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Stadtgespräch: Gütersloh? Ja, aber ...

Gütersloher Jugendliche erzählen, was ihnen fehlt

Interview: Heiner Wichelmann, Fotos: Antoine Jerji

Wapelbeats und Weberei, Dreiecksplatz und Mohns Park, Skaterbahn, Sportvereine, offene Jugendarbeit, Ferienspiele, Parkbad und so weiter: Es läuft in Gütersloh.

Wirklich? GT-INFO hat eine Zufallsgruppe im Skaterpark an der Weberei angesprochen. Wir wollten von den Jugendlichen erfahren, wie sehr sie zufrieden sind mit dem Angebot in Gütersloh. Ungefiltert und im O-Ton, nicht repräsentativ, aber ehrlich.
 
Also: Alles prima – oder fehlt was in der Stadt? Philipp Wecker (16), Kevin James
Rainey (23), William Ditter (18), Leonard Kolodziej (20) und Ines Boniek (19) reden
frei von der Leber weg.

Wie war der Sommer für euch in Gütersloh, habt ihr viel machen können?
Leonard: Also ich war jeden Tag nur draußen, 10 bis 12 Stunden lang. Seitdem ich das BMX-Rad-Skaten entdeckt habe, bin ich unterwegs – super.

Also alles bestens in Gütersloh? Erzählt doch mal, wo euch der Schuh drückt. Was fehlt?
Ines: Wenn man feiern gehen will, ist das echt schwierig. Da gibt’s die Sensation-Partys in der Weberei oder das Hangover an der Kaiserstraße, mehr ist da nicht, und auf die Dauer ist das langweilig. Hier gibt’s einfach zu wenig Alternativen. Klar, in der Weberei wird ne Menge geboten, aber was wir so unter Feiern verstehen, finden wir dort auch nicht. Also müssen wir fahren – meist nach Bielefeld. Oder ins Nava nach Melle. Ist ein ziemlicher Aufwand, aber wir haben hier Vergleichbares nicht. Feiern in Gütersloh ist nicht so.

Die großen Diskos öffnen nicht mehr, weil es sich für die Betreiber wohl nicht lohnt. Vielleicht ist ja der Markt dafür in Gütersloh einfach nicht groß genug, Bielefeld ist nun mal dreimal so groß wie Gütersloh?
Philipp: Stimmt, aber es kann doch nicht sein, dass die Stadt hier mit Shisha-Bars zugepflastert wird, und für uns bleibt kaum was übrig.

Ihr geht nicht in Shisha-Bars?
Philipp: Nein, das ist nicht unsere Szene.

Gibt es Cafés, die ihr gerne besucht?
William: Miner‘s Coffee am Kolbeplatz ist ganz gut, sonst wüsste ich jetzt nicht. In Bielefeld am Boulevard gibt es gleich drei, wo man gut chillen kann.
Leonard: Cafés müssen vor allem sauber sein, ich persönlich mag es gerne, wenn es so ein bisschen oldschool ist. Auch die alte Musik finde ich gut. Dieses heutige Zeug ist irgendwie immer dasselbe, ich steh da nicht so drauf.

Ihr seid ja BMX-Skater, wie oft trefft ihr euch hier?
Kevin: Praktisch täglich. Aber diese Anlage hier reicht eigentlich überhaupt nicht aus. Die ist doch viel zu klein, für die Brett-Skater wie für uns mit den BMX-Fahrrädern. Der Platz ist ja nur zur Hälfte bebaut, der Rest steht leer. Warum hat man hier nicht richtig investiert? Es gibt ja nicht mal eine Beleuchtung, wenn’s im Herbst abends dunkel wird. Wir sind gezwungen, viel in andere Städte zu fahren. Nach Bielefeld zum Kesselbrink, nach Bad Salzuflen, nach Sennestadt. Wir sind da ganz oft. Das hier reicht wirklich nicht.
William: Immer nach Bielefeld zu fahren, geht aber ganz schön ins Geld. Ein Monatsabo kostet bei der Bahn 85 Euro, und das Rad muss noch extra bezahlt werden.
Kevin: Ich bin schon mal mit meinem BMX – also ohne Gänge, ohne Bremse, ohne Licht und so – direkt nach Sennestadt gefahren, um Geld zu sparen.
Philipp: Das ist ja hier auch wirklich gefährlich für Anfänger. Da fehlen Geländer zum Beispiel. Und dauernd liegen hier Glassplitter von Flaschen rum. Wir müssen jedes Mal hier erst fegen, um fahren zu können. In diesem Jahr habe ich schon 60 Euro gezahlt allein für neue Schläuche.

Wer wirft denn da mit Flaschen rum?
Philipp: Hier gibt es ne Menge 12- bis 14-Jähriger, die sich echt besaufen und dann die Flaschen auf die Anlage werfen. Es wird hier auch heftig gekifft. Manchmal läuft man hier in eine richtige Haschwolke rein.

