kann
Menschen, die sich in der Stand-up- und Comedy-Szene tummeln, Leute, die Rapper sind oder waren, Musiker, Rentner und Studierende, Arbeitnehmer, Arbeitslose und Schüler – „Beim Poetry-Slam“, sagen die beiden Moderatoren, „kann jeder antreten, der oder die etwas zu sagen hat.“ Und natürlich gehört die Lust am Schreiben dazu. So wie bei ihnen. Im November 2011 war das und die beiden Schüler waren damals gerade 15 und 16 Jahre alt. „Seitdem sind wir nicht mehr von der Bühne runtergekommen“, lacht Niko. Zuvor hatten sie im stillen Kämmerlein Texte geschrieben. Über das, was jeder Teenager so durch macht: „Sich ganz melodramatisch den Weltschmerz von der Seele schreiben, um ein Ventil zu finden. Nur um sich das zwei Jahre später nochmals anzugucken und festzustellen: Oh, das ist aber unangenehm“, erklärt Jonas grinsend den Gemütszustand, den vermutlich jeder einmal im Leben durchmacht. Doch während bei den einen die Texte in der hintersten Schublade verschwinden, machten Jonas und Niko irgendwann Beiträge für den Slam daraus. Das Ergebnis: „Zum Ende unserer ersten Saison als Slammer durften wir beim Highlander starten. Danach haben wir gesagt, wir wollen selber so eine Veranstaltung machen.“ Das war die Geburtsstunde des Nachwuchs-Slam. Sie begannen zunächst, in der Schule Lehrer gegen Schüler in die Dichterschlacht ziehen zu lassen; 2013 wurde daraus der Vogelfrei U20 Slam. Die Besten von ihnen treten übrigens bei der deutschen Meisterschaft der unter 20-Jährigen an. Doch wie es nun mal so ist: „Uns plagen ständig Nachwuchssorgen, weil die meisten nach der Schule von hier fortgehen.“ Was also machen? Ganz einfach: Niko und Jonas begannen, immer mehr Workshops in den hiesigen Schulen zu organisieren.

Hier Hobby, da Fulltimejob
Was für den Einen das beste Hobby der Welt, ist für den Anderen längst schon ein fester Bestandteil zum Lebensunterhalt geworden. Mittlerweile steht der Poetry-Slam längst auf dem Lehrplan vieler Schulen in der Region. „Dadurch leite ich heute hauptberuflich sehr viele Workshops in der Region“, sagt Niko. Seit Jahren schon gehört er zum Moderatorenstamm des Lektoren Verlags in Detmold und zeigt Schülern, worauf es beim Slam ankommt, so wie an den beiden Gütersloher Gymnasien. Organisation der Workshops, Moderationen, Auftritte – für Niko bleibt da wohl kaum noch Zeit für etwas anders: „Ich habe den Vorteil, dass der Slam längst zu meinem Beruf geworden ist“, sagt er. Und eigentlich möchte er sich auch gar nichts anderes mehr vorstellen, obwohl er natürlich nebenbei noch Philosophie und Geschichte studiert.
Jonas aber geht andere Wege und sieht den Slam als schönstes Hobby der Welt an. Er studiert Soziale Arbeit und die dazugehörige Bachelorarbeit liegt quasi in den letzten Zügen: „Die Szene ist großartig, das Miteinander richtig gut und der Slam ist in einer unglaublich prägenden Zeit an uns herangekommen und das ist ein großer Teil unserer Adoleszenz-Phase.“ Aber davon leben? „Ich mache das unglaublich gerne, doch es bleibt ein Hobby. Nach meiner Bachelorarbeit werde ich einen ganz normalen Job annehmen. Aber ich werde immer irgendwie involviert bleiben, solange meine Zeit das zulässt.

Wo die Reise so hin geht
Zum Jubiläum darf man ruhig mal die Frage nach der Zukunft und den Wünschen fürs Geburtstagskind stellen. „In zehn Jahren“, so sagt Niko, „wird es viel mehr Spezial-Veranstaltungen geben, denn den Themen sind kaum Grenzen gesetzt.“ Schon jetzt locken die „Specials“ wie Erotik-Slam oder Jazz-Slam Publikum und Slammer gleichermaßen an. Und weil das so gut ankommt, sollen die Themen-Slams weiter ausgebaut werden. Und der Nachwuchs? „Es ist toll zu sehen, dass die U20-Poetryslam-Szene durch die Workshops in den Schulen so krass wächst. Wir kommen ja selbst daher und es ist auch unglaublich schön zu sehen, wie junge Menschen sich weiterentwickeln können“, sagen beide. Jonas sieht aber auch mehr Meisterschaften, die in Gütersloh ausgerichtet werden sollten. „Wir hatten bereits zweimal die U20-OWL-Meisterschaft hier und haben 2016 die erste U20-NRW-Meisterschaft in der Weberei ausgerichtet.“ Das alles sei durchaus ausbaufähig. „Auch einen NRW-Slam hier auszurichten wäre toll, aber das bedeutet auch einen riesigen Organisationsaufwand.“
„In zehn Jahren haben wir immer ein volles Haus“, orakeln beide noch ein bisschen rum. „Mindestens 1.000 Zuschauer pro Veranstaltung“, lachen sie. „Aber mal im Ernst: Es wäre schön, die U20-Arbeit weiter auszubauen, uns thematisch breiter aufzustellen, auf keinen Fall die Wurzeln aus den Augen zu lassen, das Stammpublikum auszubauen und obendrein ein noch viel breiteres und zahlreicheres Publikum zu erreichen“, fassen die beiden ihre Wünsche zusammen, verbunden mit den Aufruf: Kommt vorbei und schaut euch das an!

Traut Euch!
Das Publikum zahlreich auf den Stühlen vertreten und viel Programm auf der Bühne – so soll’s sein mit Blick in die Zukunft. Doch nicht nur der Nachwuchs – alle sollen rauf auf die Bretter, die die Welt bedeuten. „Egal ob alt oder jung – jeder kann sich gerne bei uns melden und vor allem keine Scheu haben, seine Texte vorzutragen“, sagen Niko und Jonas. Wer Angst vor dem ersten Auftritt hat, erhält Tipps von Niko. „Ich gehe ja täglich damit um und weiß, wie man den Leuten Angst und Nervosität nehmen kann.“ Und dem Nachwuchs rufen sie zu: „Traut euch! Auch die heute erfolgreichen Kaberettisten haben mal klein angefangen – und zwar bei einem Slam wie Vogelfrei.“

INFO:

Zehn Jahre Slam GT
Die Jubiläumsausgabe findet am Donnerstag, 19. September, im Kesselhaus der Weberei statt. Dann werden nur Saisonsieger und Finalisten der Saisonfinals der letzten zehn Jahre gegeneinander antreten – im Teilnehmerfeld mit dabei: Jonas Helmich. Moderation Niko Sioulis und Micha-El Goehre. Einlass ist ab 19:30 Uhr, Beginn um 20:00 Uhr. Der Eintritt beträgt 5 Euro. ˜

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