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Wir sollten einen Runden Tisch einrichten!

Jedes zehnte Ladengeschäft in Deutschland sei von der Schließung bedroht, so eine Studie vom Institut für Handelsforschung. Die Gründe: immer stärker werdender E-Commerce und fehlender Veränderungswille. Dies, gepaart mit Leerstand von Gewerbeflächen und kommunaler Überforderung, sorge in inigen Fällen für weniger Vielfalt in den Innenstädten. Während der Einzelhandel in den Metropolen floriere und experimentierfreudig sei, böten
Einkaufsstraßen anderer Kommunen lediglich ein ähnliches Bild von Handelsketten, gemischt mit Gastronomieangeboten, und wenig Abwechslung. Dass man eine Innenstadt betreten kann, ohne zu wissen, in welcher Stadt man sich gerade befindet, wird bereits seit dem Erstarken der Filialisten beklagt. Viele Kommunen mit rund 100.000 Einwohnern haben
gar ums nackte Überleben der Einzelhandelslandschaft zu kämpfen – und sind froh, überhaupt Mieter für leer stehende Gewerbeflächen gewinnen zu können. Kein Wunder, wenn viele abwandern – in größere Städte, aber vor allem ins Netz. 

Interview: Markus Corsmeyer; Fotos: Wolfgang Sauer

Vor dem Hintergrund der Gesamtsituation des Einzelhandels haben wir das Thema zum Stadtgespräch gemacht. Wir wollen wissen:  Wie ist Gütersloh aufgestellt? Welche Möglichkeiten haben die Einzelhändler? Wie sehen gerade die Vertreter der traditionellen Familienbetriebe die Situation? Welche Ideen haben sie? GT-INFO Chefredakteur Markus Corsmeyer traf sich mit Axel Keisinger (Modehaus Wörmann), Georg Müller (Fleischerei Müller) und Christopher Rascher-Friesenhausen (Tabakhaus Friesenhausen) zum Interview und sprach mit Einzelhändler Markus Finke und Reiner Schorcht, Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes.

Wie ist der Gütersloher Einzelhandel
aufgestellt? 

Georg Müller: Die Entwicklung der Kundenfrequenz ist leider rückläufig. Dagegen müssen wir unbedingt etwas tun. Darüber hinaus muss an der Aufenthaltsqualität in Gütersloh gearbeitet werden. Ein Beispiel: Die Begrünung des Berliner Platzes während des Gütersloher Frühlings ist so positiv angekommen. Warum kann die Parklandschaft daher auf Dauer nicht länger in der Innenstadt bleiben? Es ist wichtig, die Menschen durch attraktive Angebote in die Stadt zu holen. Man muss auch über die Verkehrspolitik nachdenken. Die neue Parkplatzsituation vor dem Rathaus ist für uns als Geschäftsinhaber so in der Form nicht gut. Gütersloh ist aber grundsätzlich eine „schlafende Sternschnuppe“. Man könnte so viel aus dieser Stadt machen. Wir müssen nur an den richtigen Stellschrauben drehen, um sie weiter in die richtige Richtung zu bringen.

Axel Keisinger: Im Augenblick ist die Welt in Gütersloh noch halbwegs in Ordnung. Wir machen uns aber natürlich schon Gedanken, wie die Zukunft aussehen könnte. Wir können einen deutlichen Frequenzrückgang in den vergangenen Jahren verzeichnen. Das hat unter anderem etwas damit zu tun, dass fast alle Arztpraxen aus der Innenstadt gezogen sind. Darüber hinaus sind die Erreichbarkeit und das kurze Parken enorm wichtig. Diese Möglichkeit hat man durch den Wegfall des Parkplatzes auf dem Konrad-Adenauer-Platz genommen. 