Das hat aber doch nichts mit der Weberei zu tun, oder?
William: Nein, aber irgendwo wollen die sich halt treffen – und das ist leider hier an der Skateranlage. Das ist einfach so.

Unabhängig von diesen Glassplittern: Wie gefährlich ist BMX-Skaten eigentlich? Was habt ihr euch denn schon an Verletzungen geholt?
Leonard: Jede Menge Schürfwunden, neulich hab ich mir das Knie weggebrannt. Aber jetzt habe ich Schoner.
Kevin: Rippenprellungen, Bänderrisse, nichts Schlimmes.

Aha! Wo skatet ihr, wenn’s regnet oder schneit?
Kevin: Da ist dann nix in Gütersloh. Wir Skater brauchen eine überdachte Anlage, am besten eine Halle, wo man auch Jüngeren Kurse anbieten kann, um sie vorsichtig an den Sport heranzuführen. Das geht hier alles nicht wirklich.
Ines: Es gibt sowieso keine Halle in Gütersloh mit verschiedenen Sport- und Freizeitangeboten, wo man sich austoben kann.
Philipp: Eine Kletterwand beispielsweise wäre super.
William: In anderen Städten gibt es so Adventure-Parks mit allem Drum und Dran.

Das fehlt hier wirklich. Wir müssen immer wegfahren.
Leonard: Auf dem Flughafengelände könnte man doch einen Hangar für so etwas nutzen. Auch für Skater, Inliner-Skater, BMX-Fahrer. Das wäre ein Topangebot für die ganze Region. Die Leute kommen aus allen Richtungen dann zu uns. Oder auf dem riesigen Porta-Parkplatz. Der ist doch immer leer! Das schafft übrigens auch Arbeitsplätze. Bei der Skatehalle in Wuppertal hat die Stadt zusammen mit der Agentur für Arbeit speziell Langzeitarbeitslose eingestellt. Die haben da feste Jobs gekriegt.
Kevin: Gütersloh braucht auch mehr Wände für Sprayer. Die haben doch nur die Weberei hier, wo sollen die hin? Das ist echt zu wenig.

Ihr sagt also, es fehlt an zentralen Einrichtungen für die Jugend – die Weberei mal ausgenommen?
Philipp: Genau. Ich habe aber noch ein anderes Beispiel, wo es viel besser laufen könnte. Mein Bruder ist Künstler, der hat mir schon oft gesagt, dass er sich hier ziemlich alleine fühlt. Was der sich wünscht, ist sowas wie ein Künstlerhaus, wo also alle, die was Künstlerisches machen möchten, hinkommen können. Die haben dann ja auch Austausch. Das fehlt meinem Bruder, sagt er.

Das wäre dann sowas wie ein Kreativhaus für alle Generationen?
Philipp: Genau, fände ich super. Ich kenn auch zig Leute, die garantiert da wären, um irgendwas zu machen.
Ines: Zur Weberei möchte ich noch was sagen: Die sollten mal dringend über die Garderobenausgabe nachdenken. Ich habe neulich nachts um 2 Uhr nach der Disko eine ganze Stunde anstehen müssen, bis ich meine Jacke zurückhatte. Mir ging es nicht gut, aber ich konnte nichts machen, da wurde gedrängelt wie verrückt – schrecklich!

Wir nehmen das mit auf. Anderes Thema: Shoppt ihr gerne in Gütersloh? Wo holt ihr euch die Klamotten, die ihr tragen wollt?
Leonard: Das Shoppen ist hier echt beschränkt. Die angesagten Marken kriegst du hier in der Regel nicht, jedenfalls nur eingeschränkt. Das war schon beim Sneakerladen Made so. In Bielefeld gibt es viel mehr Varianten, deshalb musste Made hier dicht machen.
Kevin: Ich krieg hier nur bei Zig-Zag an der Blessenstätte was. Und vielleicht noch bei Jack & Jones.
Philipp: Klamotten ist echt ein Thema. Es wird unter der Jugend ganz schön gemoppt, wenn man nicht die richtigen Marken trägt. Ich finde das ja auch scheiße, aber es ist die Wahrheit.
Ines: Das war auch auf dem ESG so, wo ich gerade mein Abitur gemacht habe. Da haben sich Gruppen gefunden, die streng nach Klamottenmarken getrennt waren. Und wehe, du hast die falschen Sachen getragen!

