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Lokal: Wie sieht eine Erinnerungskultur aus?

Runder Tisch diskutierte über die Pflege des kulturellen Erbes

Text: Heiner Wichelmann

Rund 20 Bürgerinnen und Bürger, darunter Vertreter aus Kultur- und Bildungseinrichtungen, Schulen, freie Autoren und geschichtlich Interessierte, folgten am 13. Juni der offenen ersten Einladung des städtischen Fachbereichs Kultur zum Thema „Kulturelles Erbe und Erinnerungskultur“ in den Konferenzraum 22 der Stadthalle Gütersloh. Sie nutzten damit das Angebot zum freien Dialog über einen der vier im Rahmen des Konzepts zur Kulturentwicklungsplanung der Stadt Gütersloh definierten Haupt-Themenbereiche. Fazit: Der Gedanken- und Ideenaustausch ist eröffnet. Die Teilnehmer definierten den Begriff der Erinnerungskultur, konkretisierten Projektideen und diskutierten das Thema als eine strategische Aufgabe für die Weiterentwicklung einer kulturaktiven Stadtgesellschaft.  

„Gelebter Umgang mit dem kulturellen Erbe“
Kurzer Blick zurück: Schon 2005 hatte der Kulturausschuss der Stadt kulturpolitische Leitziele definiert und beschloss auf dieser Basis 2014 eine Kulturentwicklungsplanung für Gütersloh. Diese soll unter Beteiligung möglichst vieler kulturpolitisch interessierter Menschen aus der Bürgerschaft erstellt werden. Ein Ergebnis der Workshops zum Kulturentwicklungsplan im vergangenen Jahr war, auch die „Erinnerungskultur“, die sich mit der lokalen Geschichte auseinandersetzt, zum Schwerpunkt zu machen. Mit ihrer ersten Sitzung in der Stadthalle haben die Teilnehmer jetzt ihre Arbeit aufgenommen. Projektleiterin Kirsten Reckeweg vom städtischen Fachbereich Kultur, die zusammen mit Fachbereichsleiterin Lena Jeckel durch den dreistündigen Abend führte, formulierte es so: „Erinnerungskultur ist, ganz allgemein gesehen, der gelebte Umgang mit dem kulturellen Erbe“ und ergänzte: „Sie sollte nicht rein rückwärtsgewandt sein, sondern relevant für das Heute und prägend für das Morgen.“ Die Stolpersteine vor den von den Nazis abgebrannten früheren Häusern jüdischer Familien in Gütersloh sind ein Beispiel solchen Umgangs. Die vielfältige historische Arbeit im Stadtarchiv und dem Stadtmuseum, in den Heimatvereinen, dem Miele-Museum, in den Schulen, in der Denkmalpflege oder im Förderverein historischer Kirchen gehören dazu. So wie die Bewahrung noch vorhandener alter Bautradition und Namensgebungen für Straßen, Plätze und Quartiere. Die Teilnehmer des runden Tisches konnten auf Post-Its Beispiele für Erinnerungskultur schreiben. Sie wurden auch von Kirsten Reckeweg und Lena Jeckel gebeten, Beispiele für Erinnerungsorte in Gütersloh zu notieren und Vorschläge für die inhaltliche Arbeit zum Thema zu formulieren. Schließlich waren die Stellwände voll mit den Post-Its und boten mannigfaltigen Diskussionsstoff.
Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und damit die Kultur der Erinnerung geben auch Antworten auf die Identität einer Stadt und ihrer Bürger. Gibt es eine spezifische Gütersloher Identität? Die Gesprächs- und Arbeitsrunde war sich nicht sicher. Gütersloh ist stetig gewachsen, neue Generationen sind zugezogen, Gütersloh ist internationaler geworden, weltoffen und weltverbunden; insofern ist Gütersloh eine Stadt wie jede andere. Was die Menschen mit der Geschichte einer Stadt vor allem verbindet, ist, äußerte der Gütersloher Autor Matthias Borner einen Gedanken, die Wirtschaftsgeschichte, konkret: Bertelsmann, Miele, Vossen, Pfleiderer, die Textilunternehmen und andere mehr haben die Stadt in erster Linie zu dem gemacht, was sie heute ist. Sie haben viele tausend Neubürger mit ihren Geschichten und Erinnerungen in die Dalkestadt gelockt – Jahr für Jahr.