Christopher Rascher-Friesenhausen: Ich kann mich dem nur anschließen. Es gibt viele kleine Stellschrauben, an denen wir drehen müssen. Und wir müssen gemeinsam mit der Stadt an einem Strang ziehen. Die inhabergeführten Geschäfte kämpfen immer dafür, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Es ist aber schon frustrierend, wenn uns dann Steine in den Weg gelegt werden. 

Welche Veränderungen beobachten Sie im Kaufverhalten der Gütersloher? Konkret: Wie war es noch vor zehn Jahren – und wie heute?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Die Frequenz hat sich meines Erachtens auf gewisse Tage fokussiert. Es gibt super Tage beziehungsweise Wochenenden – und dazwischen ist es schon wechselhaft. Da gestaltet sich die Personalplanung schwierig. Uns fehlt oft einfach die Planungssicherheit ...  

Georg Müller: Wir tun alles, um unsere Läden so attraktiv wie möglich für die Kunden zu gestalten. Lässt man die vergangenen zehn Jahre Revue passieren, kann man leider feststellen, dass viele inhabergeführte Geschäfte mittlerweile geschlossen haben. 

Christopher Rascher-Friesenhausen: Das ist auch ein schleichender Prozess. Daher ist es 

wichtig, dass wir uns zusammensetzen. Wenn ein großer Betrieb schließt, steht es gleich in der Zeitung. Die kleinen Geschäfte verschwinden jedoch still und leise. Daher müssen wir unsere Stimme erheben, damit rechtzeitig entsprechende Maßnahmen gegen diese Entwicklung ergriffen werden können. In Städten, die kleiner als Gütersloh sind, ist die Entwicklung schon dramatisch. 

Axel Keisinger: Es ist ein deutlicher Frequenzrückgang spürbar. Immer mehr Kunden fahren uns gezielt an. Immer weniger machen aber spontan einen Stadtbummel. 

Woran liegt es genau? Wo sehen Sie die größten Probleme? Ist es die Online-Konkurrenz?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Das ist ein sehr komplexes Thema. Jede Branche hat auch ihre eigenen Probleme. Natürlich ist der Online-Handel eine Bedrohung. Viele Kunden denken rational nach, ob sie in die Stadt fahren oder nicht.  Sie stellen die Frage: Lohnt es sich für mich überhaupt – oder klicke ich lieber? 

Georg Müller: Kunden verlieren ein Stück Lebensqualität, wenn sie online einkaufen. Bei uns bekommen sie unter anderem auch ein Lächeln geschenkt.

Kann man von einer mangelnden Wertschätzung der Gütersloher für ihre Stadt sprechen?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Grundsätzlich müssen wir uns nicht verstecken vor anderen Städten. Gütersloh ist attraktiv. Die Struktur im Einzelhandel ist gar nicht so schlecht wie häufig dargestellt. Ich persönlich vermisse kaum etwas. Das sehen viele auch so wie ich. 

Welche Maßnahmen würden Ihnen für Ihr Geschäft helfen? Und wie sähe die Innenstadt aus, wenn Sie es alleine bestimmen könnten?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Wir müssen die Richtung bestimmen. Ein Pauschalrezept gibt es nicht. Wie bereits vorhin erwähnt – es muss an Stellschrauben gedreht werden. Parkplätze sind natürlich wichtig. Aber man muss natürlich auch etwas für die Kinder tun. Alleinstellungsmerkmale, die man nicht in der Nachbarstadt findet, sind wichtig. Die Stadt müsste bei solchen Dingen mutiger sein.

Axel Keisinger: Man muss sich grundsätzlich davon verabschieden, dass man als Einzelplayer weiterkommt. Wir sind nur gemeinsam stark. Der Onlinehandel ist eine große Konkurrenz, aber wir stehen auch im Wettbewerb mit der Nachbarstadt Bielefeld. Wir werden Bielefeld vom Angebot her nicht schlagen können, aber wir müssen es unseren Kunden in anderen Dingen während des Einkaufs so angenehm wie möglich machen. Auch gastronomisch wäre ein besseres Angebot in der Innenstadt hilfreich. 