Fridays for future und Markenklamotten – das passt irgendwie nicht zusammen, oder?
Leonard: Es ist aber die Wahrheit. Junge Leute kaufen jedenfalls in der Regel nicht in Gütersloh ein, sondern fahren nach Bielefeld, Wuppertal, Dortmund, Oberhausen. Da kennen die jeden Laden.
Ines: Das Loom in Bielefeld ist angesagt. Da findet man immer was. Nike, Superdry, Adidas und so weiter. Aber auch Discounter wie H&M und Primark. Und oben der Laden Kult. Der ist toll.

Was gefällt euch denn an Gütersloh gut?
Leonard: Dass die Innenstadt relativ sauber ist. Das sieht in Bielefeld schon ganz anders aus. Darauf steh ich nicht. Und dass es hier sicher ist. Wer am Jahnplatz in Bielefeld um 20 Uhr jemand versehentlich rempelt, kann massiv Ärger bekommen, alles schon erlebt.
Ines: Als Frau darfst du dich da allein gar nicht aufhalten.
Leonard: Mir fällt noch ein: In Polen, wo ich neulich war, gab es in einer Stadt bei Warschau in jedem Mülleimer noch zusätzlich einen Aschenbecher. Kann man das hier nicht einführen?

Habt ihr noch weitere Beispiele, was gut ist und was fehlt in Gütersloh?
Leonard: Der Dreiecksplatz ist echt schön. Der wird auch schön sauber gehalten. Und Tanjas Eisdiele ist super. Wenn ich so überlege: Ich werde bestimmt in Gütersloh bleiben, ich habe keinen Grund, hier wegzuziehen. Das, was hier fehlt, kann man noch für die Zukunft planen. Warum zum Beispiel gibt es hier keinen richtigen Badesee, aber bitte ohne Angler? Wir sind eine Großstadt, da sollte ein Badesee doch drin sein.
Kevin: Ein richtiger Rutschpark im großen Stil würd’s auch schon bringen. So wie im Nettepark in Osnabrück. Klar: Die Welle ist schön, aber sie ist vergleichsweise zu klein. Die Röhrenrutsche dort reicht nicht, meiner Meinung nach.  
William: Ich fände eine Eishalle toll. Die Eiswiese im Stadtpark ist zwar klasse, aber das sind ja nur wenige Tage im Jahr, wenn’s gut läuft. Wenn das Angebot erst mal da ist, kommen die Leute. Dann gibt es Trainingsmöglichkeiten, Teams, die sich bilden und so weiter.
Kevin: In Bielefeld haben die jetzt eine Trampolinanlage eröffnet. Es gibt einfach nichts, womit wir hier punkten können.

Wünsche sind das eine, Engagement das andere. Würdet ihr euch auch persönlich einsetzen wollen, um den einen oder anderen Wunsch für Gütersloh umzusetzen?
Kevin: Habe ich schon gemacht! Als diese Skateranlage hier noch nicht so ausgebaut war und im Grunde stilllag, habe ich mal 500 Unterschriften für eine Skateanlage in Isselhorst gesammelt und im Rathaus abgegeben. Ich habe damals auch dazugeschrieben, dass ich bereit wäre, eigenes Geld reinzustecken in das Projekt. Geld von mir und von anderen, die ich dafür hätte gewinnen können.

Und wie hat die Stadt reagiert?
Kevin: Gar nicht! Ich habe nicht mal eine Antwort bekommen. Das ist jetzt ein paar Jahre her, aber das war so. Das war echt enttäuschend.

Unterm Strich: Ist Gütersloh lebenswert, trotz der genannten Mängel?
Philipp: Klar. Wir leben hier alle gerne ...  
Leonard: ... aber man kann vieles noch verbessern. Wenn es Investoren gibt, sollte die Stadt alles tun, um sie zu unterstützen. Das meinen wir alle hier.

Foto: Zufällig getroffen und befragt (v.l.): Philipp Wecker, Leonard Kolodziej, Ines Boniek, Kevin James Rainey und William Ditter.



GT-INFO sprach mit:

Kevin James Rainey (23): Gelernter Zweirad-Mechatroniker, Fachbereich Fahrrad. Seine Leidenschaft gilt dem Rad, so verbindet er mit dem BMX-Hobby Beruf und Freizeit.

William Ditter (18):  Machte in diesem Jahr sein Fachabitur am Reinhard-Mohn-Kolleg. Strebt nun eine Ausbildung zum Elektroniker an.

Philipp Wecker (16): Hat den Realschulabschluss in der Tasche und tritt nun bei Tönnies eine Ausbildung zum Elektroniker an.
Leonhard Kolodziej (20): Arbeitete nach dem Fachabitur am Reinhard-Mohn-Kolleg ein Jahr bei Lidl. Im kommenden Jahr möchte er eine Ausbildung zum Handelsfachwirt beginnen.

Ines Boniek (19): Abitur am Evangelisch Stiftischen Gymnasium, absolviert jetzt bei Miele eine Ausbildung zur Industriekauffrau.






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