Lust aufs Erinnern wecken
Die Teilnehmer am ersten Erinnerungskultur-Austausch stellten fest, dass Themenfelder wie die Ein- und Auswanderung, die Zeit des Nationalsozialismus und die Industriegeschichte noch nicht ausreichend erforscht sind. Der effektiven Vernetzung und Koordinierung aller Aktivitäten in diesen Themenbereichen könnte eine Kommunikationsplattform für die lokale Geschichtskultur dienen – eine Idee, die schon in den bisherigen Diskussionen rund um den Kulturentwicklungsplan diskutiert wurde. Über diese Schiene ließen sich auch jüngere Akteure für die Mitarbeit gewinnen. „Geschichte muss erlebbar, anfassbar gemacht werden“, formulierte einer am runden Tisch, und man müsse „Lust aufs Erinnern“ wecken. Vor allem aber, warfen Stephan Grimm, Leiter Stadtarchiv, und Dr. Franz Jungbluth, Leiter Stadtmuseum, ein, müsse das Erinnern auch „nutzbar“ sein: Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Welcher Weg ist irrig? Welche kulturelle Tradition gilt es zu bewahren und auszubauen?
In der Gesprächsrunde schälten sich einige Themen heraus, auf die die Teilnehmer in der zukünftigen Beschäftigung mit der Stadtgeschichte besonderen Wert legen wollen. Dazu gehört, dass der Flaneur in Gütersloh geschichtsträchtige Orte auch als solche erkennt. Es mangele an Infotafeln, digitalen Angeboten, an Denkmalen, generell an einem nach außen dokumentierten Geschichtsbewusstsein der Stadt. Auch wurde die stärkere Nutzung von Unternehmens- und Vereinschroniken angemahnt und ein Erzählcafé als Begegnungs- und Veranstaltungsort wieder ins Spiel gebracht, nachdem das bisherige Erzählcafé eingeschlafen ist. Wie man es möglichst attraktiv gestalten kann, damit beschäftigte sich eine Teilgruppe des Runden Tisches, während eine andere sich mit der Gründung einer Geschichtswerkstatt auseinandersetzte. Ziel dieser Werkstatt soll sein, konkrete Maßnahmen für ein Handlungskonzept zur Erinnerungskultur und zum Umgang mit kulturellem Erbe zu entwickeln.

Nationalsozialismus in Gütersloh bleibt zentrales Thema
Es mangelte an diesem Abend nicht an Ideen, Aufgaben, Herausforderungen, um dem Ziel der gestalteten Erinnerungskultur in Gütersloh, die sich vor allem auch der Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus in Gütersloh widmen muss, zu entsprechen. Vieles ist bereits mit größter Sorgfalt zusammengetragen worden, neben den bereits genannten Kultur- und Bildungseinrichtungen auch in Stiftungen, Parteien, Schulen und Kirchen, der VHS und in Heimatvereinen. Jetzt gilt es zu sammeln, zu strukturieren, ein Konzept zu erstellen und letztlich einen Beschluss im Kulturausschuss zu fassen. Vielleicht steht am Ende ein zentrales Haus der Geschichte irgendwo in Gütersloh, in dem sich vor allem auch die junge Generation dank modernster digitaler Präsentationstechnik gerne aufhält? ˜

INFO:
Am 14. November 2019 findet der 2. Runde Tisch zum Thema Erinnerungskultur statt.  

Foto 1: Projektleiterin Kirsten Reckeweg (links) und, Lena Jeckel, Leiterin städtischer Fachbereich Kultur, hatten zum Runden Tisch „Erinnerungskultur“ eingeladen. Fotos: Heiner Wichelmann
Foto 2: Belebten die Diskussionsrunde mit ihren engagierten Beiträgen (v. l.): Sarah Alawuru
(Freiherr-vom-Stein-Realschule, 10. Klasse), Timo Güthenke (Anne-Frank-Gesamtschule, 11. Klasse), Frederic Kalefeld (Evang. Stift. Gymnasium, 10. Klasse).



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