Gibt es zu wenig Kooperation der Einzelhändler untereinander?

Axel Keisinger: So viele inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte gibt es ja nun nicht mehr in der Stadt. Und auf der anderen Seite stehen die Filialisten und Immobilieninhaber mit ihren eigenen Interessen. So wie es sich zurzeit darstellt, ist es keine optimale Situation, die die Innenstadt zukunftsfest macht. 

Hat es in der Vergangenheit Fehler in der Innenstadtpolitik gegeben?

Georg Müller: Man hätte von der Stadt aus schon eher einmal Gespräche führen müssen. Jungen Unternehmen hätte man vielleicht mit einer reduzierten Gewerbesteuer entgegenkommen können, um ihre Geschäfte so anfangs zu unterstützen. 

Fühlen Sie sich von der Stadt Gütersloh ernst genommen? Kann man die Zusammenarbeit noch verbessern?

Axel Keisinger: Wir müssen weiter zusammenarbeiten. Die Stadt muss aber auch ein Interesse daran haben, dass die Innenstadt interessant ist und dort attraktive Geschäfte sind. 

Georg Müller: Geht es uns gut, geht es der Stadt gut! Wenn wir nur noch Ketten haben, geht die Vielfalt verloren. 

Christopher Rascher-Friesenhausen: Große Ketten konzentrieren sich nur noch auf den Mainstream. Wenn wir Vielfalt wollen, brauchen wir viele kleine Geschäfte, die auch die Nischen besetzen. 

Axel Keisinger: Wir sollten einen Runden Tisch einrichten!

Wer soll denn an diesem Runden Tisch sitzen?

Axel Keisinger: Die Verantwortlichen der Stadt, Vertreter des Handels und Immobilienbesitzer und Bürger. 

Wo würden Sie sich gerne, wenn man Sie einladen würde, konstruktiv in die Stadtplanung einbringen?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Dazu fällt mir folgendes ein: Gestaltung der Innenstadt und der Fußgängerzone sowie Parkplätze. Über einiges haben wir ja bereits vorhin gesprochen. Es gibt ja auch Beispiele aus anderen Städten, über die man hier mit Entscheidungsträgern der Stadt diskutieren kann, wie man sie umsetzen kann.  

Axel Keisinger: Es ist mir wichtig, dass Ideen von allen Beteiligten entwickelt werden. Wenn so ein Platz wie vor dem Rathaus entwickelt wird, sollte man auch mit dem Einzelhandel sprechen. Ein dauerhafter Dialog muss stattfinden. Die Stadtverwaltung sollte mehr Sensibilität entwickeln und mehr mit allen Beteiligten sprechen.

Was haben Sie sich in den kommenden Jahren in Sachen Investition vorgenommen? Sie kennen Ihre Kunden – wissen Sie auch, was sich diese wünschen? Sind Sie auf die nächste Generation vorbereitet?

Christopher Rascher-Friesenhausen: Ich habe ein historisches Gebäude und muss mit viel Sachverstand und Fingerspitzengefühl an die Dinge herangehen. Wir müssen immer wieder etwas verändern. Es ist immer etwas zu tun. Neben unserem Kerngeschäft müssen wir immer das Zusatzgeschäft im Blick haben. Es ist ein ständiges Schauen, um für die Kunden da zu sein.

Georg Müller: Wir haben in den vergangenen Jahren im sechsstelligen Bereich in Modernisierungen investiert. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Jahren noch einmal an die Ladeneinrichtung gehen. 

Axel Keisinger: Stichwort Ladeneinrichtung und Beleuchtung. Das sind Themen, an denen wir immer dran sind. Wichtig ist natürlich auch die Weiterentwicklung des Sortiments. Wir schauen aber auch immer, welche besonderen Angebote wir für unsere Kunden schaffen. 


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